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Bürgermeisterwahl: House of Cards mit Zimmerservice

Griaß eich, i bins, da Schoasch, euer Rathauspförtner.

I sog’s eich: Es gibt Tage im Rathaus, da brauchst koa Theaterabo mehr. Da stehst am Eingang, grüßt freundlich, schaust harmlos und kriegst die ganze Aufführung frei Haus. Ohne Pause. Ohne Vorhang. Und ohne, dass einer am Ende sagt: Entschuldigung, des war jetzt wirklich zu blöd.

Bürgermeisterwahl. Eigentlich einfach: Einer kandidiert. Andere stimmen ab. Ergebnis. Fertig. In Ingolstadt brauchst dafür inzwischen a Programmheft. Besetzungsliste, Seitenwechsel, Pausensnack und Warnhinweis: Achtung, hier werden Stühle verteilt. Sachfragen warten draußen. Die Finanznot sitzt im Flur. Um die Bürger geht es erstmal nicht. Die dürfen später wieder rein. Wenn’s ums Zahlen geht.

Stühle vorn, Bürger draußen

Am Montag is durchs Rathaus ganga: Jetzt ham’s angeblich was auskartelt. Franz Wöhrl von der CSU soll zweiter Bürgermeister werden. Hauptamtlich. Christian De Lapuente von der SPD weiterer Bürgermeister. Ehrenamtlich. Die Grünen kriegen Umwelt. Vielleicht a Aufgabe. Vielleicht a Arbeitskreis. Vielleicht nur a grünes Türschild ohne Zimmer dahinter.

I hör zwei reden: „Also CSU und SPD kriegen Stühle?“ – „Ja.“ – „Und die Grünen?“ – „A grünes Schild, falls einer nach Inhalt fragt.“ I denk mir: Wochenlang reden, schieben, wechseln, zurückziehen, moralisch turnen. Ergebnis: CSU Stuhl. SPD Stuhl. Grüne Schild. Bürger draußen. Dann stören’s beim Verteilen ned.

Dann zeigt mir einer am Handy, was De Lapuente über Wöhrl zu einer großen Zeitung gesagt hat: Er tue sich schwer zu sehen, welche Themen der Wöhrl abdecken könne. Also als zweiter Bürgermeister. Gleichzeitig wär Zustimmung leichter, wenn Rot-Grün beim dritten Bürgermeisteramt was abkriegt. Da hab i kurz gebraucht. Beim Wöhrl: Nebelbank. Beim eigenen Stuhl: Zieleingabe erfolgreich.

Wenn der Stuhl Sachthema wird

Später hör i im Gang: „Der Christian De Lapuente von der SPD sagt jetzt, es sei ned bloß um Posten gegangen, sondern auch um Inhalte.“ Der andere lacht: „Aus der CSU hörst, beim roten Christian sei es hauptsächlich um Stühle gegangen.“ Kurze Pause. „Also draußen Inhalt. Drinnen Sitzprobe.“

I denk mir: Des is a Kunst. Wennst lang genug um a Amt kreist, heißt der Stuhl irgendwann Sachthema. Und wenn einer fragt, ob’s ned doch um den Stuhl geht, sagst: Nein, des is Verantwortung mit Rückenlehne. Im Rathaus brauchst koa Konzept. A Stuhl reicht. Musst ihn nur oft genug „Verantwortung“ nennen.

Mein Kollege sagt: „Schoasch, eigentlich müsst ma uns den alten Spruch vom Albert Wittmann ans Schwarze Brett hängen.“ I sag: „Vom Albert Wittmann?“ Er sagt: „Ja, ehemaliger CSU-Bürgermeister. Der mit: ‚Oh mei, is des a Deppenhaufen. Des gibt’s ja gar ned.‘“ I sag: „Bist narrisch? Wenn wir des aufhängen, gibt’s Personalgespräch und Kurs Wertschätzung im Eingangsbereich.“

Er zeigt aufs Handy: „Aber Christian De Lapuente von der SPD darf über Franz Wöhrl von der CSU sagen, er sieht schwer, was der thematisch bringt.“ I sag: „Ja. Wenn wir’s sagen, is es frech. Wenn er’s sagt, is es Analyse.“ Mein Kollege: „Gemeint is doch dasselbe.“ I sag: „Freilich. Nur mit Bügelfalte.“ So is des Rathaus: Unten aufpassen, wie du grüßt. Oben darfst jemanden politisch ausziehen, wenn du die richtigen Wörter anhast.

