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Die gesetzlichen Krankenkassen haben 2024 so viel Geld für Arzneimittel ausgegeben wie nie zuvor. 59,3 Milliarden Euro flossen in Medikamente – ein Plus von mehr als neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der neue Arzneimittel-Kompass 2025 von Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) und AOK-Bundesverband zeigt, dass vor allem patentgeschützte Präparate den Anstieg treiben. Deren Evidenz ist zum Zeitpunkt der Markteinführung häufig begrenzt, viele richten sich an kleine Patientengruppen.
Arzneimittel bilden mittlerweile den zweitgrößten Ausgabenposten der Gesetzlichen Krankenversicherung. Seit 2011, als das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) eingeführt wurde, sind die Kosten um gut 125 Prozent gestiegen. Patentgeschützte Mittel machten 2024 bereits 54 Prozent der Gesamtausgaben aus – bei nur sieben Prozent Anteil an den verordneten Tagesdosen. Im ersten Halbjahr 2025 stiegen die Nettoausgaben erneut um knapp fünf Prozent. AOK und WIdO rechnen für das Gesamtjahr mit einem Anstieg von mehr als fünf Prozent; auch 2026 sei mit ähnlichen Zuwächsen zu rechnen.
WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder sieht ein Kernproblem im AMNOG-Verfahren. Unternehmen nutzten zunehmend Strategien, um die frühe Nutzenbewertung und nachgelagerte Preisverhandlungen zu umgehen. Preis und therapeutischer Nutzen entfernten sich wieder voneinander, so Schröder. Selbst Mittel ohne belegten Zusatznutzen könnten hohe Erstattungsbeträge erzielen. Aus seiner Sicht müsse das Verfahren um einen kostenbasierten Ansatz erweitert werden.
Zu diesen Umgehungsstrategien zählt die sogenannte Orphanisierung. Hersteller bringen verstärkt Arzneimittel für seltene Erkrankungen auf den Markt, für die bis zu einer Umsatzschwelle von 30 Millionen Euro kein Nutzennachweis verlangt wird. 2024 gab es 42 Neueinführungen, darunter 24 Orphan-Arzneimittel. Obwohl ihr Versorgungsanteil weniger als ein Promille beträgt, verursachen sie knapp 14 Prozent der Gesamtkosten. Schröder warnt, dadurch werde „immer mehr Geld für immer weniger Versorgung“ ausgegeben.
Parallel steigen die Packungspreise im Patentmarkt weiter. Zwischen 2015 und 2024 kletterten die durchschnittlichen Preise von 4100 Euro auf 7700 Euro pro Packung. Mehr als 48 Prozent des Bruttoumsatzes entfielen 2024 auf Packungen mit Preisen über 1000 Euro. Die Umsätze hochpreisiger Arzneimittel haben sich binnen zehn Jahren nahezu verdreifacht.
Auch der AOK-Bundesverband fordert deshalb eine Reform des AMNOG und zusätzliche Eingriffe in die Preisbildung. Deutschland habe zwar schnellen Zugang zu neuen Arzneimitteln, sagt Vorstandsvorsitzende Carola Reimann, doch brauche es dafür wirksame Regeln. Die Pharmaindustrie dürfe nicht von Effizienzanforderungen ausgenommen werden. Reimann schlägt vor, Medikamente mit unsicherer Evidenz nur noch in qualifizierten Zentren einzusetzen. Zudem solle für neue Arzneimittel ein Interimspreis gelten, statt dass Unternehmen in den ersten sechs Monaten den Erstattungsbetrag frei festlegen. Eine Anhebung des Herstellerabschlags auf 16 Prozent sowie eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel könnten weitere Entlastung bringen.
Eine zusätzliche Baustelle ist die Transparenz bei Forschungs- und Entwicklungskosten. Claudia Wild vom Austrian Institute for Health Technology Assessment argumentiert im Arzneimittel-Kompass, die Öffentlichkeit finanziere Arzneimittel oft doppelt: über Steuergelder, die in die Forschungsförderung fließen, und anschließend über hohe Medikamentenpreise, die mit F&E-Kosten begründet werden. Da es keine standardisierte Berichterstattung über öffentliche Anteile gebe, könnten Unternehmen den Eindruck aufrechterhalten, sie trügen die Entwicklungskosten weitgehend allein.
Wild schlägt acht Kategorien vor, mit denen direkte und indirekte öffentliche Beiträge systematischer erfasst werden könnten – von der Grundlagenforschung bis zur Evidenz nach Markteinführung. Zudem plädiert sie für vertragliche Vorgaben: Öffentliche Förderung könnte an Rückzahlungsbedingungen gekoppelt werden, sobald ein bestimmter Umsatz erreicht ist.
Der Arzneimittel-Kompass 2025 liefert damit nicht nur eine Analyse der Ausgabenentwicklung, sondern auch eine Reihe politischer Lösungsansätze. Im Zentrum steht die Frage, wie der Zugang zu Innovationen gesichert werden kann, ohne die solidarisch finanzierte Krankenversicherung weiter zu belasten.
Transparenzhinweis: Die Berichterstattung erfolgt unter Verwendung einer Pressemitteilung des AOK-Bundesverbandes und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).
