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Der Kaufhof und die Rechnung der Stadt

Ingolstadt ringt um jeden Euro – und berät zugleich über ein Projekt, das mitten in eine Phase wachsender Finanznot fiel. Der Zuschlag für den Kauf des ehemaligen Galeria Kaufhofs in der Ludwigstraße ging Ende des Jahres 2024 an die Stadt.

Die Stadt Ingolstadt steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Sparen allein reicht nicht mehr, hat Finanzreferent Franz Fleckinger im Finanzausschuss offen eingeräumt. Eine Deckungslücke von bis zu 90 Millionen Euro im Verwaltungshaushalt, drohende Versagung der Kreditgenehmigung, Haushaltssperren, Steuererhöhungen – selbst Pflichtaufgaben stehen unter strukturellem Prüfvorbehalt.

Und in dieser Situation beschäftigt sich der Stadtrat am 18. Dezember 2025 mit genau diesem Gebäude, das Geld kostet und bis heute über kein verbindlich gesichertes Betreiber- und Vermarktungsmodell verfügt: dem ehemaligen Galeria Kaufhof in der Ludwigstraße.

Der zeitliche Kontext ist dabei zentral. Der Zuschlag für den Kauf des ehemaligen Galeria Kaufhofs erfolgte Ende 2024, noch in der Amtszeit des damaligen Oberbürgermeisters Christian Scharpf (SPD). Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stadt den Konsolidierungskurs bereits eingeschlagen, die finanziellen Spielräume waren erkennbar geschrumpft. Der Erwerb fiel damit nicht in eine Phase finanzieller Entspannung, sondern in eine Situation, in der sich die strukturellen Probleme des Haushalts bereits abzeichneten.

Der Kauf erfolgte damit nicht in Zeiten finanzieller Entspannung. Die Haushaltslage war bereits angespannt, Konsolidierungsmaßnahmen waren beschlossen. Gleichwohl entschied sich die Stadt, über ihre Wirtschaftsförderung IFG Eigentümerin eines innerstädtischen Großobjekts zu werden – mit dem Ziel, Einfluss auf die Entwicklung einer Schlüsselimmobilie zu behalten. Heute, da Kreditaufnahmen wackeln, Bedarfszuweisungen nur unter strengen Auflagen in Aussicht stehen und selbst Pflichtaufgaben überprüft werden sollen, wirkt diese Entscheidung wie eine Hypothek aus einer Phase, in der man sich Entwicklung noch eher leisten konnte als heute.

Der Preis der Ordnungspolitik

Der Kauf des Kaufhofs lässt sich als ordnungspolitischer Zugriff lesen. Ein leer stehender Warenhauskomplex mitten in der Innenstadt galt als städtebauliche Gefahr. Ein unkontrollierter Verkauf an private Investoren hätte Nutzungen nach sich ziehen können, die politisch kaum steuerbar gewesen wären. Also griff die Stadt ein – bewusst, aktiv und mit finanziellen Folgen.

Seitdem bindet das Gebäude Mittel. Für Sicherung, Instandhaltung und Versicherungen. Für Zwischennutzungen, Öffentlichkeitsarbeit und technische Mindeststandards. Allein die nun geplante temporäre Belebung der Erdgeschossflächen soll weitere rund 160.000 Euro kosten. Der eigentliche Umbau würde – je nach Nutzung – Investitionen zwischen 15 und über 20 Millionen Euro erfordern; Fördermittel sind dabei ausdrücklich noch nicht berücksichtigt.

Der Kaufhof ist damit nicht nur ein Immobilienprojekt. Er ist eine Maßstabsfrage: Wie konsequent meint es die Stadt mit Sparpolitik, wenn sie selbst Eigentümerin eines Projekts bleibt, dessen wirtschaftlicher Erfolg ungewiss ist?

