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Von Thomas Thöne
Weihnachtsmärkte gelten gern als Orte, an denen die Wirklichkeit für ein paar Wochen höflich draußen wartet. Glühwein, Lichter, das Versprechen auf Frieden – fertig ist die saisonale Parallelwelt. Ingolstadt zeigt gerade, wie dünn diese Kulisse tatsächlich ist. Hinter der Budenfront endet die Adventsromantik abrupt, und es wird kälter, als jede Frostnacht vermuten lässt.
Was aus der jüngsten Schaustellerversammlung berichtet wird, ist nicht der „Ausrutscher eines Abends“. Es ist ein Blick auf Haltungen, die man längst überwunden glaubte: lautstarke Zwischenrufe, enthemmtes Auftreten, abwertende Bemerkungen über Beschäftigte aus Osteuropa. Das ist kein Stimmungsbild, das ist ein Weltbild. Alkohol produziert so etwas nicht. Er macht es lediglich hörbar.
Dass ausgerechnet jene Menschen Ziel der Entgleisungen gewesen sein sollen, die ohnehin am wenigsten Macht in diesem System haben, ist kein Zufall. Wer abhängig Beschäftigte als austauschbare Ressource betrachtet – als notwendiges Zubehör eines lukrativen Dezembergeschäfts –, hat das Prinzip der Menschenwürde nicht verfehlt, sondern beiseitegeschoben. Und dass solche Sätze in einer offiziellen Vorbereitungssitzung fallen konnten, ohne sofortige Grenzziehung, ist politisch bemerkenswerter als jedes einzelne Wort.
Umso irritierender wirkt das Verhalten jener, die Verantwortung tragen sollen. Nach übereinstimmenden Schilderungen saß ein Stadtrat direkt an dem Tisch, aus dem die problematischen Äußerungen kamen – aber offenbar ohne wahrnehmbaren Widerspruch. Wie war das noch mit der Vorbildfunktion? Manchmal ist der entscheidende Ton genau der, der fehlt.
Dass niemand der laut auftretenden Personen des Raumes verwiesen wurde, fügt sich nahtlos in dieses Bild. Nicht hinzusehen ist der älteste Reflex kommunaler Selbstbeschwichtigung. Bequemer ist er allemal. Verantwortung zeigt sich nicht im Mitlaufen, sondern im Eingreifen. Und dieser Anspruch gilt für städtische Repräsentanten erst recht. Kein Wunder, dass im Laufe der Recherche aus dem Kreis der Beschicker und Marktkaufleute zunehmend die Frage gestellt wurde, wie eng bestimmte Beziehungen sind – und wo dringend Distanz angebracht wäre.
Auch die Stellungnahme der Stadt folgt diesem Muster: höflich, korrekt, und in entscheidenden Momenten nur noch ausweichend. Viele Sätze sagen, dass man etwas sagt – nicht unbedingt, was. Verwaltungspoesie statt Aufarbeitung, Prinzipien statt Konsequenzen.
Man kann als Stadt vieles unterschiedlich wahrnehmen – Farben, Temperaturen, politische Nuancen. Aber entweder wurde in einem Raum lautstark und alkoholisiert geschrien oder nicht. Entweder fielen entwürdigende, möglicherweise rassistisch verstandene Äußerungen oder nicht. Das sind keine Fragen der Perspektive, sondern der Tatsache. Zwei städtische Mitarbeiter waren anwesend. Dass sich die Verwaltung dennoch auf „unterschiedliche Wahrnehmungen“ zurückzieht, wirkt weniger wie Aufklärung und mehr wie eine semantische Notbremse. Wahrnehmung ist keine Ausrede, wenn Verantwortung gefragt ist – und die trägt nun einmal die Stadt als Veranstalterin des Ingolstädter Christkindlmarktes.
Dabei wäre gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, Verantwortung nicht nur zu deklarieren, sondern sichtbar werden zu lassen. Wenn die Würde von Menschen verletzt wurde, reicht es nicht, auf Verfahren zu verweisen. Der unverfügbare Wert jedes Menschen ist keine adventliche Dekoration, die man nach Saisonende wieder verstaut. Er ist Grundlage menschlichen Handelns – oder sollte es zumindest sein.
Draußen glitzern die Lichter, der Glühwein wärmt, der Markt funktioniert tadellos. Hinter der Szenerie aber zeigt sich ein anderes Bild: eines, das weniger nach Besinnlichkeit riecht als nach Verantwortungslücke. Ein Christkindlmarkt, der nach außen Wärme verkauft und hinter den Buden Kälte duldet, hat ein strukturelles Problem. Und das lässt sich nicht mit Lichterketten überstrahlen – egal, wie hell sie leuchten.
