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Das Stadttheater Ingolstadt: Denkmal, Dauerfall, Dauerstreit – und ein Prüfstein für den Umgang mit öffentlichem Geld. Es ist denkmalgeschützt, identitätsstiftend – und technisch am Ende. Die Stadt steht vor einer Richtungsentscheidung: Sanieren für derzeit geplante 240 Millionen Euro – oder neu denken, verschieben, vielleicht sogar ganz stoppen?
Während eine politische Mehrheit im Ingolstädter Stadtrat die Sanierung trotz Haushaltsnotlage auf den Weg bringen will, regt sich Widerstand – aus der Bürgerschaft und Teilen unterschiedlicher Parteimitglieder. Ein Bürgerbegehren? Bisher ist es nicht mehr als ein Gedankenspiel – aber eines, das zunehmend laut diskutiert wird. Nicht als Angriff auf die Kultur. Sondern als Ausdruck demokratischer Mitsprache, wenn es um eine der größten Investitionsentscheidungen in der jetzigen Finanznot der Stadt geht.
Zwischen Anspruch und Ausfall
Der Spielbetrieb soll 2026 enden. Der Festsaal darf noch bis 2027 genutzt werden – vielleicht, wenn er durchhält. Lüftung von 1965, Elektrik veraltet, Kosten steigen. Die Stadtverwaltung schlägt eine denkmalgerechte Totalsanierung vor: mit Gastronomie, neuer Technik, energetischer Ertüchtigung, barrierefreien Zugängen. Derzeitige Schätzung: 242 Millionen Euro.
Doch die Stadt hat das Geld nicht. Der Haushalt 2025 wurde nur durch Rücklagen und neue Kredite genehmigt. 2026 droht die nächste Schieflage. Es geht nicht nur um Kultur – sondern ums Prinzip.
Die vier Richtungen: Positionen zur Sanierung
Sofortsanierung – trotz Krise
Eine im Stadtrat aktuell breit getragene Linie sagt: Das Theater muss jetzt saniert werden – aus Verantwortung für die kulturelle Infrastruktur. Die Lage sei zu kritisch, Fördermittel könnten verfallen, Verzögerung mache alles teurer.
Die Konsequenz: Schulprojekte wie der Modulbau Nordost werden verschoben, um Geld für die Planung bereitzustellen. 5 Millionen Euro fließen aus dem Bildungsbereich ab. Kritiker nennen das zynisch. Befürworter: konsequent.
Planung fortführen – Entscheidung später
Einige wenige Stadtratsmitglieder wollen: Planung ja – Sanierungsbeschluss erst, wenn klare Zahlen vorliegen. Wie hoch ist der Eigenanteil? Was genau ist förderfähig? Gibt der Freistaat 75 Prozent – oder weniger?
Die Lehre aus dem Debakel für das Museum für Kunst und Design (MKKD) ist präsent. Auch dort explodierten die Kosten. Diese Gruppe fordert: Erst Klarheit – dann Baustelle.
Alternativen prüfen – Neubau oder Stopp
Kritische Stimmen – aus Teilen der Bürgerschaft– denken grundsätzlicher: Warum ein teures Gebäude erhalten, wenn ein Neubau günstiger wäre? Warum nicht über eine alternative Nutzung des jetzigen Stadttheaters temporär nachdenken, mit Sanierungskosten, die deutlich geringer ausfallen?
Oder: eine Pause. Ein „Sanierungsmoratorium“ – nicht als Kulturverzicht, sondern als Prioritätensetzung. Vorrang hätten Schulen und Soziales.
Bürgerbegehren – Entscheidung durch die Stadtgesellschaft
Ein vierter Weg: Ein Bürgerbegehren. Die Grundsatzfrage lautet: Wollen die Ingolstädterinnen und Ingolstädter diese Sanierung in der aktuellen Finanzlage zum jetzigen Zeitpunkt wirklich? Bisher ist dieses Vorgehen nur ein Gedankenspiel, eine Diskussion. Sie wird zunehmend lauter.
