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Es beginnt nicht mit einem Streit. Es beginnt mit einem Problem, das lange kaschiert wurde – und genau deshalb jetzt umso härter zurückschlägt.
Nach der Wahl von Christian Scharpf (SPD) zum Oberbürgermeister im Jahr 2020 und mit dem Beginn der Amtsperiode des Ingolstädter Stadtrats, die in diesen Wochen endet, wurde ein neuer Stil versprochen: transparenter, offener, nachvollziehbarer.
Was folgte, war etwas anderes. „Piep, piep, piep – wir haben uns alle lieb.“
Das ist keine Folklore. Das ist ein politisches Betriebsmodell – nur leider eines ohne Notausgang.
Kein Zufall, sondern politisch gewollt. Eine Phase, in der Konflikte nicht verschwanden – sondern systematisch aus dem Blickfeld gehalten wurden. Um Entscheidungen wurde nicht gerungen – sondern diese wurden vorab organisiert. Politische Unterschiede fanden nicht im Stadtrat statt – sondern diese wurden im Vorfeld neutralisiert. Es wirkte stabil. War es nie. Es war bequem. Für die Politik. Nicht für die Realität.
Harmonie als Oberfläche
Die Einigkeit entstand nicht im offenen Diskurs. Sie entstand im Hinterzimmer – dort, wo es keine Öffentlichkeit stört und keine Nachfragen kommen. In Abstimmungen, die nicht öffentlich waren. In Gesprächen, die nicht öffentlich dokumentiert wurden. In Abläufen, deren Logik der Bürgerschaft entzogen blieb. Der Stadtrat wurde zur letzten Station. Nicht zur ersten.
Das Problem ist nicht, dass abgestimmt wird. Das Problem ist, dass der Weg dorthin verschwindet – und mit ihm jede Möglichkeit, ihn zu verstehen oder zu kontrollieren. Transparenz war versprochen. Geliefert wurde das Gegenteil. Und verkauft wurde es trotzdem als Fortschritt.
Unter dem neuen CSU-Oberbürgermeister Michael Kern, seit über einem Jahr im Amt, hat sich daran nichts Grundlegendes geändert. Moderation ersetzt keine Führung. Und schon gar keine, die trägt.
Solange Geld da war, funktionierte dieses System. Konflikte wurden zugedeckt. Unangenehmes vertagt. Realitäten ignoriert. Doch diese Phase ist vorbei. Jetzt geht es um Einschnitte. Um Prioritäten. Um Entscheidungen, die unmittelbar bei den Menschen ankommen. Und damit endet automatisch die Möglichkeit, Politik im Verborgenen zu organisieren, ohne dass es irgendwann sichtbar wird.
Die Realität holt die Politik ein
Die Entwicklung der Stadtfinanzen kam nicht überraschend. Sie war sichtbar. Sie war benannt. Sie war bekannt. Und trotzdem wurde weitergemacht. Die Probleme wurden nicht übersehen. Sie wurden verdrängt – und politisch übertüncht. Ausgaben wurden beschlossen. Belastungen ausgelagert – auch in städtische Beteiligungen. Projekte wurden kreditfinanziert, ohne klare Tilgungsperspektive. Man kann das beschönigen. Oder man nennt es beim Namen: Politik auf Verschleiß. Im privaten Bereich würde ein solches Verhalten sehr schnell eine Konsequenz haben: Privatinsolvenz. Hier dauerte es länger. Aber die Rechnung kommt trotzdem. Und sie kommt jetzt. Für die Bürger bedeutet das: höhere Belastungen, weniger Leistungen, und Entscheidungen, deren Zustandekommen kaum noch jemand nachvollziehen kann.
Mit der Kommunalwahl im März 2026 endet nicht nur eine Amtsperiode. Es endet eine Phase politischer Verdrängung. Jetzt geht es nicht mehr darum, Konflikte zu vermeiden. Jetzt geht es darum, sie auszuhalten – oder daran zu scheitern. Und plötzlich wird sichtbar, was lange kaschiert wurde: Ein Stadtrat ohne klare Linie. Eine Politik, die sich erst im Konflikt sortiert. Akteure, die reagieren – statt zu führen.
Wenn Entscheidungen im Moment entstehen
Die Grundsteuer-Debatte war kein Ausreißer. Sie war ein Vorgeschmack. Ein Thema seit Monaten bekannt. Zahlen auf dem Tisch. Druck von außen. Und trotzdem: keine gemeinsame Linie. Ein Vorschlag. Relativiert. Zurückgegeben. Dann ein neuer. Kurzfristig. Politisch motiviert. Und damit kippt die Lage. Der Ton wird schärfer. Die Argumente persönlicher. Die Kontrolle geht sichtbar verloren – und zwar für alle sichtbar. Am Ende steht ein Beschluss. Aber der Weg dorthin ist alles andere als überzeugend. Eher das Gegenteil.
Das ist kein Zufall. Das ist die Konsequenz eines Systems, das Konflikte nicht löst – sondern aufstaut. Wenn Differenzen nicht offen geklärt werden, verschwinden sie nicht. Sie sammeln sich.
Und wenn sie sich entladen, dann nicht kontrolliert. Sondern öffentlich. Und unerquicklich.
Für die Bürger bleibt ein Eindruck: Positionen wirken beliebig. Entscheidungen entstehen unter Druck. Begründungen bleiben lückenhaft. Das schafft kein Vertrauen. Es beschädigt es nachhaltig.
