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In Kleinprovincia wird gespart. Grundsteuer rauf, Gebühren rauf, Leistungen runter. Jugend, Soziales, Vereine, Sport, Kultur und Beratung lernen den Rotstift kennen. Auch die Hauptstadt hilft: Sie reformiert Rente, Pflege, Gesundheit und Sozialstaat. Beim Wort „Reform“ greift der Kleinprovinzianer inzwischen vorsichtshalber an den Geldbeutel.
Der Mittelstand rechnet Waschmaschine gegen Autoreparatur, Heizkosten gegen Zahnarzt. Eine Etage darunter wird nicht mehr gerechnet. Dort wird gestrichen: Sportverein, Klassenfahrt, neue Schuhe. Zum Schuljahresbeginn tagt der Haushaltsausschuss am Küchentisch – ohne Sitzungsgeld, ohne Kämmerer, ohne Möglichkeit, das Defizit ins nächste Jahr zu schieben. Der Bund reformiert, Kleinprovincia konsolidiert, der Bürger bezahlt.
Kein Brot, keine Spiele – dann eben Ehre
Knapp vier Wochen Sommerpause liegen hinter dem Obersten Bürger. So viel Hauptstadt muss sein. In der Nacht vor seinem ersten Arbeitstag liegt er wach. Morgen sind sie wieder da: Haushaltsloch, Arbeitsplatzsorgen, Krankenhausdefizit, Gebühren, Sparlisten. Was kann Kleinprovincia seinen Bürgern überhaupt noch geben? Weniger Grundsteuer? Nein. Niedrigere Gebühren? Nein. Mehr Zuschüsse? Niemals. Brot und Spiele? Brot kostet Geld. Spiele sind freiwillige Leistung. Dann hat er sie: die Lösung. Ehre.
Ehre braucht kein zusätzliches Personal, keinen Investitionskredit, keinen Nachtragshaushalt. Dafür gibt es Urkunde, Händedruck, Grußwort, Foto. Ausgerechnet jene kommunale Währung also, in der der Oberste Bürger ohnehin Weltklasseformat besitzt. Empfänge, Jubiläen, Vereinsbesuche, Eröffnungen, Gratulationen: Würde Repräsentieren olympisch, müsste Kleinprovincia das Rathausdach zum Siegerpodest umbauen. Vier Wochen Erholung haben sich gelohnt.
Ehre ist haushaltsfreundlich
Am nächsten Morgen wird gerechnet. Sozialprojekt: teuer. Schuldnerberatung: teuer. Jugendförderung: kein Zuschuss. Ehrentitel: haushaltsfreundlich. Bei den Blumen lässt sich notfalls noch konsolidieren. Begonnen wird im Rathaus. Altbürgermeister, Altbürgermeisterin, Altoberbürgermeister, Ehrenbürger. Eine Amtsperiode? Reicht offenbar. Nicht einmal eine ganze? Ging auch schon.
Mit Regeln hat Kleinprovincia Erfahrung. Vor allem mit ihrer Ankündigung. Nach der letzten Titelrunde hatte es in der Traditionspartei noch kräftig gerumpelt: kein Automatismus mehr, klare Kriterien vor der nächsten Urkunde. Einige der damaligen Mahner sitzen inzwischen selbst am Ehrentisch. Das Verfahren hat sich bewährt: Erst Erfahrungen sammeln, dann Regeln schreiben. Regeln gibt es deshalb noch immer keine. Dafür neue Urkunden.
Im Ehrungsbüro liegen derweil drei neue Vorgänge: zweimal Altbürgermeisterin, einmal Ehrenbürger. Beratungsort: hinter verschlossenen Türen. Bürgerbeteiligung erfolgt anschließend durch Kenntnisnahme. Bleibt es bei der Übung, kann die Verwaltung die Urkunden für die heutige Rathausspitze vorsorglich schon einmal vorbereiten. Papier wird schließlich auch nicht billiger.
Nun schreitet der Oberste Bürger zur Tat. Sein Spitzenbeamter bekommt den Auftrag, die schöne neue Ehrenordnung verwaltungsfest zu machen. Der Chef übernimmt die Titelfindung persönlich und liefert schon einmal Vorschläge. Nur eines fällt dabei auf: Wenn das Rathaus immer nur das Rathaus ehrt, könnte draußen jemand auf falsche Gedanken kommen. Kommunikativ ungünstig. Also erweitert der Oberste Bürger sein Programm kurzerhand zur Bürgeroffensive.
