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Feind, Erzfeind, Parteifreund

Es beginnt nicht mit einem Facebook-Post. Aber es lässt sich an einem festmachen. Wolfgang Lamprecht, unterlegener Gegenkandidat von Stefan Huber bei der Wahl zum CSU-Kreisvorsitz im April 2025, 68 Jahre alt, schreibt öffentlich: „… definitiv ist das der falsche Kreisvorsitzende … Du siehst gerade auch, wie man kritische Geister aus der Rathausspitze durch einen weiteren Verlierer vertreiben möchte … Ist das noch unsere christlich und soziale Union oder ein Hardliner-Club, der Bürgerwille egal ist?“

Das ist dokumentiert. Und das ist keine Meinung mehr. Das ist ein Angriff – auf die eigene Partei. Der Ton ist kalkuliert scharf, die Aussage eindeutig. Und Lamprecht steht damit nicht allein.

Demokratische Entscheidungen nicht akzeptiert

Der Beitrag ist kein Ausreißer. Er ist Symptom. Ausdruck eines innerparteilichen Widerstands, der nicht diskutiert, sondern delegitimiert. Es geht nicht um Einzelne, sondern um einen Teil der Partei, der zentrale Entscheidungen nicht akzeptiert – und aktiv dagegen arbeitet. Und dieser Beitrag ist nur ein Ausschnitt eines größeren Konflikts innerhalb der CSU Ingolstadt. Mit klar erkennbaren innerparteilichen Lagern, mit verhärteten Fronten, mit einem Verlauf, der sich über mehr als ein Jahr gezogen, sich verschärft – und schließlich verfestigt hat.

Seinen Ausgang nahm er in einer Phase, in der anonyme Vorwürfe im Raum standen. Verfahren wurden eingeleitet, später eingestellt. Juristisch erledigt. Politisch nicht. Denn was einmal im Raum steht, verschwindet nicht einfach wieder. Es setzt sich fest. In Köpfen, in Strukturen, in Haltungen. Vertrauen verschwindet schneller, als es zurückkehrt.

In funktionierenden Parteien gilt eine einfache Regel: Wettbewerb ja, Daueropposition nein. Wer verliert, akzeptiert. Punkt. In der CSU Ingolstadt gilt diese Regel offenbar nur noch eingeschränkt. Wahlen und Nominierungen markieren hier nicht das Ende eines Wettbewerbs, sondern den Beginn der nächsten Runde. Die Entscheidung gilt – aber nicht für alle. Oder deutlicher: Sie wird akzeptiert und gleichzeitig bekämpft.

Der Konflikt ist gewachsen. Nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt. Getrieben von Vorwürfen, Aufmerksamkeit, Misstrauen und einer Dynamik, die sich irgendwann verselbstständigt hat. Die Verfahren sind beendet. Der Konflikt nicht. Denn Vertrauen lässt sich nicht beschließen. Was entsteht, ist keine normale Meinungsverschiedenheit. Es ist eine strukturelle Verschiebung. Teile der Partei operieren nicht mehr auf derselben Grundlage. Oder anders: Man sitzt noch im selben Raum – aber nicht mehr im selben politischen System.

Nach der Kreisvorsitzendenwahl hätte Schluss sein können. Hätte. Ist aber nicht. Die Auseinandersetzung bleibt – getragen von einem erkennbaren Teil der Partei, der sich nicht mit der Niederlage abfindet, sondern sie nachträglich korrigieren will. Nicht intern. Sondern öffentlich. Die CSU verhandelt ihren Konflikt inzwischen vor Publikum. Parallel dazu trifft die Fraktion eine weitere zentrale Entscheidung. Christopher Hofmann wird als Kandidat für das Bürgermeisteramt benannt. Die bisherige Amtsinhaberin Dorothea Deneke-Stoll wird nicht erneut vorgeschlagen.

Die Entscheidung ist getroffen. Aber sie ist nicht abgeschlossen. Denn Deneke-Stoll äußert sich nicht öffentlich dazu, ob sie erneut antreten möchte oder nicht. Damit bleibt eine politisch relevante Option bestehen. Und mit ihr bleibt der Konflikt bestehen.

Denn auch das Ausbleiben einer klaren Position ist hier kein neutraler Vorgang. Nicht-Äußerung ist politisches Handeln. Sie lässt Interpretationsspielräume offen, hält alternative Entwicklungen im Raum – und verlängert den bestehenden Zustand. Der Konflikt bleibt nicht nur. Er wird aktiv am Leben gehalten.