Der politische Raum verschiebt sich
Und genau hier wird es politisch brisant. Wenn politische Prozesse nicht mehr nachvollziehbar sind, entsteht Misstrauen. Und Misstrauen bleibt nicht folgenlos. Es verschiebt den politischen Raum – leise, aber wirkungsvoll.
Die AfD profitiert davon. Nicht, weil sie politische Lösungen hat. Sondern weil andere ihre Arbeit nicht machen. Die sogenannte Alternative muss nichts liefern. Es reicht, dass andere liefern – Fehler, Widersprüche, Angriffsfläche. Wenn Politik wie ein Mix aus Taktik, kurzfristigen Richtungswechseln und intransparenten Abläufen erscheint, bleibt ein Eindruck: Hier fehlt nicht nur eine Linie. Hier fehlt Kontrolle.
Das betrifft alle Parteien. Aber für die SPD ist die Situation besonders kritisch. Der gestern veröffentlichte ARD-DeutschlandTrend zeigt bundesweit ein historisch schwaches Niveau. Nicht als Ausreißer. Sondern als Entwicklung. Weit entfernt von früherer Stärke. Gefährlich nah an einer Schwelle, die in Bayern schnell Realität werden kann: fünf Prozent.
Die Frage ist nicht mehr, wie stark die SPD wird. Die Frage ist, ob sie stabil bleibt. Und trotzdem wird hier vor Ort von der SPD taktiert, als gäbe es kein Morgen. Den Sozialdemokraten in Ingolstadt sollte klar sein: Das ist kein normales Tief. Das ist eine existenzielle Lage.
Auch für die SPD gilt: Man muss sie nicht mögen. Man muss sie nicht wählen. Man kann politisch völlig woanders stehen. Aber wer glaubt, sie sei verzichtbar, verkennt die Realität. Gerade jetzt. Wenn Vertrauen schwindet. Wenn Unsicherheit wächst. Wenn extreme Kräfte stärker werden.
Dann braucht es funktionierende demokratische Parteien – nicht solche, die mit sich selbst beschäftigt sind.
Wenn diese Parteien gleichzeitig an Profil verlieren, Vertrauen verspielen und sich im politischen Klein-Klein verlieren, wie CSU und SPD in Ingolstadt, entsteht kein Gleichgewicht. Es entsteht ein Vakuum. Und ein Vakuum bleibt nicht leer. Es wird gefüllt. Während die einen ringen, zweifeln und taktieren, reicht es für andere, abzuwarten: beobachten, kritisieren, profitieren.
Die entscheidende Frage
Die eigentliche Frage ist deshalb unangenehm – aber zwingend: Wie soll ein neuer Stadtrat große Probleme lösen, wenn schon bei bekannten Themen keine gemeinsame Linie erkennbar ist?
Wie soll Vertrauen entstehen, wenn Entscheidungswege bewusst im Dunkeln bleiben? Und wie soll Zusammenarbeit funktionieren, wenn sie erst dann sichtbar wird, wenn es bereits eskaliert?
Die bisherige Harmonie war kein Fundament. Sie war eine Oberfläche. Die aktuellen Auseinandersetzungen sind kein Ausreißer. Sie sind die logische Folge.
Was jetzt passieren muss
Die Antwort darauf wird nicht irgendwann gegeben. Sie wird jetzt gegeben. Spätestens in der konstituierenden Sitzung des neuen Stadtrats. Bis dahin muss geklärt sein, ob Zusammenarbeit tatsächlich gewollt ist – oder ob politisches Taktieren weiterhin den Takt vorgibt, wie bei der Wahl der Bürgermeister. Die Bildung von Mehrheiten. Die ersten Entscheidungen. Das ist kein formaler Akt. Das ist ein Realitätstest – und zwar ein harter.
Gerade bei Personalentscheidungen – etwa rund um zentrale Funktionen wie Bürgermeisterposten und Kandidaten wie Hofmann – zeigt sich, ob es um Verantwortung geht oder um Machtarithmetik. Wenn bereits vor der ersten gemeinsamen Sitzung Forderungen gestellt, Bedingungen formuliert und Positionen abgesichert werden, setzt sich genau das fort, was diese Stadt überhaupt erst in diese Lage gebracht hat.
Dann beginnt dieser Stadtrat nicht mit Zusammenarbeit. Sondern mit Misstrauen. Und Misstrauen ist kein Betriebsmodus. Es ist ein Dauerproblem.
Das kann vermieden werden. Aber nur unter klaren Voraussetzungen: Entscheidungen müssen im Stadtrat entstehen – nicht im Hinterzimmer. Transparenz muss hergestellt werden – nicht behauptet.
Unterschiede müssen offen ausgetragen werden – frühzeitig. Und Verantwortung bedeutet auch, Entscheidungen zu treffen, die nicht bequem sind – und sie dann auch zu vertreten.
Alles andere ist politisches Schauspiel. Und davon gab es genug in Ingolstadt. Das ist keine Frage des Stils. Das ist die Grundlage politischer Handlungsfähigkeit. Ein Stadtrat, der das nicht erfüllt, wird keine stabile Zusammenarbeit entwickeln. Und er wird die großen Probleme dieser Stadt nicht lösen.
Die Bewährungsprobe beginnt nicht später. Sie beginnt mit der ersten Stadtratssitzung. Und sie entscheidet darüber, ob dieser Stadtrat handlungsfähig ist – oder ob er genau das fortsetzt, was diese Stadt überhaupt erst in diese Lage gebracht hat.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.