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Auf dem Hockenheimring feiern an diesem Wochenende Zehntausende beim Glücksgefühle-Festival. Eine Band fehlt: Alphaville. Die Veranstalter hatten die Gruppe nach einem Streit über politische Äußerungen von Sänger Marian Gold ausgeladen. Gold hatte sich zuvor unter anderem gegen die AfD positioniert. Offiziell sollten politische Botschaften auf den Bühnen unterbleiben, das Festival „komplett unpolitisch“ bleiben.
Doch ausgerechnet Alphavilles größter Hit ist dort plötzlich überall zu hören. Bei der Pre-Party spielte Alle Farben „Forever Young“. Tom Gregory eröffnete am Freitag damit sein Set. Nura stimmte den Song ebenfalls an und machte klar, dass es mit ihr keine unpolitische Show gebe. Ski Aggu verteidigte die Freiheit von Künstlern, Haltung zu zeigen, Mia Julia positionierte sich gegen Rechtsextremismus.
Aus einzelnen Gesten wurde schnell eine Solidaritätswelle. Die Donots stellten sich öffentlich hinter Alphaville. Peter Brings erklärte, seine Band würde unter diesen Umständen nicht auftreten. Bausa setzte mit „Forever Young“ in einer Story ein Zeichen, Zartmann kündigte ausdrücklich ein politisches Statement an. DJ Beauty & the Beats sagte seinen Auftritt ganz ab. Felix Jaehn und Culcha Candela wollen am Samstag ebenfalls Stellung beziehen – Culcha Candela notfalls sogar mit Megaphonen.
Ein Festival, das Politik von seinen Bühnen fernhalten wollte, hat damit ausgerechnet eine Debatte ausgelöst, die weit über sein Programm hinausgeht. Und sie führt zu einer grundsätzlichen Frage: Kann Musik überhaupt unpolitisch sein? Gerade die deutsche Musikgeschichte spricht gegen eine so klare Trennung. Reinhard Mey, Hannes Wader, Konstantin Wecker oder Franz Josef Degenhardt verstanden die Bühne seit Jahrzehnten auch als Ort gesellschaftlicher Einmischung. Krieg und Frieden, Freiheit, soziale Konflikte und politische Verantwortung waren immer wieder Stoff ihrer Lieder. Kunst entsteht nicht außerhalb der Gesellschaft.
Festivalveranstalter Markus Krampe räumte die Ausladung inzwischen als Fehler ein und lud Alphaville erneut ein. Marian Gold lehnte ab. Die zuvor entstandene Atmosphäre lasse einen Auftritt nicht mehr zu. Da hatte der Streit bereits eine andere große Bühne erreicht.
Vor rund 25.000 Menschen griff Campino das Thema beim Konzert der Toten Hosen in Münster auf. Er nannte es „extrem fragwürdig“ und „absurd“, jemanden auszuladen, der sich gegen die AfD oder Donald Trump äußere und „stabil“ für die Demokratie sei. Für ihn sei damit „eine neue Grenze überschritten und eingerissen“. Campino machte zugleich deutlich, dass die Toten Hosen ein anderes Verständnis von Bühne haben. Politische Haltung gehöre für sie dazu. Und er widersprach dem Argument, damit erreiche man ohnehin nur jene, die schon derselben Meinung seien: Was auf einer solchen Bühne gesagt werde, gehe über soziale Medien und Berichterstattung nach draußen. Dann rief er mit dem Publikum: „Nazis raus!“ Schließlich holte er Marian Gold auf die Bühne – ausgerechnet in Münster, wo Alphaville einst gegründet wurde. Campino ließ keinen Zweifel daran, was er von der Ausladung hielt. Alphaville sei „so viel Millionen Mal größer als dieses beschissene Piss-Festival“, sagte er. Gemeinsam sangen Campino und Marian Gold „Forever Young“.
Später ist der Song genau dort angekommen, wo Alphaville nicht mehr auftreten sollte, auf dem Glücksgefühle-Festival. Den bislang eindrucksvollsten Moment lieferte am Freitag der Kölner Männerchor Grüngürtelrosen. Er sang „Forever Young“, das Publikum stimmte lautstark ein. Danach machte der Chor seine Haltung unmissverständlich klar: hinter Alphaville, für Meinungsfreiheit, künstlerische Freiheit und Demokratie – gegen AfD, Nazis und Faschisten.
So wird ein mehr als 40 Jahre alter Welthit an diesem Wochenende zum Protestsong gegen verordnetes Schweigen. Alphaville fehlt auf der Bühne. Ihr Lied nicht. Und ausgerechnet auf einem Festival, das unpolitisch sein wollte, singen am Ende Tausende „Forever Young“.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.