Drei Konzepte – eine klare Tendenz

Die vorgelegte Machbarkeitsstudie entwickelt drei Nachnutzungsszenarien: ein touristisch geprägtes Hotelkonzept, Seniorenwohnen oder Studierendenwohnen. Auffällig ist dabei, dass die Gutachter eine klare Präferenz erkennen lassen. Das Modell „Erleben & Übernachten“ erreiche die höchste Zielerfüllung und verspreche – zumindest rechnerisch – das beste Verhältnis von Baukosten zu erwartbaren Mieterträgen. Politisch ist daraus bislang keine Richtungsentscheidung geworden.

Denn die gleichen Gutachten dämpfen die Erwartungen. Sie verweisen ausdrücklich auf wirtschaftliche Risiken: die starke Abhängigkeit von einem einzelnen Betreiber, unsichere Erlöse in Erd- und Untergeschoss, Betreiberrisiken bei touristischen Attraktionen und die offene Frage, ob sich dauerhaft ausreichend Besucherzahlen generieren lassen. Selbst beim vermeintlich besten Szenario bleibt unklar, ob sich die Rechnung am Ende trägt. Scheitert die Vermarktung oder verzögert sie sich weiter, bleibt die Stadt Eigentümerin eines teuren Leerstands – in einer Phase, in der sie sich selbst kaum noch Investitionsspielräume zugesteht.

Zeit kaufen in Zeiten knapper Kassen

Trotz dieser Einschätzungen trifft der Stadtrat keine Richtungsentscheidung. Am 18. Dezember steht formal lediglich eine Kenntnisnahme an. Statt Klarheit empfiehlt die Verwaltung den nächsten Zwischenschritt: einen Markt-Stresstest, Gespräche mit potenziellen Betreibern, ein Letter-of-Intent-Verfahren – erneut begleitet vom bisherigen Gutachterkonsortium. Über die finanziellen Details der weiteren Schritte liegt bislang keine abschließende Bewertung vor.

In einer Phase, in der jede Ausgabe auf den Prüfstand gestellt wird, ist das ein bemerkenswerter Befund. Während andernorts gekürzt, gesperrt und überprüft wird, wird beim Kaufhof weiter geplant – in der Hoffnung, dass sich irgendwann ein tragfähiges Modell findet.

Haushaltspolitik mit doppeltem Maß?

Parallel verschärft sich die finanzielle Realität. Grundstücksverkäufe sollen Liquidität schaffen, städtische Beteiligungen müssen Defizite abbauen, freiwillige Leistungen stehen zur Disposition. Eine Erhöhung der Grundsteuer gilt als zwingend notwendig. Bedarfszuweisungen des Freistaats gibt es nur, wenn die Stadt glaubhaft macht, „alles zur Selbsthilfe“ getan zu haben.

Vor diesem Hintergrund wird der Kaufhof zum Lackmustest kommunaler Ehrlichkeit. Kann eine Stadt, die ihren Bürgern höhere Steuern abverlangt und Leistungen infrage stellt, zugleich Eigentümerin eines Projekts bleiben, dessen wirtschaftlicher Erfolg ungewiss ist? Oder misst sie hier mit zweierlei Maß – streng beim Alltäglichen, großzügig beim strategischen Innenstadtprojekt?

Mehr als eine Kenntnisnahme

Der Kaufhof ist längst kein reines Innenstadtprojekt mehr. Er ist Teil der Haushaltsdebatte geworden. Nicht als einzelne Zahl im Etat, sondern als Symbol dafür, wie schwer sich Politik mit Prioritäten tut, wenn Gestaltungsanspruch auf finanzielle Grenzen trifft.

Am 18. Dezember 2025 wird der Stadtrat die Sitzungsvorlage formal zur Kenntnis nehmen. Doch Verantwortung lässt sich nicht zur Kenntnis nehmen – sie muss übernommen werden. Sie verlangt eine Entscheidung: über den Kaufhof, aber vor allem über die Prioritäten dieser Stadt. Sparen reicht nicht mehr. Aber das Hoffen auf bessere Zeiten auch nicht. Die Sitzungsvorlage ist unter
https://www.ingolstadt.de/sessionnet/si0056.php?__ksinr=11862 öffentlich einzusehen.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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