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Von Thomas Thöne
Es gibt Jahrestage, an denen man innehält. Man schaut zurück, erinnert sich daran, was erreicht wurde – und vielleicht auch daran, was schiefgelaufen ist. Und dann war da gestern der 3. Oktober. Er wurde in diesem Jahr zum 37. Mal als Tag der Deutschen Einheit begangen – und bedeutete in Ingolstadt vor allem eines: Die Geschäfte durften öffnen. Von 13 bis 18 Uhr. Fünf Stunden. Tausende kamen. Händler präsentierten Herbstsortimente, Angebote und Aktionen. IN-City sprach anschließend von einem „richtig tollen Tag“ und einem Familiennachmittag „fernab von Alltagsstress und Hektik“. Schön für den Einzelhandel. Der braucht Kunden.
Dieser Einkaufsnachmittag passt fast schon unangenehm gut zur Geschichte der deutschen Einheit.
Natürlich gingen die Menschen 1989 nicht für Westjeans, Videorekorder und volle Supermarktregale auf die Straße. Sie wollten Freiheit, freie Wahlen und Selbstbestimmung. Aber zum Versprechen des Westens gehörte auch Wohlstand. Die D-Mark wurde zum Symbol, Westprodukte zum sichtbaren Versprechen eines anderen Lebens.
Dann kam die Marktwirtschaft. Und für viele die Ernüchterung. Bis Mitte der neunziger Jahre gingen in Ostdeutschland rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze verloren. Vom früheren DDR-Volkseigentum gelangten 85 Prozent an Westdeutsche, zehn Prozent an internationale Investoren – und gerade fünf Prozent an Ostdeutsche.
Die einen verloren Betriebe und Arbeit. Andere fanden neue Märkte und Millionen neue Kunden. Westdeutsche Unternehmen verdienten an Waren, Versicherungen, Dienstleistungen und am wirtschaftlichen Umbau des Ostens. 36 Jahre später ist die wirtschaftliche Einheit trotzdem nicht vollendet. Die Vermögen im Osten sind statistisch noch immer nur etwa halb so groß wie im Westen. Die Mauer ist weg. In der Vermögensstatistik steht noch ein Rest davon. Vielleicht besitzt der verkaufsoffene 3. Oktober in Ingolstadt deshalb tatsächlich eine gewisse historische Folgerichtigkeit – nur anders, als seine Erfinder vermutlich meinen.
Auch Ingolstadt lernt gerade, dass Wohlstand keine Naturkonstante ist. Jahrzehntelang machten hohe Gewerbesteuereinnahmen vieles möglich, wovon andere Städte nur träumen konnten. Die Autoindustrie war nicht nur Arbeitgeber. Sie war ein wesentlicher Teil des Ingolstädter Geschäftsmodells. Jetzt fehlen im Haushalt 2026 rund 60 Millionen Euro, mittelfristig rechnet die Stadt mit etwa 75 Millionen Euro Defizit pro Jahr. Die Regierung von Oberbayern hat die Haushaltssatzung nicht genehmigt. Investitionen müssen über Kredite finanziert werden.
Beim Volkswagen-Konzern, zu dem Audi gehört, läuft es nicht mehr wie in den goldenen Jahren. Im September senkte VW seine Prognose für die operative Umsatzrendite 2026 auf bis zu ein Prozent. Audi und Volkswagen Pkw bleiben nach Konzernangaben hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. Der Motor, der Ingolstadts Wohlstand mitfinanziert hat, stottert. Man könnte darüber reden. Oder Socken kaufen.
Denn auch politisch ist 2026 kein Jahr für sorglose Feiertagsfolklore. Bei der Ingolstädter Stadtratswahl erreichte die AfD 16 Prozent und acht Sitze. Gleichzeitig interessieren sich die Menschen durchaus für Politik. Das politische Interesse erreicht im Religionsmonitor 2026 mit 65 Punkten den höchsten Wert im untersuchten Zeitraum. Nur Vertrauen und Gerechtigkeitsempfinden halten nicht Schritt: Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt bei 37 Punkten, das Gerechtigkeitsempfinden bei gerade 25. Dazu Krieg in Europa, wirtschaftliche Unsicherheit und internationale Gewissheiten, die längst nicht mehr so gewiss sind. Rechte und rechtsextreme Kräfte haben an Stärke gewonnen. Und 36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist selbst die Frage nach gleichen Chancen zwischen Ost und West noch nicht erledigt. Gesprächsstoff wäre also vorhanden gewesen.
Vielleicht hätte dieser 3. Oktober deshalb etwas anderes verdient als ein „Shopping-Erlebnis für die ganze Familie“. Keine staatstragende Großveranstaltung, kein Fahnenmeer, keine Festrede. Ein paar Tische in der Fußgängerzone hätten gereicht. Ostdeutsche und Westdeutsche. Junge und Alte. Audi-Beschäftigte, Händler, Rentner, Schüler. Menschen, die AfD wählen, und Menschen, die deren Politik ablehnen. Menschen, die wissen wollen, warum ihre Stadt plötzlich sparen muss – und warum Vermögen und Chancen auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer so unterschiedlich verteilt sind.
Fünf Stunden. Genau so lange, wie gestern die Geschäfte geöffnet hatten. Nur diesmal keine Sonderangebote, sondern eine Frage: Was hält dieses Land eigentlich noch zusammen? Das hätte keinen zusätzlichen Umsatz gebracht. Aber vielleicht hätte es den Sinn dieses Feiertags besser getroffen. Denn eine Innenstadt kann man mit verkaufsoffenen Feiertagen beleben. Eine Demokratie nicht.