Der Kommunalpolitiker entdeckt die Bürger
Für jahrelange Pflege von Angehörigen schlägt der Oberste Bürger das Pflegekreuz am Bandscheibengurt vor. Wer über die Freiwilligenagentur einspringt, bekommt nach seinem Entwurf die Ehrennadel für besondere Lückenfüllung. Für Feuerwehr und THW fallen ihm Goldener Löschhelm und Verdienstzeichen des ergrauten Helfers ein, für die Sicherheitswacht der Goldene Streifenschuh, für Schulweghelfer die Warnweste am Bande.
Kleinprovincia kann nun fast jede gesellschaftliche Lücke auszeichnen. Personal wäre teurer. Ganz leer dürfen aktive und ehemalige Stadträte trotzdem nicht ausgehen. Nach zwölf Jahren gibt es das Kommunale Sitzkissen mit Silberborte, nach 24 das Große Sitzkissen mit Goldkordel. Wer noch länger durchhält, bekommt Rückenpolsterung. Der Bürger erhält die Urkunde, der Mandatsträger sitzt weich. Protokoll ist Protokoll. Jetzt kann der Oberste Bürger schlafen.
Eine Mehrheit findet sich schon
Um die Mehrheit muss der Oberste Bürger jedenfalls nicht wieder wach liegen. Bei Mehrheiten, Ämtern und der Sitzordnung der Macht empfängt sein Navigationsgerät schließlich jeden Satelliten. Sollte die eigene Fraktion bei den Urkunden knurren, kennt er längst noch andere Türen im Rathaus.
Nach der letzten Wahl setzte die Traditionspartei ihre Parteigranden ins Verhandlungskämmerlein. Dort wurde sondiert, formuliert und Kaffee verbraucht. Als die Türen wieder aufgingen, war das Rathaus bereits erstaunlich passend möbliert: ein Bürgermeister hier, ein weiterer dort, ein Referat beim nächsten Partner. Kleinprovincia nennt so etwas ergebnisoffene Verhandlungen. Die Partei hatte sondiert. Der Oberste Bürger hatte offenbar verhandelt.
Später bestellte die eigene Fraktion wegen der Wirtschaftskrise eine große Sondersitzung: Fachleute, Themenblöcke, Zukunft, Maßnahmen. Geliefert wurde ein Tagesordnungspunkt in einer normalen Sitzung. Kleinprovincia kennt schließlich auch bei politischen Bestellungen das Recht auf Ersatzlieferung. Auch bei Personal und Referenten zeigte sich: Woher die Mehrheit kommt – dem Rathaus egal. Kleinprovincia besitzt damit die Fraktion neuen Typs: Sie hat eine eigene Meinung, vertritt sie öffentlich – und gewöhnt sich anschließend an das Gegenteil.
Auch Überweisungen verdienen Orden
Bleiben jene Kleinprovinzianer ohne Amt und Ehrenamt. Auch sie leisten. Vor allem Überweisungen: Grundsteuer, Wasser, Müll, Miete, Energie, Krankenkasse, Pflege, Schule. Danach wartet schon die nächste Reform aus der Hauptstadt. Zwei Kinder durch Schule und Ausbildung gebracht, ohne finanziell umzufallen? Familienfinanzakrobat Erster Klasse. Nach Miete und Abgaben noch dreistellig auf dem Konto? Mittelständler mit Restvermögen. Sämtliche Sparrunden überstanden und im Rathaus trotzdem freundlich gegrüßt? Ehrenoptimist Kleinprovincas. Für jahrzehntelange Abbuchungstreue gibt es den Altbürger mit Dauerauftrag. Kein Sitzkissen natürlich. Irgendwo muss gespart werden.
Für Ehre reicht es noch
Am ersten Arbeitstag ist das Haushaltsloch immer noch da. Arbeitsplätze verschwinden. Im Krankenhaus wird gerechnet. Gebühren steigen, Zuschüsse sinken. Der Mittelstand rechnet. Wer weniger hat, verzichtet. Aber Kleinprovincia kann wieder verteilen. Fast kostenlos, nahezu unbegrenzt, hervorragend geeignet für Händedruck, Grußwort und Foto. Für Brot reicht es nicht. Bei den Spielen wird gekürzt. Aber Ehre ist noch da.
Und die Regeln? Die kommen später. Kleinprovincia muss schließlich Prioritäten setzen.
Realität? Nein. Doch nicht hier. Das ist Kleinprovincia.
Fortsetzung folgt …
O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.
Hinweis: Diese Satire spielt in der fiktiven Stadt Kleinprovincia. Personen, Parteien, Vorgänge und Dialoge sind erfunden, verdichtet oder satirisch verfremdet. Ähnlichkeiten mit realen Entwicklungen können vorkommen. Satire überzeichnet und vereinfacht, um politische und gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen; sie bildet tatsächliche Abläufe nicht wörtlich ab.