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Was wäre der richtige Umgang mit Doppelfresko "Die Schlacht bei Gammelsdorf"?

Was wäre der richtige Umgang mit Doppelfresko "Die Schlacht bei Gammelsdorf"?

(tt) Die "Frage der Woche" bei O-T(h)öne lautet:

„Was wäre aus Ihrer Sicht der richtige Umgang mit Doppelfresko "Die Schlacht bei Gammelsdorf" im Historischen Sitzungssaal des alten Ingolstädter Rathauses?"

Aus dem Ingolstädter Stadtrat wurden die Fraktionen und Gruppierungen von CSU, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Freie Wähler, UWG, LINKE, ÖDP und die Ausschussgemeinschaft FDP/JU um eine Antwort gebeten. Nachfolgend die ungekürzten und nicht redigierten Antworten, die O-T(h)öne erreicht haben:

Hans Stachel, Fraktionsvorsitzender der FREIEN WÄHLER:

In schöner Regelmäßigkeit taucht die Frage wieder auf, wie es die Stadt mit dem Fresko im Historischen Sitzungssaal im Alten Rathaus halten soll. Das Fresko stellt bekanntlich die Schlacht bei Gammelsdorf dar und ist in der martialischen Art der Darstellung sicherlich nicht jedermanns Sache. Nach Meinung der Freien Wähler geht es nicht um die künstlerische Bewertung, auch nicht um die Frage, ob derartige Schlachtenszenen heutzutage in einem öffentlichen Gebäude noch zeitgemäß sind. Es geht um die Frage, wie wir mit unserer Geschichte umgehen. Wir können sie leugnen und alles tilgen, was uns an die Schattenseiten erinnert, oder wir können uns zu ihr bekennen.

Wir meinen, wir können gar nichts anderes tun, als uns zu unserer Geschichte zu bekennen und die Ingolstädter Geschichte ist nun mal ganz wesentlich militärisch geprägt. Dazu gehört auch die Schlacht bei Gammelsdorf. Deshalb muss das Fresko im Sitzungssaal erhalten bleiben – ohne Wenn und Aber. Es bringt uns auch nicht weiter, wenn wir diese Diskussion alle paar Jahre wieder führen. Wir können die Ingolstädter Geschichte nicht ausradieren oder umschreiben.

Agnes Krumwiede, Stadträtin Bündnis 90/Die Grünen:

In seinem martialischen Gestus, seiner eindeutig dem Nationalsozialismus zuzuordnenden Ästhetik wirkt das Doppelsfresco im Historischen Sitzungssaal des Alten Rathauses wie aus der Zeit gefallen. Das zwischen 1937 bis 1939 entstandene Gemälde war ursprünglich Teil eines Gesamtkonzeptes mit dem Ziel, die Ingolstädter Stadtgeschichte und die NS-Ideologie in Einklang zu bringen. Dieser Einklang hat nichts verloren in unserer demokratischen und weltoffenen Gesellschaft, erst recht nicht in einem der repräsentativsten Räume unserer Stadt.

Der Urheber des Werkes ist der Nazi-Künstler Bruno Goldschmitt. Bereits 1932 wurde er Mitglied der NSDAP. Er war ein glühender Antisemit. In einem Brief aus dem Jahr 1935 schrieb er an den Vorstand der „Deutschen Kunstgesellschaft“, Juden und Kommunisten seien ein „eingeschleppter Fäulnisschwamm", der aus der Kunst des „erwachten Deutschlands" entfernt werden müsse (Quellenangabe: Jutta Czeguhn: Wo Politiker unter einem Nazi-Wandteppich tagen, SZ.de, 21. Januar 2016). Im Jahr 1995 machten die damaligen Stadträt*innen Dr. Franz Götz und Gerda Büttner den Vorschlag, das Fresco durch eine variable Abdeckung zu verhüllen.

Wir begrüßen, dass Bürgermeisterin Dorothea Deneke-Stoll diese Idee jetzt wieder aufgegriffen hat und einen Umgang mit diesem nationalsozialistisch belasteten Gemälde einfordert. Auch wir sehen hier die Kreativität von Ingolstädter Künstlerinnen und Künstlern gefragt: Wie wäre es mit einem Wettbewerb zur künstlerischen Umgestaltung?

Georg Niedermeier, Stadtrat der UWG-Stadtratsfraktion:

Vor einigen Jahren machte man sich in Florenz auf die Suche nach einem Schlachtenbild von Leonardo da Vinci. Es sollte sich hinter einem anderen Schlachtenbild eines Künstlers befinden und es wurde unter großem Aufwand danach geforscht. Im historischen Sitzungssaal des Alten Rathauses befindet sich ebenfalls ein Schlachtenbild. Es zeigt in „steril wirkender Brutalität“, wie es Bürgermeisterin Deneke-Stoll beschreibt, in einer wenig künstlerisch ansprechenden Darstellung, Szenen der Schlacht von Gammelsdorf. Kein Vergleich zu Gemälden von da Vinci oder anderen Künstlern aus der Renaissance!

