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Christkindlmarkteklat landet im Stadtrat

Der Christkindlmarkt in Ingolstadt ist längst geöffnet, der Glühwein fließt, die Kassen klingen – und während sich vor den Ständen der gewohnte Adventsbetrieb abspult, hallt im Hintergrund eine Sitzung nach, die für einige Beteiligte weit weniger besinnlich verlief. Die Vorwürfe aus der Schaustellerversammlung wirken weiter, und die Antwort der Stadt beantwortet vieles – und manches fast demonstrativ nicht.

Auf Nachfrage des Nachrichtenportals O-T(h)öne vom heutigen Tag antwortete die Stadt erstmals ausführlicher auf die geschilderten Vorfälle. Die Stadt wurde um eine Einordnung gebeten, welche Bedeutung die Verwaltung den Berichten beimisst, wie die Sitzungsleitung reagierte, warum laut Zeugen als deutlich alkoholisiert wahrgenommene Beteiligte nicht des Raumes verwiesen wurden, ob Konsequenzen folgen und wie künftig mit ähnlichen Situationen umgegangen werden soll.
Konkrete Fragen – und deshalb umso auffälliger, wo die Antworten beginnen zu gleiten.

Die geschilderten Aussagen aus der Versammlung basieren auf übereinstimmenden, der Redaktion vorliegenden Schilderungen mehrerer Teilnehmender. Demnach seien Bemerkungen gefallen, die den familiären Bedürfnissen osteuropäischer Beschäftigter „keine Rolle“ zuschrieben und ihnen „grundsätzlich“ abverlangten zu arbeiten. Ein weiterer Satz lautete sinngemäß, entscheidend sei für einen Beteiligten vor allem, „wenn er am 24. Dezember sein Geld zähle“. Mehrere Beteiligte beschrieben diese Worte als rassistisch, entwürdigend und menschenverachtend. Auch der Eindruck „als deutlich alkoholisiert auftretender“ Personen gehörte zu den übereinstimmenden Berichten.

Aus dem Rathaus kommt darauf zunächst ein Hinweis, der mehr Distanz als Aufklärung schafft: ein „internes Treffen“, „nichtöffentlich“, Schausteller seien „selbstständige Unternehmer“. Es ist eine Antwort, die an der Form entlanggleitet und das inhaltliche Problem erst einmal vertagt.

Zur Bewertung heißt es dann: „Wir nehmen die Vorwürfe ernst.“ Der direkt anschließende Satz – „Zugleich liegen unterschiedliche Wahrnehmungen vor“ – wirkt allerdings wie ein Notausgang aus einer klaren Haltung. Ob die zitierten Aussagen gefallen sind, beantwortet die Stadt nicht. Sie widerspricht ihnen auch nicht.

Immerhin räumt die Verwaltung ein, dass es „Äußerungen über eigene Beschäftigte“ gab, die als „unangemessen bewertet“ wurden. Welche – das bleibt im Dunkeln, obwohl die Anfrage die strittigen Passagen offenlegte.

Wo es konkret würde, wird verallgemeinert.

Zur Frage nach dem Eingreifen erklärt das Rathaus, die Diskussion sei „unterbrochen“ worden, und man habe verdeutlicht, „dass derartige Aussagen nicht akzeptabel sind“. Was das genau heißt – ob früh, spät oder halbherzig reagiert wurde – lässt die Antwort offen.

Maßnahmen werden benannt, aber nicht beschrieben.

Der Hinweis auf als deutlich alkoholisiert wahrgenommene Wortführer bleibt unkommentiert. Kein Dementi, keine Bestätigung, keine Einordnung. Auch die Frage, warum niemand des Raumes verwiesen wurde, taucht in der Antwort nicht mehr auf.

Unbequeme Punkte verschwinden vollständig.

Bei den möglichen Konsequenzen verweist die Stadt auf den Ausschuss für Sport, Veranstaltungen und Freizeit, der den Vorgang in seiner nächsten Sitzung beraten soll – im nichtöffentlichen Teil.
Was das für Betroffene oder Strukturen bedeutet, bleibt ebenso unklar wie die Frage, ob der Ausschuss mehr erfährt als die Öffentlichkeit. Die Aufarbeitung landet damit hinter Türen, die sich nicht öffnen sollen.

Für die Zukunft nennt die Verwaltung schließlich ihren Grundsatz eines „respektvollen Umgangs“. Ein ordentlicher Satz – nur ohne Hinweis darauf, wie dieser Anspruch im Ernstfall praktisch durchgesetzt werden soll.

Werte statt Werkzeuge.

Wie heute vom Christkindlmarkt zu hören war, wird vor Ort inzwischen versucht, die Lage kleinzureden. So wird berichtet, die schreienden Wortbeiträge der als deutlich alkoholisiert wahrgenommenen Beteiligten hätten sich „nur auf die eigenen osteuropäischen Mitarbeiter“ bezogen – als würde das die Sache entschärfen.

Ebenfalls wird berichtet, das größere Problem sei für manche nicht der Vorfall selbst, sondern dass überhaupt etwas aus der Sitzung nach außen gedrungen ist. Die Frage, wer geredet hat, scheint dort schwerer zu wiegen als die Frage, was gesagt wurde. Der Fokus verlagert sich – weg vom Inhalt, hin zur Kontrolle über ihn.

Am Ende bleibt die Frage, wie laut eine Stadt hören will, wenn etwas aus ihrem eigenen Verantwortungsbereich dringt. Die Antworten aus dem Rathaus sind freundlich, vorsichtig – und an entscheidenden Stellen leer. Der Vorfall selbst wird relativiert, das Weitererzählen problematisiert. Der Christkindlmarkt läuft trotzdem weiter. Die Beleuchtung ist zuverlässig. Die Aufarbeitung weniger.

Der Markt läuft weiter. Die Aufklärung wird irgendwann nachziehen – vielleicht. Und doch bleibt ein Maßstab, der sich nicht relativieren lässt: der unverfügbare Wert jedes Menschen. An ihm müsste sich alles messen lassen – auch in Ingolstadt und das nicht nur an Weihnachten.

Transparenzhinweis: Eigene Recherche.

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