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Die Stadt Kleinprovincia blickt auf das Jahr 2025 zurück

Kleinprovincia ist kein Ort. Kleinprovincia ist eine innere Haltung. Eine Mischung aus Gelassenheit, Zuständigkeitsnebel und der festen Überzeugung, dass Probleme irgendwann von selbst einsehen, dass sie hier nicht weiterkommen. 2025 war das Jahr, in dem Kleinprovincia diesen Zustand nicht nur erreichte, sondern kultivierte. Noch nie war man so konsequent entspannt angesichts der Lage.

Januar: Die Lage ist ernst. Bitte ruhig bleiben.

Das Jahr beginnt mit einer Erkenntnis, die niemand laut ausspricht, weil sie sonst wahr werden könnte. Es wird schwierig. Aber bitte nicht hektisch. Hektik führt bekanntlich zu Entscheidungen. Die Zahlen liegen auf dem Tisch, so lange schon, dass sie inzwischen zur Einrichtung gehören. Einnahmen gehen zurück, Ausgaben gehen weiter. Ein Kreislauf. Fast schon beruhigend. Öffentlich spricht man von Stabilität, intern von Herausforderungen und ganz privat von der Hoffnung, dass irgendwer irgendwann irgendetwas übernimmt. Warnungen gelten als unschön, Realismus als unnötig. Kleinprovincia startet mit dem guten Gefühl, dass man Probleme nicht lösen muss, solange man sie ordentlich formuliert. Das beruhigt.

Februar: Demokratie als Schonwaschgang

Wahlkampf. Eigentlich ein Anlass, über Inhalte zu sprechen. Man entscheidet sich dagegen. Aus Rücksicht auf die Wähler. Stattdessen Plakate mit Gesichtern, die Zuversicht ausstrahlen, ohne etwas zu versprechen. Sätze, mehrfach auf Unbedenklichkeit geprüft. Transparenz wird versprochen – ohne Termin. Entscheidungen werden angekündigt – ohne Anlass. Die Wahlbeteiligung ist ausreichend. Ein sehr schönes Wort. Ausreichend heißt: Man kann weitermachen wie bisher. Kleinprovincia liebt Demokratie. Solange sie nichts verlangt.

März: Neues Amt, vertraute Ruhe

Ein neuer Oberbürgermeister übernimmt. Die Stadt ist hochverschuldet, der neue Mann im Rathaus sehr höflich. Jetzt geht es ihm erst einmal um Ordnung: Titel, Zuständigkeiten, Visitenkarten. Ein Oberbürgermeister wird Altoberbürgermeister. Bürgermeister werden je nach Termin Umwelt-, Sport- oder Anwesenheitsbürgermeister. Politik bekommt Glanz. Richtung wäre überambitioniert. Transparenz wird angekündigt. Geliefert werden Häppchen. Transparente Häppchen.

April: Sparen, aber nicht irritieren

Die Sparlisten erscheinen leise, eher wie ein Gerücht. Gekürzt wird dort, wo man höflich bleibt: Soziales, Jugend, Vereine, Natur. Niemand schreit. Ein Erfolg. Oben bleibt alles stabil. Planungssicherheit nennt man das. Oder anders gesagt: Sparen ja, aber bitte ohne persönliche Betroffenheit.

Mai: Warnungen als Hintergrundrauschen

Warnungen gibt es viele. Schon lange. Sie kommen als Zahlen, Tabellen, Berichte. Man nimmt sie zur Kenntnis und legt sie an einen sicheren Ort. Arbeitsgruppe. Tochtergesellschaft. Zukunftsrunde mit Flipchart und Mineralwasser. Als später die Aufsicht eingreift, ist die Überraschung ehrlich. Niemand hatte damit gerechnet, dass Zahlen irgendwann zählen.