Immer wieder wird erzählt, dass Gäste, die dorthin geführt werden, sich meist befremdlich zeigen. Wie so mancher Stadtrat, der sich zum ersten Mal in seiner Amtszeit dort aufhält. Auch dem Schreiber dieser Zeilen kommen Zweifel, ob das Bild -gerade auch auf Grund der Entstehungszeit und des zweifelhaften Ruf des Künstlers- weiterhin an Ort und Stelle bleiben soll.

Ja, das Bild kann weg oder muss zumindest verhüllt werden Ein Vorschlag: Ein Abdecken in der Art der bestehenden Holzverkleidung würde einen ansprechenden Hintergrund bilden für das Anbringen von Kunstwerken Ingolstädter Künstler und Künstlerinnen. Eine Wechselausstellung, einen Mangel an Bildern sollte es nicht geben! Besucher würden -gerade bei Veranstaltungen, Ehrungen und Auszeichnungen-zu ansprechender Musik -die Kunstwerke vor Augen- in einem würdigen Rahmen einen angenehmen Aufenthalt erleben. Wenn dann auch noch die Redebeiträge ein ansprechendes Niveau erreichen...

Christian De Lapuente, Fraktionsvorsitzender der SPD:

Bei dem Fresko muss grundsätzlich zwischen zwei Aspekten unterschieden werden. Zum einem die Darstellung der Schlacht und zum anderem die Entstehungsgeschichte des Wandgemäldes.

Bei der Darstellung „Die Schlacht bei Gammelsdorf" handelt es sich zunächst um ein historisches Ereignis und auch wenn die Bilder brutal anmuten, so ist in der ganzen Szene kein Tropfen Blut zu sehen. Und auch wenn das Wandgemälde verschwindet, so verschwindet damit nicht gleichzeitig das historische Ereignis.

Auf der anderen Seite ist der Umstand, wie es überhaupt zu dem Fresko kam. Es ist in der NS-Zeit entstanden und sollte den damaligen Machthabern den Eindruck vermitteln, dass Ingolstadt eine besonders wehrhafte Stadt sei.

Insofern ist es auf jeden Fall wichtig und richtig sich mit dem Bild und auch seiner Entstehungsgeschichte auseinanderzusetzten. Die SPD hatte übrigens schon einmal gefordert, dass das Wandgemälde bei festlichen Ereignissen mit einem Vorhang verhüllt werden könnte. Denkbar wäre auch ein eine künstlerische Auseinandersetzung. Man könnte den Berufsverband bildender Künstler, den Kunstverein Ingolstadt oder auch evtl.  Leistungskurse mit dieser Aufgabe beauftragen. Auf jeden Fall sollte ein Hinweisschild angebracht werden, welches über die Darstellung und die Entstehung informiert.

Markus Meyer, Stadtrat, Ausschussgemeinschaft FDP/JU

Beim Fresko im Historischen Sitzungssaal zur Schlacht bei Gammelsdorf geht es um eine Grundsatzfrage: Wie soll die Gegenwart mit Vergangenheit umgehen? Als Ausschussgemeinschaft FDP-JU sind wir überzeugt: Geschichte heißt nicht, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Die Gegenwart hat immer die Pflicht, Vergangenes neu zu bewerten. Wichtig ist dabei: Relikte aus der Vergangenheit prägen Geschichtsbewusstsein. Verdeckt oder zerstört man sie, ist dieser Effekt weg. Als Ausschussgemeinschaft FDP/JU sind wir gegen eine pauschale Cancel Culture. Wir wenden uns deswegen gegen die Änderungen von Straßennamen in Ingolstadt. Sehr wohl sollen aber Erläuterungen zu problematischen oder strittigen Namensgebern aufgenommen werden.

Beim „Fresko“ im Historischen Sitzungssaal verhält es sich anders: Freilich hat die Gegenwart auch das Recht, vergangene Auffassungen von Kunst, Stil und Ästhetik zu hinterfragen, ganz unabhängig von der NS-Bildsprache. Man darf historische Darstellungen nicht zerstören, wohl aber über ihre Verwendung entscheiden. Das Wandgemälde im schönsten Rathaussaal hat große gestalterische Funktion, während der Inhalt – die Schlacht von 1313 – für die Stadtgeschichte eher mythologische als historische Bedeutung hat. Die Begründung der Bürgermeisterin dafür, das Bildnis zu überdecken, ist streitbar, das Fazit eint uns: Der Historische Saal hat Besseres verdient.

