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Er ist präsent. Auf Bildern, bei Terminen, auf Bühnen. Und auffallend zurückhaltend, wenn es um politische Richtung geht.
Seit dem 1. März ist Michael Kern (CSU) Oberbürgermeister von Ingolstadt. Zeit genug, um Muster zu erkennen. Genug Zeit, um nicht mehr nur über seine Aussagen im Oberbürgermeisterwahlkampf zu sprechen, sondern über politische Wirklichkeit. Über Abläufe, Entscheidungen – und über das, was auffällig ausblieb.
Wahlkampf und Erwartung
Als Kern 2024 kandidierte, trat er bewusst gemäßigt auf. Nicht laut, nicht polternd, nicht ideologisch. Zuhören, verbinden, moderieren – das waren seine Leitmotive. Transparenz und Bürgernähe sollten seinen Stil prägen, verkündete er der Wählerschaft. Ingolstadt sollte wieder gestaltet werden, nicht bloß verwaltet. Das Rathaus, insbesondere das Büro des Oberbürgermeisters, sollte kein Rasthaus sein, sondern ein Ort, an dem gearbeitet und geführt werde. Die finanzielle Lage der Stadt war bereits bei seiner Kandidatur schwierig, aber bekannt. Umso größer war die Hoffnung, dass mit ihm jemand antrat, der Orientierung gibt, ohne zu spalten. Der Ton veränderte sich. Die politische Grammatik kaum.
Ziele ohne Prioritäten
Kern formulierte im Wahlkampf ambitionierte Ziele, ohne sie gegeneinander abzuwägen. Schulbau, Klinikum, Verwaltung – alles Chefsache. Wirtschaftliche Diversifizierung, bezahlbarer Wohnraum, moderner Nahverkehr, Klimaschutz, Digitalisierung. Besonders im Gesundheitsbereich thematisierte er ein starkes kommunales Klinikum, keine Privatisierung, Ausbau der Notfallversorgung, einen medizinischen Ausbildungsstandort. Pflegeplätze sollten entstehen.
Was auffiel, war nicht Kerns Wahlprogramm, sondern seine Unschärfe. Konflikte wurden vermieden, Prioritäten nicht benannt. Sparen spielte kaum eine Rolle. Gewählt wurde Vertrauen – kein belastbarer Kurs.
Haushaltsrealität
Die Realität folgte rasch. Bereits der erste Haushaltsentwurf machte deutlich, wie dramatisch die Lage tatsächlich war. Die Gewerbesteuer brach ein, das strukturelle Defizit wuchs. Kern sprach von einer historischen Krise und forderte einen Systemwechsel in der Kommunalfinanzierung. Das war sachlich richtig. Und lange bekannt.
Es folgten Sparpakete. Gestrichen wurde bei Kultur, Sozialem, Vereinen und Freizeitangeboten. Bürgerbeteiligung wurde angekündigt, politische Priorisierung blieb diffus. Gespart wurde vor allem dort, wo der Widerstand gering war. Gleichzeitig sollten Referentenstellen langfristig abgesichert werden. Planungssicherheit, hieß es. Erst massiver Druck aus der eigenen CSU führte zu einem teilweisen Einlenken. Nicht aus politischer Einsicht, sondern aus Notwendigkeit.
Dass schließlich die Rechtsaufsicht des Freistaats bei den Finanzen der Stadt eingreifen musste, markierte einen Wendepunkt. Die Krise wurde offen benannt. Aber spät. Und vorsichtig.
Klinikum und Gesundheitsversorgung
Es gab ein weiteres böses Erwachen: Das städtische Klinikum, im Wahlkampf noch Herzstück der Zukunftsstrategie, wurde 2025 zum Dauerproblem. Die Insolvenz der privaten Maul-Klinik legte strukturelle Schwächen offen. Zunächst wurde ein Kauf der Privatklinik abgelehnt, da bereits ausführlich geprüft, dann erneut geprüft, was schon einmal geprüft war. Hoffnung ohne belastbares Konzept wurde von Kern erzeugt. Auf konkrete Nachfragen folgten vom Oberbürgermeister ausweichende Antworten. Am Ende schloss die Klinik dennoch.
Parallel dazu geriet das städtische Klinikum weiter unter Druck. Der Maximalversorger wurde bei der Integrierten Leitstelle wiederholt zeitweise abgemeldet, das Personal arbeitete am Limit. Politische Lösungen sind bislang nicht in Sicht oder nicht erfolgreich umgesetzt.