Später beim Kaffeeautomaten: „Was bringt der De Lapuente selber fürs Bürgermeisteramt mit?“ – „Industriemechaniker. Betriebsrat. Gewerkschaft. DGB. Stadtrat. Fraktionschef.“ – „Verwaltung?“ – „Naa.“ – „Referat?“ – „Naa.“ – „Bürgermeistererfahrung?“ – „Naa.“ – „Aber beim Wöhrl schaut er genau hin?“ – „Ja und den Christopher Hofmann hat er ja auch als ungeeignet abgelehnt “ I denk mir: Des is wie wenn einer mit’m Roller in die Werkstatt kommt und dem Busfahrer erklärt, der Bus sei zu groß. Wer arbeitet, verdient Respekt. Aber wennst ohne Rathaus-Kompass daherkommst, musst beim anderen ned gleich den Meisterbrief suchen.

Die CSU gibt dem Fuchs den Schlüssel

Erst war Hofmann von der CSU da. Vorgeschlagen. Dann politisch zu sperrig. Dann weg. Dann Franz Wöhrl von der CSU. Und jetzt soll vielleicht genau der De Lapuente von der SPD mit ins Bürgermeisterzimmer, dessen Seite vorher sehr genau wusste, warum CSU-Kandidaten angeblich schwierig sind.

So versteh i’s: Erst schaust einen so lang kritisch an, bis er nimmer stehen mag. Dann stellst den nächsten hin. Am Ende setzt sich einer dazu, der vorher erklärt hat, warum der erste ned passt. Kann Zufall sein. Dann is der Zufall in Ingolstadt aber erstaunlich gut vorbereitet.

Und die CSU? Stärkste Kraft. Eigener Vorschlag. Angeblich festgelegt: „De Lapuente niemals.“ Und jetzt pflastert sie ihm jetzt den Weg ins Rathaus. Sie legt fast noch den roten Teppich hin. I sag zu meinem Kollegen: „Wenn i CSU-Stadtrat wär und müsst beim De Lapuente a Kreuzerl machen, mir tät wahrscheinlich die Hand abfallen.“ Mein Kollege sagt: „Schoasch, des is hart.“ I sag: „Naa. Hart is, wennst danach erklären musst, des sei ein Erfolg.“

Und dann sag i: „Des is, als würdst an Fuchs beim Hühnerstall erwischen und ihm dann den Schlüssel geben, damit er sauber zusperrt.“ Mein Kollege schaut mi an. I sag: „Gemein wär a Gruppenfoto. Bildunterschrift: Erfolgreich verhandelt.“

A Stadtrat meint: „Die CSU is als Tiger gestartet.“ I sag: „Und?“ Er: „Jetzt eher Fußabstreifer.“ I denk mir: A Fußabstreifer hat wenigstens a Aufgabe. Bei der CSU schaut’s aus: außen Löwe, innen Sitzkissen.

Kernmichel, Karten und Schnüre

Und Oberbürgermeister Michael Kern von der CSU? Der Kernmichel? Der steht im Hintergrund und schaut wahrscheinlich so ruhig, wie einer schaut, der weiß, wo die Fäden hängen. Am Kopierer: „Am Ende kriegt der Kern doch genau seine Mischung.“ – „CSU, SPD, Grüne? – „Schaut so aus.“ – „Und alle ham gmeint, der schaut nur zu.“ – „Vielleicht hat er zugeschaut. Aber von oben auf die Marionetten.“

I sag ned, dass er alles gezogen hat. I bin ja nur Pförtner. Aber wenn am Ende alle Figuren dort stehen, wo’s für den Hausherrn praktisch is, darf ma fragen, wer die Bühne aufgebaut hat. I sag a ned, dass des Intrigen san. I sag nur: Wenn’s so ausschaut, so riecht und am Ende genau dort landet, wo’s landen soll, dann brauchst als Pförtner koa Politikwissenschaft studiert ham.