Juni: Stadtrat – kollektive Gelassenheit

Der Stadtrat tagt. Viel. Lange. Ergebnisoffen. Entscheidungen werden angekündigt, vertagt, erneut angekündigt und zur weiteren Ankündigung zurückgegeben. Verantwortung wird so großzügig verteilt, dass sie unterwegs verloren geht. Man will nichts überstürzen. Opposition existiert theoretisch. Praktisch herrscht Einigkeit im Nicht-Festlegen. Und Erleichterung darüber.

Juli: Die kleine Klinik und das gute Gefühl

Eine kleine Klinik gerät in Schieflage. Es folgt große Politik: Forderungen, Pressefotos, Videos mit ernster Miene. Hoffnung wird großzügig verteilt, Entscheidungen bleiben rationiert. Am Ende schließt das Haus. Zurückbleiben Beschäftigte und Bürger. Politisch verantwortlich war jeder. Und damit niemand. Ein bewährtes Modell. Inzwischen erprobt.

August: Ausnahmezustand mit Urlaubsvertretung

Offiziell Sommerpause, inoffiziell Mangelverwaltung. Die Notaufnahme der großen Klinik ist überlastet, Personal fehlt, Rettungswagen fahren Umwege. Der Stadtrat reagiert spät und vorsichtig. Die entscheidenden Fragen stellt niemand. Schließlich ist Sommer. Aber bitte nicht hektisch.

September: Krise mit Blasmusik

Die Stadt gesteht massive Finanzprobleme ein. Fast zeitgleich wird gefeiert. Maßkrüge hoch in der nahegelegenen Landeshauptstadt, Haushaltszahlen runter. Realität und Ritual müssen sich nicht berühren. Das beruhigt.

Oktober: Einheit auf Zeit

Der Tag der Deutschen Einheit wird Einkaufserlebnis. Rabatte, Shuttlebusse, offene Läden. Einheit gibt es fünf Stunden lang. Danach wieder Alltag. Auch Einheit braucht Öffnungszeiten. Kleinprovincia nennt das Belebung.

November: Empörung nach Kalenderlage

Ein Social-Media-Post sorgt für politische Schnappatmung. Große Worte, große Vergleiche. Rassistische Äußerungen im Umfeld des Christkindlmarkts werden eingeordnet und relativiert. Man will die Stimmung nicht gefährden. In Kleinprovincia entscheidet nicht der Inhalt über die Lautstärke der Empörung, sondern die Nähe zum Rathaus. Haltung ist flexibel. Empörung personalisiert.

Dezember: Beherrschbar

Am Ende fällt es offiziell: beherrschbar. Die Notaufnahme der großen noch verbleibenden Klinik überlastet. Abmeldungen häufen sich. Aber beherrschbar. Ein Wort wie ein Kissen. Weich, beruhigend. Es brennt, aber bitte ohne Sirene. Es gibt Probleme, aber keine Zuständigkeit. Der Stadtrat nickt. Fragen werden nicht gestellt. Applaus gibt es trotzdem. Für die Leistung der anderen.

Alles lief nach Plan

2025 hat in Kleinprovincia nichts beendet, nichts gelöst und nichts entschieden. Und genau das war der Plan. Alles war bekannt, alles war berechnet, alles war angekündigt. Gehandelt wurde vor allem sprachlich. Verantwortung wurde so gleichmäßig verteilt, dass sie sich vollständig auflöste. Beherrschbar war kein Zustand. Es war eine Beruhigungsleistung. Kleinprovincia hat 2025 nicht versagt. Kleinprovincia hat funktioniert. So, wie es gebaut ist. So, wie es gedacht ist. Kein Skandal. Normalbetrieb. Satire. Selbstverständlich. Fortsetzung folgt …

O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht. Hinweis: Diese Satire spielt in der fiktiven Stadt Kleinprovincia. Alle dargestellten Personen, Parteien und Ereignisse sind erfunden oder satirisch verfremdet. Falls sich jemand wiedererkennt, ist das Zufall – oder gesellschaftliche Trefferquote.

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