Anzeige

Das Klinikum Ingolstadt kränkelt

Ein Kommentar von Thomas Thöne

Das Klinikum Ingolstadt ist ein kommunales Krankenhaus im Eigentum der Stadt Ingolstadt. Es wird mit öffentlichen Mitteln finanziert und mit öffentlichen Millionen saniert. Kurz gesagt: Es ist das Krankenhaus der Bürger. Nur beim Informationsfluss gegenüber der Öffentlichkeit kränkelt es massiv. Es wirkt zunehmend wie eine geschlossene Gesellschaft.

O-T(h)öne hat zur Notaufnahme detailliert nachgefragt. Einige Antworten waren konkret. Bei erstaunlich vielen entscheidenden Fragen waren sie es nicht. Und irgendwann geht es nicht mehr darum, ob ein lokales Nachrichtenportal Antworten bekommt. Es geht darum, ob die Öffentlichkeit erfährt, was in ihrem Klinikum passiert – und auf welcher Grundlage dort geplant, gesteuert und kontrolliert wird.

Patienten anderswo – aber wie viele?

Wie viele Patienten aus Ingolstadt wurden in Krankenhäuser außerhalb des Stadtgebiets gebracht, weil eine Aufnahme am Klinikum nicht oder nicht zeitnah möglich war? Das Klinikum nennt keine belastbare Zahl. Solche Fälle seien nicht Teil der eigenen Leistungserfassung.

Dabei geht es nicht um Statistik. Dahinter stehen Patienten und Angehörige: weitere Wege, erschwerte Besuche, zusätzlicher organisatorischer Aufwand. Und es geht um den Rettungsdienst. Muss ein Rettungswagen einen Patienten in ein Krankenhaus im Landkreis, nach München oder Regensburg bringen, steht dieses Fahrzeug während dieser Zeit für die Notfallrettung vor Ort nicht zur Verfügung. Je weiter die Fahrt, desto länger. Wie oft das vorkommt? Die Öffentlichkeit erfährt es nicht.

Im Freien ausgeladen – aber nicht gezählt

Ähnlich sieht es bei der Fahrzeughalle aus. Wenn sie nicht angefahren werden kann, werden Patienten teilweise bereits davor aus Rettungswagen ausgeladen. Das Problem ist seit Jahren bekannt. Es war Thema in der Verbandsversammlung des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung und im Aufsichtsrat des Klinikums. Die Fahrzeughalle ist zudem nicht ausreichend beheizt. Nun soll die Übergabe grundlegend verändert werden. Nur wie oft Patienten bislang draußen übergeben wurden, kann das Klinikum nicht beziffern: Diese Fälle werden nicht separat statistisch erfasst. Fazit: Zwei Gremien befassen sich mit dem Problem. Eine neue Lösung wird geplant. Aber die Zahl der Fälle kann das Klinikum nicht nennen. Was man nicht zählt, kann man schlecht steuern.

Überlastet? Keine Zahl

Auch bei der Belastung der Notaufnahme bleibt vieles im Nebel. Durchschnittliche und maximale Auslastung? Keine Zahl. Entwicklung von Wartezeit und Aufenthaltsdauer über drei Jahre? Nicht genannt. Wie oft wurde die Notaufnahme wegen Überlastung für weitere Zuweisungen abgemeldet oder eingeschränkt? Keine Zahl, kein Zeitraum. Bekannt ist lediglich die aktuelle durchschnittliche Wartezeit: rund 3,5 Stunden. Ob die übrigen Zahlen nicht vorliegen oder lediglich nicht veröffentlicht werden, bleibt offen. Für die Öffentlichkeit macht das Ergebnis zunächst keinen Unterschied: Sie kann die tatsächliche Belastung der Notaufnahme kaum nachvollziehen.

Es ging früher anders

Diese Abschottung ist kein Naturgesetz. Unter den früheren Geschäftsführern Michael Herrler und Heribert Fastenmeier war mehr Öffentlichkeit selbstverständlich. Wirtschaftspläne waren einsehbar, Aufsichtsratssitzungen hatten einen öffentlichen Teil, auch wichtige Themen des Klinikums wurden dort behandelt. Es ging also anders. Deutlich anders. Das Klinikum hat sich mittlerweile völlig eingeigelt.

Dass hinter verschlossenen Türen durchaus gesprochen wird, zeigt ein Aufsichtsratsmitglied selbst. Am 23. Juli berichtete es auf Facebook von einer Besichtigung im Klinikum. Neue Notaufnahme, neue Intensivstation, Kühlung – „viele Fragen“ seien diskutiert worden. Gut so. Dafür gibt es einen Aufsichtsrat. Aber was erfährt der Bürger, der dieses Klinikum mit seinen Steuermitteln finanziert?

Verantwortung hat Namen

Spätestens hier wird daraus eine politische Frage. Der Ingolstädter Oberbürgermeister Michael Kern (CSU) führt den Vorsitz im Aufsichtsrat, Bürgermeister Franz Wöhrl (CSU) ist Erster stellvertretender Vorsitzender. Mit ihnen tragen Christopher Hofmann, Alfred Grob, Simona Rottenkolber und Albert Wittmann für die CSU, Ulrich Bannert und Lukas Rehm für die AfD, Anton Böhm und Quirin Witty für die SPD, Christoph Spaeth und Maria Segerer für Bündnis 90/Die Grünen, Hans Stachel für die Freien Wähler, Eva Bulling-Schröter für Die Linke, Matthias Schickel für die UWG, Jakob Schäuble für die FDP und Raimund Köstler für die ÖDP Verantwortung im Aufsichtsrat.

Wenn die Geschäftsführung die Öffentlichkeit nicht ausreichend informiert, müssen diese Aufsichtsratsmitglieder Transparenz einfordern. Denn wenn das Klinikum an Intransparenz kränkelt, darf sich sein Aufsichtsrat nicht davon anstecken lassen. Das sind die politischen Mandatsträger nicht nur dem Klinikum, sondern vor allem ihrer Wählerschaft schuldig.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Kennt der Aufsichtsrat die Zahlen, die der Öffentlichkeit nicht genannt werden? Wenn ja: Warum werden sie nicht veröffentlicht? Wenn nein: Auf welcher Grundlage kontrolliert er dann das Klinikum? Beides ist erklärungsbedürftig.

Natürlich muss nicht jede interne Information öffentlich sein. Aber hier geht es um Patientenversorgung, Kapazitäten und öffentliche Millionen. Transparenz ist keine Gefälligkeit. Sie ist Voraussetzung für Kontrolle.

Den Bürgern darf nicht nur die Rechnung gehören. Das Klinikum hat sich bei der Transparenz lange genug eingeigelt. Dafür, dass sich das ändert, trägt jedes einzelne Aufsichtsratsmitglied Verantwortung.

Diesen Beitrag teilen