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Ein Weiher, Bäume, die Kettensägen – und offene Fragen

Es ist ein Weiher im Ortsteil Hundszell, hinter dem örtlichen Sportheim. Kein Postkartenmotiv, kein Schutzgebiet mit Paragraphenschild. Sondern ein Stück Alltagsnatur am Rand der Stadt. Dann kamen im Dezember 2025 die Kettensägen.

Rund zwei Drittel des Ufers wurden gerodet. Sträucher verschwanden. Gehölze wurden entfernt. Der Ufersaum großflächig freigestellt. Wer heute dort entlanggeht, sieht sofort: Das war kein Formschnitt. Das war ein Einschnitt.

Das Nachrichtenportal O-T(h)öne richtete dazu Fragen an die Stadt Ingolstadt: Wurden die Fällungen durch die Stadt oder in deren Auftrag durchgeführt? Ist der Stadt bekannt, wer die Rodung veranlasst hat? Lag hierfür eine entsprechende Genehmigung vor? Sofern keine Genehmigung erteilt wurde: Welche rechtlichen Konsequenzen hat dies für den Verursacher?
Und wie bewertet die Stadt den Vorgang fachlich und naturschutzrechtlich?

Die Antwort aus dem Rathaus folgt einer nüchternen Chronologie. Für das Jahr 2024 sei ein Baumfällantrag über drei Bäume gestellt worden – aufgrund fehlender Verkehrssicherheit. Dieser Antrag sei genehmigt worden. Im Februar 2025 wurden die drei Bäume gefällt. Weitere Maßnahmen seien „seither nicht beantragt“ worden. Damit ist ein Teil des Geschehens formal sauber dokumentiert.

Dann folgt der entscheidende Absatz: Im Dezember 2025 seien rund zwei Drittel des Ufers gerodet worden. Diese Rodungen seien „nicht mit der Stadt abgesprochen und auch nicht von der Stadt veranlasst und genehmigt“ worden. Die Maßnahme werde derzeit vom Umweltamt geprüft. Das ist der Kern der Stellungnahme. Was diese klarstellt: Die Stadt war nicht Auftraggeberin. Was nicht klarstellt wird: Wer es war.

Auf die explizite Frage, ob der Verwaltung bekannt ist, wer die Rodung durchgeführt hat, findet sich keine eindeutige Antwort. Kein Name. Keine Zuordnung. Keine Aussage, ob der Verantwortliche bereits feststeht. Auch bei den möglichen Konsequenzen bleibt es beim Prüfhinweis. Ob Bußgelder drohen. Ob Ersatzpflanzungen angeordnet werden. Ob ordnungsrechtliche Schritte folgen. Dazu kein Wort.

Eine fachliche Einordnung? Ebenfalls nicht. Dabei war genau danach gefragt worden. Ufergehölze stabilisieren Böschungen, schaffen Lebensräume, beeinflussen das Mikroklima eines Gewässers. Wenn zwei Drittel eines Ufers freigestellt werden, ist das kein Detail. Ob die Stadt den Eingriff als erheblich bewertet, bleibt offen.

In einem ergänzenden Hinweis verweist die Stadt auf drei weitere Baumfällungen in der Nähe des Weihers. Das Gartenamt habe eine Kopfweide entfernt, die bei der Baumkontrolle als bruchanfällig eingestuft worden sei. Zudem seien eine weitere Weide sowie eine Esche entnommen worden, die aufgrund von Wurzelfäule als wind- beziehungsweise wurfanfällig galten. Maßnahmen der Verkehrssicherheit. Mit der großflächigen Uferrodung hätten sie nichts zu tun.

Der Weiher ist von der Stadt verpachtet. Laut Stellungnahme ist der Pächter für die Pflege eines zwei Meter breiten Uferstreifens zuständig. Pflegearbeiten müssen vorab mit dem Umweltamt abgestimmt werden. Wenn Genehmigungen vorgeschrieben sind – wie kann dann ein solcher Eingriff stattfinden, ohne dass die Stadt informiert ist?

Die Stadt prüft. Im Stadtteil wird diskutiert. „Ich war entsetzt, als ich das gesehen habe“, sagt Claudia Majehrke, Vorsitzende des örtlichen Bezirksausschusses. „Ich bin von vielen Hundszellern auf den verheerenden Kahlschnitt angesprochen worden, die fassungslos waren. Wir als örtlicher Bezirksausschuss pflanzen Bäume aus Mitteln unseres Haushaltes, um möglichst viel Grün zu ermöglichen – und dann so etwas.“

Zwischen Verwaltungsformel und Empörung klafft eine Lücke. Die Stadt beantwortet einen Teil der Fragen: Drei Bäume waren genehmigt, die großflächige Rodung nicht. Der Vorgang wird geprüft. Unbeantwortet bleiben zentrale Punkte: Wer trägt konkret die Verantwortung? Ist der Verursacher der Stadt bekannt? Welche rechtlichen Konsequenzen stehen im Raum? Wie bewertet die Stadt den Eingriff aus naturschutzfachlicher Sicht? Und welche Schlüsse zieht sie für künftige Kontrollen?

Am Weiher ist der Kahlschlag Realität. Im Rathaus herrscht Prüfmodus.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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