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Heute: De Lapuentes Krönung – mit CSU‑Gesichtsverlust?

Heute wird im Ingolstädter Stadtrat nicht einfach ein dritter Bürgermeister gewählt. Während Ingolstadt ohne genehmigten Haushalt unter Konsolidierungsdruck steht, wird ein Deal fotografierfähig gemacht: Wahl, Vereidigung, Gruppenfoto. Die Choreografie steht in der Tagesordnung.

Um 13 Uhr beginnt die Sitzung. Zur Wahl stehen Christian De Lapuente, SPD-Fraktionschef, und Hans Stachel, Fraktionsvorsitzender der FREIEN WÄHLER. Weitere Vorschläge sind möglich. Nötig sind 26 Stimmen. CSU, SPD, GRÜNE und OB Michael Kern kommen im 51 Stimmen zählenden Gremium rechnerisch auf 29.

Der Kern: De Lapuente steht für die neue Rathausachse, Stachel für die verworfene CSU-Option, das Umweltreferat für die nächste Kehrtwende. Petra Kleine war bisher hauptamtliche dritte Bürgermeisterin und soll offenbar als hauptamtliche Umweltreferentin im Rathaus bleiben – mit möglicher Versorgungsperspektive.

Erst „Nein“, jetzt „Amen“?

Nach allem, was aus Verhandlungen berichtet wurde, galt aus CSU-Sicht bis kurz vor der konstituierenden Sitzung als ausgeschlossen: De Lapuente in der Rathausspitze, ein neues Umweltreferat, Petra Kleine auf dieser Schiene und Schwarz-Rot-Grün als Zielmodell. Heute liegt genau das auf dem Tisch.

Ursprünglich wollte die CSU mit den FREIEN WÄHLERN zusammenarbeiten, ergänzt durch GRÜNE oder SPD. Jetzt passiert, was immer ausgeschlossen wurde. Die CSU mittendrin. Nicht als sichtbare Regisseurin. Eher als Fraktion, die den eigenen Kurswechsel erklären müsste. Aus „ausgeschlossen“ wird offenbar „beschlussfähig“.

Die Brandmauer als eigene Karriererampe?

Christopher Hofmann war CSU-Kandidat für das Amt des Zweiten Bürgermeisters. Er zog zurück, weil keine tragfähige Mehrheit absehbar war und er sich nicht mit AfD-Stimmen wählen lassen wollte. Zugleich hält sich in Stadtrats- und Parteikreisen eine andere Lesart: Hofmann sei nicht nur an fehlender Mehrheit gescheitert, sondern politisch unmöglich gemacht worden – mit Signalen, Bedingungen, Druck und Brandmauer-Moral.

Immer wieder fällt dabei ein Name: Christian De Lapuente. Öffentlich beweisen lässt sich das nicht abschließend. Politisch ausblenden lässt es sich aber auch nicht mehr. Aus CSU-Kreisen war zu hören, De Lapuente habe die AfD-Frage wirkungsvoll eingesetzt. So wurde aus der Brandmauer nicht nur Schutz gegen rechts, sondern nach dieser Lesart auch ein Hebel in einer Personalfrage – mit Nutzen für De Lapuentes Aufstieg. Heute soll De Lapuente selbst Bürgermeister werden. Man braucht schon eine ganze Batterie Nebelkerzen der Verantwortung, um darin keinen Machtweg zu erkennen.

CSU zahlt, SPD kassiert

Die CSU wollte den Takt vorgeben. Heraus kam eine Beulenbilanz: eigener Kandidat weg, Deneke-Stoll weg, Freie-Wähler-Modell weg, Referatskurs gedreht. Übrig blieb Wöhrl als zweiter Bürgermeister. Formal CSU‑Erfolg. Politisch mit Fußnote: Das dritte Bürgermeisteramt wurde ehrenamtlich. Mehr nicht.