Raimund Köstler, Sprecher der Stadtratsgruppe der ÖDP:

Die Darstellung und damit teilweise auch Verherrlichung von Krieg und Gewalt ist schon immer ein Problem. Für uns ist es notwendig, sich aktiv und kritisch mit der Geschichte unserer Stadt und unseres Landes auseinanderzusetzen. Dabei sollte natürlich auch darauf eingegangen werden, warum dieses Fresko im historischen Sitzungssaal des Alten Rathauses hängt. Aufklärung stellt hier den einzig richtigen Weg dar. Verdecken würde einem Verdrängen gleich kommen. Und genau dies sollten wir in der heutigen Zeit nicht unterstützen. Es ist stattdessen an der Zeit, sich zu überlegen, ob wir mit dem Thema Krieg richtig umgehen. Gerade in unserer Region sollten wir wegen der wirtschaftlichen Verflechtung zur Rüstungsindustrie weiter denken.

Matthias Schickel, Stadtrat der CSU-Stadtratsfraktion:

Die Geschichte lässt uns nicht los – allenthalben werden wir mit unserer Geschichte konfrontiert, ob uns das passt oder auch nicht. Und letztlich ist es auch gut so! Die Konfrontation mit unserem historischen Erbe, mit den Höhepunkten und den Tiefpunkten unserer Geschichte, ist notwendig. Denn nur in der Begegnung mit unserem Herkommen werden wir uns dessen bewusst, dass auch wir nicht der Endpunkt der Entwicklung sind.
Und genau deswegen wäre es fatal, unsere Wertmaßstäbe für absolut zu erklären. Auch unser Denken ist zeitgebunden und damit relativ.

Bestimmt würde heute niemand mehr eine Straße nach Mölders oder Udet benennen oder ein Fresko im Stile der 30er Jahre als Wandschmuck in einem repräsentativen Raum anbringen. Doch sowohl die Straßen wie auch das Fresko gehören gewissermaßen zur Biographie unserer Stadt. Und wir sollten uns damit durchaus kritisch auseinandersetzen.

Die Anregung von Frau Bürgermeisterin Dr. Deneke-Stoll gibt uns die Chance dazu, über das Fresko von Bruno Goldschmitt aus den Jahren 1937-39 über die Schlacht von Gammelsdorf zu diskutieren. Im Stile der Zeit gemalt, getragen vom Gedanken der „Wehrhaftmachung des deutschen Volkes“ vor dem Zweiten Weltkrieg, entspricht es heute weder dem Kunstgeschmack noch gar unserer politischen Auffassung. Darüber gibt es wohl keinen Zweifel. Und doch – es ist ein Zeuge unserer Geschichte und wir sollten damit konstruktiv umgehen. Nebenbei bemerkt: das ist auch ein Grundgedanke der Denkmalpflege, die ja auch eingebunden werden muss. Gerade an diesem Fresko können wir nämlich nicht nur unsere Stadtgeschichte mit der (angeblichen) Verleihung unseres Wappentieres thematisieren, sondern wir können auch die Rezeption und letztlich den Missbrauch dieser Schlacht im Nationalsozialismus erläutern.

Hier wird die Bedeutung von Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich - und ein Bild zum Lernort:  Wir können die Art der Darstellung der Kampfszenen und die damit verbundene Propaganda herausarbeiten. Wir können über den Künstler Bruno Goldschmitt und sein – letztlich wohl auch repräsentatives – Verhalten im „Dritten Reich“ sprechen. Und wir können und müssen die Rolle Ingolstadts in den 20er, 30er und 40er Jahren diskutieren. Dazu gibt uns das Fresko Gelegenheit! Daher begrüßt die CSU Ingolstadt die Diskussion um das Fresko im Historischen Sitzungssaal und befürwortet nachdrücklich die Anbringung einer Informationstafel im Sitzungssaal, auf der die Hintergründe zu Werk, Künstler und Zeit erläutert werden. Übrigens hat man es im Pasinger Rathaus mit einem Wandteppich von Goldschmitt zur Münchener Gründungsgeschichte genauso gemacht.

Diskussion, Aufklärung und Reflexion über das Fresko sind die Möglichkeiten Geschichte erlebbar zu machen – nutzen wir diese Chance!

Anmerkung der Redaktion: Die Antwort der Stadtratsgruppe DIE LINKE. ist bis zur Veröffentlichung dieser "Frage der Woche" in der Redaktion nicht eingegangen.

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