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Von Thomas Thöne
„Sachlich, offen und fair“ steht im Namen einer Ingolstädter Facebook-Gruppe. Drei Begriffe, die ziemlich genau beschreiben, was eine Diskussion braucht. Gerade deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was passiert, wenn Meinungen längst zu Gewissheiten geworden sind.
Unter den Beiträgen in örtlichen Facebook-Gruppen zum Ingolstädter CSD wurden Bilder und Collagen als vermeintliche Belege dafür gepostet, was auf CSDs angeblich zu sehen sei. Herkunft, Aufnahmeort und Zusammenhang blieben jedoch offen. Auf die Nachfrage nach einem Beleg folgte sinngemäß: Bei solchen Bildern brauche man kein Argument.
Doch. Gerade dann. Ein Bild kann Empörung erzeugen. Ein Meme kann eine Haltung illustrieren. Beides ersetzt weder Quelle noch Zusammenhang noch Beleg. Trotzdem werden aus einzelnen Bildern ganze Veranstaltungen. Aus einigen homosexuellen Bekannten werden „sehr viele Homosexuelle“. Auf den Hinweis, dass persönliche Erfahrungen keine allgemeine Aussage belegen, folgt: „Für mich reicht es.“
Das ist ein bemerkenswerter Satz. Denn genau dort endet die Prüfung der eigenen Überzeugung. Auch das kleine Wort „ihr“ taucht immer wieder auf. Aus dem Autor, den Teilnehmenden eines CSD und einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe wird plötzlich ein gemeinsames Gegenüber. Das Lager ist geschaffen, bevor überhaupt geklärt ist, wer was gesagt oder vertreten hat.
Wird eine Frage unbequem, wandert die Debatte weiter. Aus queerer Sichtbarkeit werden nackte Genitalien vor Kindern, „Hetero-Paraden“ oder Szenen im Theater. Rabulistik nennt man diese Art der Debattenführung: Nicht das eigentliche Argument wird beantwortet, sondern ein anderes danebengestellt, das sich leichter bekämpfen lässt. Die ursprüngliche Frage verschwindet. Beantwortet ist sie damit nicht.
Natürlich darf man einen CSD kritisieren. Man kann einzelne Darstellungen unangemessen finden, politische Forderungen ablehnen oder eine Regenbogenfahne für überflüssig halten. Unterschiedliche Meinungen sind nicht das Problem. Auch eine Gegenposition ist keine Intoleranz. Schon gar nicht, wenn sie mit Fakten und Argumenten begründet wird. Wer einer Behauptung widerspricht und ihr überprüfbare Tatsachen entgegenhält, verbietet keine Meinung. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn Fakten nur noch gelten, solange sie zur eigenen Überzeugung passen.
Unsachlich wird es dort, wo das Argument durch Abwertung ersetzt wird. Dann ist von „Fetischparaden“, „Perversen“ oder schlicht „Dreck“ die Rede. Aus politischem Widerspruch werden „die neuen Nazis“. Auf Nachfragen folgen Lachsmileys, persönliche Spitzen oder Bemerkungen über die Profilbezeichnung des Gegenübers.
Besonders aufschlussreich war ein anderer Satz: „Ich red nicht mit den Linken.“ Dazu „maximale Verachtung“. Wer Menschen erst einem Lager zuordnet und anschließend schon deshalb das Gespräch mit ihnen verweigert, hat die Diskussion beendet, bevor das nächste Argument überhaupt fallen kann.
Eine Diskussion muss nicht mit Einigkeit enden. Aber sie setzt voraus, dass Argumente überhaupt eine Chance bekommen. Genau daran haperte es auffällig oft: Persönliche Erfahrungen wurden zu allgemeinen Belegen, unbekannte Bilder sollten für ganze Veranstaltungen stehen, Nachfragen führten zu neuen Nebenschauplätzen – oder zur Person, die sie gestellt hatte.
Eine Facebook-Kommentarspalte ist selbstverständlich keine repräsentative Untersuchung. Die meisten Menschen äußern sich dort gar nicht. Aber sie macht Mechanismen sichtbar, die weit über Facebook hinausreichen. Denn Blasen entstehen nicht erst im Internet. Sie können genauso am Stammtisch, im Freundeskreis, im Verein, im politischen Milieu und sogar im Ingolstädter Stadtrat und deren Fraktionen und Gruppierungen wachsen und gedeihen. Wer fast nur noch hört, was die eigene Sicht bestätigt, hält sie irgendwann leicht für die einzig vernünftige.
Polarisierung entsteht nicht dadurch, dass Menschen verschiedener Meinung sind. Sie beginnt dort, wo aus Meinungen Lager werden und ein Argument schon deshalb nichts mehr gelten soll, weil es vom vermeintlich falschen Lager kommt.
Für eine Demokratie ist das keine Nebensache. Sie braucht keine Einigkeit. Sie lebt von unterschiedlichen Interessen, Überzeugungen und Weltbildern. Aber sie braucht Menschen, die bereit sind, darüber miteinander zu reden – sachlich, offen und fair.
An Lautstärke mangelt es dabei nicht. Verloren zu gehen droht etwas anderes: die Bereitschaft, eine Diskussion zu beginnen, ohne ihr Ergebnis schon vorher zu kennen.
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Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag ist ein Kommentar. Kommentare sind journalistische Meinungsbeiträge. Sie ordnen Fakten und Argumente ein, bewerten sie und beziehen ausdrücklich Position. Sie müssen daher nicht „ausgewogen“ im Sinne einer neutralen Nachricht sein. Ihr Anspruch ist vielmehr, Tatsachen korrekt wiederzugeben, Wertungen als solche erkennbar zu machen und die vertretene Position nachvollziehbar zu begründen. Andere Meinungen bleiben davon selbstverständlich unberührt.