Dann einer: „Des is wie House of Cards.“ Der andere: „Warum?“ – „Einer aufgebaut, einer weg, eine wechselt die Seite, einer zählt acht Stimmen, keiner weiß, wer mit wem redet, und am Schluss sitzt vielleicht der im Bürgermeisteramt, der vorher am lautesten gezweifelt hat.“ – „Und die CSU hilft?“ – „Ja.“ – „Dann House of Cards mit Zimmerservice. Da wird der Stuhl ned erkämpft. Da wird er geliefert.“

I hab leise lachen müssen. Im Dienst lacht ma sparsam. Aber des Bild passt: Einer mischt. Einer zählt. Einer hält den Stuhl. Der Bürger steht draußen und fragt sich, ob des no seine Stadt is oder a schlechte Vorabendserie mit Sitzungsgeld. Und die AfD? Muss nix machen. Zuschauen reicht. Die kriegt Wahlwerbung frei Haus. Wenn die anderen lang genug Stühle schieben, muss draußen nur einer sagen: „Schauts her. Genau des mein i.“ Wahlkampf ohne Plakate.

Acht Stimmen, drei Männer, eine Rechnung

Dann die acht Stimmen. Seit Dorothea Deneke-Stoll bei der SPD-Fraktion sitzt, wird dort gern gerechnet. Acht. Zweitstärkste Fraktion. Klingt gut. Nur hat der Wähler des so ned bestellt. I hör: „Acht sind acht.“ – „Ja. Aber ned aus der Urne.“ I denk mir: Im Rathaus gibt’s zwei Demokratien. Die eine kommt aus der Urne. Die andere aus dem Möbelrücken.

Und die Frauenfrage? Kurz da, schnell weg. Vorher hieß es, bei den Bürgermeisterämtern müsse auch eine Frau eine Rolle spielen. Jetzt stehen offenbar Oberbürgermeister Michael Kern, Franz Wöhrl von der CSU und Christian De Lapuente von der SPD im Raum. Drei Männer. Einer sagt: „Hat halt im Paket nimmer gepasst.“ I denk mir: Haltung is wie a Klappstuhl. Solang Platz is, steht sie da. Wenn’s eng wird, kommt sie in den Keller.

Nebenbei reden alle vom Sparen. Die Stadt hat Druck. Die Bürger zahlen mehr Grundsteuer. Saftig mehr. Und im Rathaus wird bei der eigenen Ausstattung auch gespart. Freilich. Wie wennst beim Schweinsbraten die Petersilie weglässt und sagst: „Heute leicht.“ Bei sich selber a bissl weniger. Beim Bürger deutlich mehr. Ausgewogen nennt ma des. Einer wiegt’s. Der andere zahlt’s. I denk da an die Aufwandsentschädigung von dene Rätinnen und Räte und die neue Geschäftsordnung vom Stadtrat.

Am Ende vielleicht drei Bürgermeister. Drei Türschilder. Drei Hände zum Schütteln. Drei Grußworte beim Vereinsjubiläum. Aber wer schaut auf die Kasse? Wer hält die Verwaltung kurz? Wer sagt Nein, wenn alle Ja sagen wollen? Wer macht aus dem Stuhlkreis eine Richtung? Und wenn’s brennt, fragt wahrscheinlich jeder erst, wer laut Geschäftsordnung den Feuerlöscher halten darf.

Sieg mit Blumenstrauß

Morgen wird gewählt. Geheim. Passt. In diesen Tagen is vieles geheim: Bauchweh, Absprachen, Ärger, Reue. Und vielleicht der Moment, in dem einer merkt, dass er nicht gewonnen hat, sondern nur dabei war.

Wenn der Stuhlkreis so kommt, hat Ingolstadt vielleicht Bürgermeister. Aber ob’s a Richtung hat, weiß i ned. Christian De Lapuente von der SPD hätte seinen Stuhl. Schön serviert. Die SPD ihre acht. Die Grünen ihr Grün. Oberbürgermeister Michael Kern seine Mischung. Franz Wöhrl von der CSU sein Amt. Und die CSU die Möglichkeit, sich einzureden, des sei ein Erfolg.

Vielleicht stimmt’s ja. Aber dann möcht i ned wissen, wie bei denen a Niederlage ausschaut. Wahrscheinlich mit Blumenstrauß und Pressefoto.

Also pfiat eich, sagt da Schoasch.

O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.

Hinweis: Alle dargestellten Personen, Parteien und Ereignisse sind satirisch verfremdet. Sollte sich dennoch jemand wiedererkennen, ist das entweder Zufall – oder gesellschaftliche Trefferquote. Satire überzeichnet, verdichtet und vereinfacht, um Zusammenhänge sichtbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Figuren, Dialoge und Situationen stellen keine wörtliche Wiedergabe realer Gespräche oder tatsächlicher Abläufe dar.

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