Brisant bleibt: Vorgeschlagen wurde Wöhrl nicht von der CSU, sondern von De Lapuente. Dessen eigener Anspruch war vorher längst im Raum: mal hauptamtlich, mal ehrenamtlich, mal geteilt, mal drittes Bürgermeisteramt. Die Modelle änderten sich. Die Richtung nicht. Heute soll die CSU aus Fraktionsdisziplin gegen genau diese frühere Option stimmen. Der Preis für Wöhrl im Hauptamt heißt offenbar: De Lapuente im Ehrenamt. Kein Kompromiss. Ein politischer Purzelbaum mit Ansage.

Kern bekommt, Kleine wartet

Lange wirkte es, als stehe Oberbürgermeister Michael Kern über den Dingen: Fraktionen verhandeln, Rathaus wartet. Nur passt dieses Bild immer schlechter zum Ergebnis. Am Ende steht ziemlich genau jene Achse, die Kern aus CSU-Kreisen seit Wochen zugeschrieben wurde. Alles wirklich nur Zufall?

Bei den GRÜNEN hat sich Petra Kleine intern mit 22 zu 21 Stimmen gegen Nathalie Argus durchgesetzt. Mehrheit, ja. Krönung, nein. Eher Stolpern über die Ziellinie. Das Referat ist nicht fertig zugeschnitten. Ausstattung, Schnittstellen, Einfluss: offen. Formal ist die Stelle nicht vergeben, vermutlich wird sie ausgeschrieben. Der Stadtrat entscheidet danach, wer die Position einnimmt. Politisch ist die Personalie längst eingepreist. Ehrenamt hier, neues Machtzentrum dort. Kassensturz später.

Machtpaket mit Folgekosten

Auch Ausschüsse, Gremien, Stärkeverhältnisse, Fraktionszuwendungen, Verwaltungsräte und Stiftungsrat gehören heute zum Paket.

Zuvor: Dorothea Deneke-Stoll ist nicht mehr CSU. Sie wechselte in die SPD-Fraktion, bleibt parteilos und verändert die Kräfteverhältnisse. Die SPD wächst nicht durch ein entsprechendes Wahlergebnis, sondern durch politischen Wechsel.

Die neue Ordnung entsteht auch aus einer CSU, die stärker getrieben wirkt als gestaltend. Nicht jeder Kompromiss beschädigt. Beschädigend wird es, wenn rote Linien kommentarlos verschwinden, die stärkste Fraktion zur Mehrheitsbeschafferin für fremde Ziele wird und die CSU am Ende nur noch die Hand hebt.

Wer hält das Weihrauchfass auf der Krönungsmesse?

Wöhrl bekam bei seiner Wahl 27 Stimmen. Stachel tritt an. Damit gibt es eine Alternative. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht mathematisch, sondern politisch: Was ist ein Ausschluss wert, wenn er wenige Wochen später zur Zustimmung wird?

Warum ist heute tragbar, was seit der Kommunalwahl ausgeschlossen war: De Lapuente, Umweltreferat, Kleine, Schwarz-Rot-Grün? Und warum soll die CSU gegen Stachel stimmen, obwohl die FREIEN WÄHLER ursprünglich Teil der eigenen Überlegungen waren? Und warum soll ausgerechnet jener SPD-Fraktionschef mit CSU-Stimmen in die Rathausspitze, dessen Name immer wieder fällt, wenn es um das Scheitern des ursprünglichen CSU-Kandidaten geht? Alles für das zweite Bürgermeisteramt in CSU-Händen?

Das sind keine Details. Das sind Fragen politischer Selbstachtung.

Bleibt eine Frage: Wer schlägt De Lapuente heute vor? Nach der Logik dieser Inszenierung wäre Franz Wöhrl fast zwingend. De Lapuente schlug Wöhrl vor. Wöhrl dankte seinem „Freund“. Heute könnte Wöhrl den Freund zurück auf die Bühne holen. Dann wäre die Choreografie perfekt.

Auf dem geheimen Stimmzettel wird aus Fraktionslinie persönliche Verantwortung. Ungültig wählen, sich enthalten oder fernbleiben: Das wären keine Auswege, sondern Fluchtwege. Ob die CSU heute bei De Lapuentes Krönungsmesse das Weihrauchfass hält, wird am frühen Nachmittag feststehen.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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