Wie schon 2022 bei den Kammerspielen könnte ein Kulturprojekt zur Abstimmung stehen. Damals sagte die Bürgerschaft Nein. Heute steht der Bestand zur Debatte. Aber die Frage bleibt: Wer entscheidet über derzeit geplante 240 Millionen Euro? Ausschüsse – oder die Stadtgesellschaft?
In Teilen der Bürgerschaft wird dabei auch kritisch hinterfragt, warum der Stadtrat trotz beschlossener Sparmaßnahmen im Haushalt zuletzt Ausgaben in Höhe von 446.000 Euro für die Platzgestaltung und technische Infrastruktur rund um eine große Außenskulptur vor dem entstehenden Museum für Konkrete Kunst und Design gebilligt hat. Die Skulptur selbst wird zwar vom Freundeskreis des Museums gestiftet, doch der städtische Anteil bleibt erheblich. Zudem rechnet die Stadt mit jährlichen Unterhaltskosten von rund 10.000 Euro.
Gerade dieser Fall wird vielfach als Symbol für eine fragwürdige Ausgabenpolitik gewertet – zumal das Museum wegen explodierender Baukosten im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler landete. Dort wurde dokumentiert, dass sich die Gesamtkosten von anfangs 33 Millionen Euro mittlerweile auf 58,7 Millionen Euro erhöht haben. Auslöser waren geologische Probleme, archäologische Grabungen und statische Nachbesserungen – allesamt teuer. Die Sorge: Auch beim Theater könnte die versprochene Kontrolle letztlich aus dem Blick geraten – mit ähnlichen Folgen.
Zwischen Sanierung und Sparen
Die Haushaltslage ist angespannt: massive Steuerausfälle, schrumpfende Einnahmen, Druck von der Regierung von Oberbayern. Gespart werden muss. Und zwar zuerst bei freiwilligen Leistungen. Kultur gehört dazu.
Während das Theater saniert werden soll, werden Jugendprojekte gestrichen. Kulturbastei, Musikschule, Stadtteilbibliothek – überall wird gekürzt. Das Jugendparlament verliert 25.000 Euro, das „Gesunde Frühstück“ gleich ganz.
Dass parallel Millionen für die Theatersanierung bereitgestellt werden sollen, empfinden viele als Schieflage.
Ein Prüfstein für die Demokratie
Beschlüsse des Stadtrates sind in letzter Zeit zunehmend im Hinterzimmer entstanden – nicht in der Debatte. Die Gedankenspiele zu einem Bürgerbegehren reagieren nicht unbedingt auf Inhalte – sondern auf eine Politik, die entscheidet, bevor sie zuhört.
Was wirklich zählt
Ein Stadttheater ist kein Luxusgut. Es ist ein öffentlicher Raum für Kunst, Gesellschaft und Streit. Es verdient Schutz. Aber auch Ehrlichkeit. Was ist wünschenswert – und was notwendig?
Wer die Sanierung jetzt will, muss sagen, was dafür wegfällt. Wer die Diskussion um ein Bürgerbegehren als populistisch abtut, verkennt die Tragweite. Es geht nicht um Kulturfeindlichkeit. Sondern um Finanzpolitik mit Haltung.
Entscheidung mit Folgen
Es ist Zeit für eine offene Debatte. Noch kann die Stadt sagen: Wir entscheiden gemeinsam. Ob für die Sanierung, gegen sie – oder für einen neuen Weg. Wer Kultur will, muss nicht nur Theater retten. Sondern auch den demokratischen Diskurs darum.
Denn am Ende steht nicht nur die Frage: Wie teuer ist die Bühne? Sondern: Wem gehört sie? Und wer darf mitentscheiden, wie sie weitergeht?
Bühne frei für einen demokratischen Prozess mit der Bürgerschaft und für einen Stadtrat, der sich seiner Verantwortung gegenüber den Wählerinnen und Wählern stellt?
Quelle: Eigene Berichterstattung.