Auch bei der Frage einer Fusion mit den Kreiskliniken blieb Kern unklar. Ziele wurden formuliert, Positionen vermieden. Als Teile der CSU offen widersprachen, wich er aus. Führung hätte hier bedeutet, seine Richtung auch parteiintern zur Debatte zu stellen.
Kritik aus der eigenen Partei
Die schärfste Kritik an Michael Kern in seiner bisherigen Amtszeit kam nicht von außen, sondern aus der eigenen Partei. In einer erweiterten CSU-Kreisvorstandssitzung wurde Klartext gesprochen. Nicht von Ehemaligen, nicht von politischen Rändern, sondern von der Basis. Von denen, die draußen erklären mussten, was entschieden worden war – ohne vorherige Abstimmung mit der eigenen Partei. Der Applaus galt nicht dem Oberbürgermeister, sondern der Kritik an ihm.
Moniert wurden fehlende Einbindung, mangelnde Kommunikation und Entscheidungen, von denen Partei und Fraktion teils erst aus der Presse erfuhren. Der Eindruck verfestigte sich, dass politische Stabilität eher außerhalb der eigenen Partei gesucht wurde – in enger Abstimmung mit der SPD-Fraktionsführung, während die CSU auf Distanz blieb. Der Verwaltungsstab aus der Ära des SPD-Vorgängers blieb nahezu unverändert. Ein politisches Signal, das in der CSU bis heute nachwirkt. Zuhören, verbinden, moderieren – das galt zuerst für Kerns die eigene Mehrheit im Stadtrat.
Stadtrat als Bühne
Im Stadtrat zeigte sich ein Muster: Titel, Anreden, Funktionen dominierten. Referenten erschienen als Rollen, nicht als Namen. Ehemalige Spitzen der Stadt wurden und werden ehrfürchtig tituliert. Bürgermeisterinnen thematisch umetikettiert: Sozialbürgermeisterin, Sportbürgermeisterin, Umweltbürgermeisterin.
Kern verstand sich im Stadtrat – in Ausschüssen wie im Plenum – vor allem als Moderator. Er rief Vorlagen auf, verteilte das Wort, sorgte für Ruhe. Eigene politische Positionen brachte er selten ein, schon gar nicht stellte er sie zur Diskussion – auch dann nicht, wenn Orientierung notwendig gewesen wäre. Führung wurde zur Verfahrenssicherung. Eine erkennbare Vision oder politische Richtung blieb aus.
Dieses Muster zeigte sich auch im Umgang mit kritischen Medienanfragen. Konkrete Fragen blieben durch Kern unbeantwortet oder wurden lediglich ausweichend beantwortet.
Verwaltung statt Gestaltung
So fügte sich das Bild zusammen. Die Krise wurde benannt, aber politisch nicht konsequent gestaltet. Gespart wurde vor allem unten, strukturelle Fragen wurden vertagt. Große Ankündigungen standen neben Prüfaufträgen. Rituale ersetzten Richtung.
Außendarstellung
Nach außen war Oberbürgermeister Kern omnipräsent. Repräsentationstermine, Bilder und positive Rahmung in den sozialen Netzwerken prägten seine Auftritte. Kaum ein Anlass kam ohne Foto aus, kaum ein Termin ohne optimistischen Tonfall. Dieser überschwängliche Duktus beschränkte sich nicht auf die Außendarstellung, sondern zeigte sich auch in Sitzungen, wenn sich der Oberbürgermeister überhaupt äußerte – dann meist lobend. Vieles war „toll“, „klasse“ oder „spitze“, manches „großartig“ oder „enorm“, nahezu alles „super“. Kritik oder Ambivalenz hatten darin kaum Platz. Die Pressestelle sorgte für das passende Licht – Repräsentation schien ihm sichtbar Freude zu machen.
Grüß Gott, Herr Oberbürgermeister
Michael Kern trat 2024 als Kandidat der Mitte an. Zuhören, verbinden, moderieren – das waren seine Leitmotive. Ausgerechnet in der eigenen Partei hatte er das bislang nicht eingelöst.
Ingolstadt hat keinen Skandal-Oberbürgermeister. Aber einen, der bislang mehr repräsentierte als führte. Mehr moderierte als gestaltete. Mehr „Grüß Gott“ sagte, als Richtung vorgab.
Und in Zukunft?
Man darf gespannt sein, wie Michael Kern künftig mit dieser Art von Führung die Stadt aus der Krise führen will. Noch mehr, ob sie dafür taugt.
