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Der Kaufhof als politisches Wunschkonzert

Man hatte sich im Ältestenrat verabredet, es klein zu halten. Kein Streit, keine Richtungsentscheidung, nur Information. Das Wort „Bekanntgabe“ sollte beruhigen. Es stand über dem Tagesordnungspunkt wie ein Versprechen auf kurze Aufmerksamkeitsspanne und frühes Ende. Doch kaum waren Nachnutzungsszenarien und Vermarktungsprozess des ehemaligen Galeria Kaufhofs aufgerufen, verwandelte sich die als „Bekanntgabe“ deklarierte Vorlage in ein politisches Wunschkonzert.

In das Thema führte Georg Rosenfeld, Vorstand für Wirtschaftsförderung und Digitalisierung ein. „Zwischenstand“, sagte er, und präsentierte das vertraute Vokabular der Verwaltung: Baukasten, Bewertungsachsen. Strahlkraft gegen Flächengröße, Wirtschaftlichkeit gegen Zuschussbedarf. Die Markthalle sei „unter bestimmten Bedingungen tragfähig, im Prinzip schwierig“. Das Hotelkonzept dagegen „relativ das günstigste“. Alles andere bleibe abhängig von Betreibern, Fördermitteln und Marktlaune. „Keine gemähte Wiesn“, räumte Rosenfeld ein – stattdessen ein angekündigter „Marktstresstest“.

Drei Szenarien lagen auf dem Tisch: Hotel mit Erlebnisnutzung, Seniorenwohnen, Studierendenwohnen mit Theater, Nahversorgung und Gastronomie. Modular, kombinierbar, noch ohne politische Konsequenzen. Entscheiden wolle man später.

Dann meldete sich der Stadtrat – und mit ihm die politischen Linien.

Für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN machte Christian Höbusch deutlich, was ihm fehlte: der Handwerkerhof. Ein entsprechender Antrag sei gestellt worden, doch „das hat in dieser Untersuchung überhaupt keinen Platz gefunden“. Gerade für ältere Menschen in der Innenstadt brauche es kurze Wege.

Manfred Schumann (SPD) fragte aus strategischer Perspektive nach möglichen Synergien mit den jüngst veräußerten Signa-Objekten in München. Nach seiner Kenntnis gebe es dort „noch keine fertigen Vermarktungskonzepte“, die entscheidende Phase beginne erst. Aus der SPD brachte Jörg Schlagbauer den Realismus ins Spiel. Entscheidend sei, dass am Ende eine Nutzung entstehe, „die auch einem Investor schmeckt“. Ein Konzept, das sich wirtschaftlich nicht trage, bleibe Papier. Das junge Theater begrüßte Schlagbauer ausdrücklich – auch wenn es bezuschusst werde. Beim Frankenstein-Thema warnte er davor, bei einem „reinen Gruselkabinett“ stehenzubleiben.

Einen anderen Akzent setzte Thomas Deiser (CSU). Für ihn braucht die Stadt vor allem Frequenz von außen. „Wir brauchen da neue Leute, neue Menschen in der Stadt, nicht immer die ständig gleichen“, sagte Deiser. Der östliche Teil der Fußgängerzone sei seit der Kaufhofschließung „ziemlich tot“. Belebung könne nur über touristische Nutzung gelingen.

Was hier als Vielfalt an Ideen erschien, war vor allem eines: der Versuch, Zeit zu gewinnen.

Deutlich praxisnäher argumentierte Francesca Pane (DIE LINKE). Sie nannte das „Frankenstein-Dungeons“ eine „gute Idee“ und berichtete von ihrem Besuch im Hamburger Dungeon, eine Mischung aus Theater, Gruselkabinett und Geschichtsinszenierung: „Das zieht wirklich wahnsinnig viele Leute an.“ Auch das Parkplatzargument ließ sie nicht gelten – das Maritim-Parkhaus sei in der Nähe. Zudem brachte sie Kunst und das junge Theater als mögliche Nutzungen ins Spiel.

Kritisch wurde es beim Blick auf das Erdgeschoss. Raimund Köstler (ÖDP) bemängelte, dass gerade die Schaufensterflächen „der eigentliche Wert des Gebäudes“ seien – und in den vorgelegten Konzepten nicht überzeugend genutzt würden. Die vorgeschlagenen Zwischennutzungen seien besser als alles, was sonst vorgesehen sei. Zudem warnte er: Wird das Gebäude komplett an einen Investor abgegeben, bestimmt dieser – und nicht mehr der Stadtrat.

Für Offenheit warb Veronika Peters (SPD). Sie verwies auf ein Pop-up-Ikea in Nürnberg und auf Malls in China, in denen Wohnen, Bildung, Handel und Kultur selbstverständlich nebeneinander existierten. „Es geht um Leben in der Stadt“, sagte Peters – und bekannte sich klar zum jungen Theater als Frequenzbringer.

Stadtrat Achim Werner mahnte: „Wir müssen sehr, sehr froh sein, wenn wir ein Konzept finden, das einem Investor schmeckt“, sagte er. Die IFG sei eine städtische Tochter – alles, was dort passiere, lande am Ende im Haushalt. Diese Linie verstärkte Christian Lösel (CSU). Eine Entwicklung, die von Beginn an auf Zuschüsse angewiesen sei, bedeute eine „Dauerzuschusssituation“, die sich die Stadt nicht leisten könne. Das Gebäude müsse sich „weitestmöglich selber tragen“.

Am schärfsten formulierte es Hans Stachel, Fraktionsvorsitzender der FREIEN WÄHLER. Die Debatte sei „desillusionierend“. Man komme „über das Stadium des Wünsch-dir-was nicht hinaus“. Glockenspiel, Dungeon, Sehnsüchte – so werde man die Stadt nicht zukunftsfähig machen. „Wir haben hier kein Wunschkonzert.“

Zum Schluss kehrte Rosenfeld noch einmal ans Rednerpult zurück. Er dankte für die „Resonanz“ und sprach von einem „Kompass im Möglichkeitsraum“. Jetzt müsse man in den Markt gehen, Gespräche führen, rechnen. Es werde schwierig. Aber: Wenn man es nicht versuche, bleibe Leerstand – und dann sei niemandem gedient.

Eine Entscheidung fiel nicht. Sie war auch nicht vorgesehen. Doch die Sitzung machte deutlicher als jede Folie, wer was will: Tourismus oder Wohnen, Markt oder Gestaltung, Wunsch oder Kassenlage. Der ehemalige Galeria Kaufhof ist damit längst mehr als ein Innenstadtprojekt. Er ist ein politischer Spiegel – für Prioritäten, die längst gegeneinander stehen. Man hatte es klein halten wollen im Stadtrat. Groß geworden ist es trotzdem.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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