Wer sich nicht festlegt, hält den Konflikt am Leben

Was passiert, wenn Deneke-Stoll doch kandidiert – möglicherweise mit Unterstützung anderer Parteien? Dann verschärft sich der Konflikt weiter. Dann schlägt er sich unmittelbar im Abstimmungsverhalten des Stadtrats nieder. Dann wird aus einem innerparteilichen Konflikt ein institutioneller. Dann entscheidet nicht mehr nur Politik. Dann entscheidet Loyalität. Und dann steht nicht weniger zur Debatte als die Fähigkeit dieser Partei, überhaupt noch geschlossen zu handeln.

In der kommunalen Praxis entscheidet Verlässlichkeit. Wer sie nicht bietet, verliert Gewicht. Genau das passiert gerade. Andere politische Akteure müssen nichts erfinden. Sie müssen nur hinschauen. Sie sehen eine Partei, die mit sich selbst beschäftigt ist – und nutzen den Raum, der dadurch entsteht. Spielräume entstehen nicht aus eigener Stärke, sondern aus fremder Schwäche. Und die wird hier gerade frei Haus geliefert.

Das Muster ist bekannt – und trotzdem wird es jedes Mal wieder durchgezogen. Ein Konflikt bleibt ungelöst. Entscheidungen werden getroffen, aber nicht getragen. Die Auseinandersetzung wird öffentlich. Externe Akteure reagieren. So entsteht schrittweise eine neue Ausgangslage. Leise. Aber mit klaren Folgen.

Was hier passiert, lässt sich klar benennen. Die öffentliche Infragestellung von Beschlüssen, das sichtbare Gegeneinander, das systematische Unterlaufen eigener Entscheidungen – das ist keine innerparteiliche Debatte mehr. Das ist parteischädigendes Verhalten. Und zwar nicht als moralische Bewertung, sondern als faktische Wirkung.

Wer so agiert, will keine Entscheidung korrigieren. Er will sie entwerten. Und wer glaubt, damit Stärke zu zeigen, demonstriert vor allem eines: politische Unzuverlässigkeit. Die Verfahren sind durchgeführt worden. Eine Wahl hat stattgefunden. Entscheidungen wurden getroffen. Demokratisch, in den zuständigen Gremien der CSU. Stefan Huber ist gewählt. Christopher Hofmann ist nominiert.

Das ist nicht verhandelbar

Der Maßstab ist nicht Zustimmung. Der Maßstab ist Akzeptanz. Wer diese Entscheidungen nicht mitträgt, hat Optionen: erneut kandidieren, Mehrheiten organisieren, inhaltlich überzeugen oder die Partei verlassen. Was nicht funktioniert: gleichzeitig dazugehören – und sabotieren. Dieser Zwischenzustand ist kein Kompromiss. Er ist eine Dauerstörung.

Genau hier liegt die Weggabelung. Die unzufriedenen Teile der CSU müssen sich entscheiden: Verantwortung übernehmen – oder weiter blockieren. Innerhalb der Partei oder außerhalb. Beides ist legitim. Was nicht legitim ist: die Partei als Bühne für Daueropposition im eigenen Haus zu nutzen. Denn das führt nicht zu Einfluss. Sondern zu politischer Verzwergung, zu Bedeutungsverlust, zu Abstieg. Und dieser Prozess hat längst begonnen.

Warum das jetzt zählt

Die CSU wird politisch gebraucht. Man muss sie nicht mögen. Man muss sie nicht wählen. Man kann politisch völlig woanders stehen. Wer glaubt, sie sei verzichtbar, verwechselt Wunschdenken mit politischer Realität. Gerade jetzt. In einer Situation, in der die sogenannte Alternative für Deutschland weiter an Zustimmung gewinnt, kommt es auf verlässliche, handlungsfähige Parteien an.

Eine geschwächte CSU verliert nicht nur selbst an Gewicht. Sie verliert die Fähigkeit, Wähler zurückzugewinnen, Mehrheiten zu sichern und extremere Kräfte wirksam zu begrenzen. Und während sich die einen intern zerlegen, entsteht für andere die bequemste Rolle im politischen System. Für die hinter der Brandmauer gilt: nichts tun reicht. Abwarten reicht. Zusehen reicht.

Und genau darin liegt die eigentliche Tragweite dieses Konflikts. Es geht nicht um persönliche Rechnungen. Nicht um verletzte Eitelkeiten. Nicht um Machtspiele im Kleinen. Es geht um politische Funktionsfähigkeit.

Wer sich in dieser Lage vor allem als Feind oder Erzfeind begegnet, verkennt die Realität: Er ist politisch auf den anderen angewiesen. Parteifreundschaft ist kein Gefühl. Sie ist eine Voraussetzung. Und wer sie durch permanente Selbstbeschädigung ersetzt, entscheidet nicht nur über den Ausgang dieses Konflikts. Sondern über den eigenen Bedeutungsverlust. Jetzt!

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