Anzeige

Eine diskriminierungsfreie Stadtgesellschaft

Eine diskriminierungsfreie Stadtgesellschaft

O-T(h)öne gibt Fraktionen und Gruppierungen im Ingolstädter Stadtrat, sowie ausgewählten Personen des gesellschaftlichen Lebens und aus dem journalistischen Bereich, in der Rubrik "Aus fremder Feder", die Möglichkeit eines Gastkommentars zur Ingolstädter Kommunalpolitik. Das Thema ist durch den Gastkommentator frei wählbar, ebenso die Länge des Textes. Die Veröffentlichung erfolgt nicht redigiert und ungekürzt. Die Verantwortung für den Inhalt trägt allein der Verfasser des Gastkommentars.

Gastkommentar von Stadtrat Christian Pauling (DIE LINKE)

Wir sind alle Rassist*innen. Die einen mehr, die anderen weniger, manche bewusst, die meisten unbewusst. Aber frei von rassistischen Verhaltensweisen ist wohl so gut wie keiner. Das liegt nicht daran, dass wir gerne Rassist*innen sein wollen, sondern schlichtweg am Lauf der kolonialen Geschichte, die nach wie vor in unsere Gesellschaft nachwirkt. Rassismus hat sich in Institutionen, Verfahren und unserer Sprache manifestiert, das ist Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung. Mit dieser Erkenntnis könnte man sich zurücklehnen, denn der lange Verlauf der Geschichte entbindet einen Selbst ein Stück weit von der persönlichen Verantwortung am Status Quo. Die Situation ändern tut das freilich nicht und die ist gesellschaftlich nach wie vor hoch problematisch.

Bringt man das Thema Rassismus zur Sprache wendet sich ähnlich wie bei LGBTQI*-Themen oder der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern regelmäßig ein Teil der Mitbürger*innen genervt ab. Der Vorwurf lautet, es handele sich bei Themen des Diskriminierungsschutzes um symbolische Identitätspolitik, die an den wirklichen Problemen des Landes vorbeigingen. Lustigerweise werden diese Aussagen meist von denen getätigt, die, aufgrund ihrer privilegierten Stellung, das Ausmaß und den psychischen Schaden durch Diskriminierung schlichtweg nicht nachvollziehen können, weil sie sie nie erlebt haben.

Die soziale Realität Betroffener spricht jedoch eine andere Sprache. Viele schwarze Mitbürger*innen lernen beispielsweise die Polizei nicht als Freund und Helfer, sondern als unnachgiebigen Kontrolleur kennen. Das prägt das Verhältnis zu Staat und Gesellschaft, während wiederum die Polizei soziale Bedingungen vorfindet, die fast zwangsweise in rassistische Vorverurteilung münden müssen. Die damaligen Gastarbeiter*innen, aber auch die heutigen Geflohenen, leben meist unter finanziell und sozialpolitisch prekären Bedingungen. Es entstehen soziale Brennpunkte, welche wiederum ein Schatten auf all jene werfen, welche die gleiche Hautfarbe teilen oder dort wohnen. Dies führt zu Vorverurteilung und macht es den Betroffenen schwer, sich aus diesen Umständen zu befreien. Ein Teufelskreislauf, der Integration, Akzeptanz und gemeinsame Identität verhindert.

Gerade unsere Heimatverliebten Wutbürger*innen jedoch müssten verstehen, wie wichtig Anerkennung, Heimat und soziale Zugehörigkeit sind. Für einen bayrisch sprechenden, weißen Mann ist das in Ingolstadt weit weniger ein Problem, als für einen in Ingolstadt geborenen Schwarzen, der im schlimmsten Fall tagtäglich um seine Akzeptanz kämpfen muss. Von einigen wird er nie als natürlicher Teil unserer Ingolstädter Stadtgesellschaft anerkannt werden, regelmäßig Ablehnung und Zurückweisung erfahren. Erst vergangene Woche wurde ein bekannter von uns in seiner Stammkneipe nicht mehr bedient, weil er mit einem befreundeten Schwarzen dort auftauchte. Das geht nicht spurlos an Menschen vorüber und wir haben ein großes gesellschaftliches Interesse, diese Situationen auf ein Minimum zu reduzieren.

Wer regelmäßig Diskriminierung, Kränkung und Ablehnung erfährt, wird dabei nicht freundlicher und integrationswilliger. Der- oder diejenige wendet sich ab, verbittert, rutscht ab oder wird aggressiv. Ungerechtigkeit und Gewalt enden meist nicht bei dem, der sie erleidet, sondern werden von ihm reproduziert. Entweder gegen sich selbst oder andere. Deswegen müssen wir uns, gerade als Bürger*innen im 21. Jahrhundert, mit einer hoch mobilen Weltbevölkerung und einer stark von Migration geprägten Stadtgesellschaft mit Rassismus auseinandersetzen. Nicht nur Alltagserfahrungen von Betroffenen, auch Kommentarspalten auf Facebook oder Repräsentanz in städtischen Gremien sind Indikatoren, dass es noch deutliches Verbesserungspotential gibt.  Aus diesem Grund haben wir auch per Stadtratsantrag ein entsprechendes Handlungskonzept eingefordert.

Es geht uns bei diesem Antrag nicht darum mit dem Finger zu zeigen. Es handelt sich vielmehr um einen Aufruf an die weiße Mehrheitsgesellschaft, das Problem anzuerkennen und Maßnahmen zu seiner Lösung beizusteuern. Marginalisierte Gruppen sind auf unsere Initiative angewiesen. Könnten sie sich selbst helfen, würde die Problematik nicht bestehen. So wie wir Flutpolder gegen die Folgen des Klimawandels bauen, müssen wir unsere Stadtgesellschaft auf die Realitäten des 21. Jhd. einstellen. Wir dürfen nicht den gleichen Fehler wie damals bei den Gastarbeiter*innen begehen und sie nur als temporär Anwesende betrachten. Viele der zu uns migrierten Mitbürger*innen sind gekommen um zu bleiben.

Es ist unsere Aufgabe eine Situation zu schaffen, in der sich jeder dieser Mitbürger*innen angenommen fühlt. Wir haben es in der Hand, ob wir in 20 Jahren eine blühende, kulturelle Vielfalt in unserer Stadt erleben, die sozial lebenswert und friedvoll ist oder Segregation, Ghettobildung und Brennpunkte. Ein kleiner Baustein dafür ist ein Konzept gegen Rassismus und Diskriminierung, dass in Zusammenarbeit mit betroffenen Mitbürger*innen erstellt wird. Wir denken, wir können eine derartige Reflexion unserer Strukturen und Vorgehensweisen verkraften und dass wir als Stadt an ihr wachsen werden. Wir hoffen in dieser Sache auf deine, Ihre und Eure Unterstützung!

* Anmerkung der Redaktion: LGBTQI+ ist eine Abkürzung für Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer und Intersex, also für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer und intersexuell.

Datenschutz

Diese Webseite verwendet Cookies. Einige Funktionen (z.B. eingebundene Videos) können ohne den Einsatz dieser Cookies nicht angeboten werden.

Weitere Infos zum Datenschutz