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Ingolstadt ächzt unter Dauerbaustellen, Audi wankt, die Stadtkasse ist leer. Die Empörung in den sogenannten sozialen Netzwerken ist deutlich wahrnehmbar – und vielen Kommunalpolitikern scheint das egal. Ihre Antwort auf die Kritik aus dem Netz: Ach, das sind doch nur ein paar „Hater“. Das ist riskant: Ungehörte Kritik stärkt die Ränder. Zumal die Zahlen klar sind: Die Stadt rechnet in den kommenden Jahren mit Haushaltsdefiziten zwischen 60 und 80 Millionen Euro.
Kritik nervt – aber sie stärkt Demokratie
Kritik ist nicht Hass. Sie darf nerven, schmerzen, poltern – und ist doch das Lebenszeichen einer Demokratie. Hass dagegen gehört vor Gericht. Wer Drohungen ausstößt, hat seinen Platz vor dem Richter.
Wer aber die Angst vor Arbeitsplatzverlust, die Wut über jahrelange Baustellen oder das Gefühl der Abgehängten äußert, verdient eine Antwort.
Für manche sind ungeschliffene Wortmeldungen ein Affront gegen ihre Vorstellung von Stil; andere sehen darin sofort das Dunning-Kruger-Syndrom – also die Neigung, die eigene Ahnungslosigkeit nicht zu bemerken und sich dennoch für besonders kompetent zu halten. Diese Sichtweise wirkt jedoch schnell überheblich.
Aber genau darin liegt die Falle: Wer Kritik wegen des Tons abwertet, statt sich mit dem Inhalt zu befassen, macht sie politisch unsichtbar. Gerade diese Stimmen muss man hören, auch wenn sie sperrig klingen.
Ein Brotzeitbrettl als Politikum
Dass Stimmung kippt, liegt auch an der Symbolik. Wenn Mitglieder des Stadtrats und der Oberbürgermeister beim Oktoberfest sitzen und Brotzeitbrettl und Maß genießen, knallt es in den Kommentarspalten. Es geht nicht um die Brotzeit – es geht um das Gefühl, dass die Politik sich abkoppelt, während die Haushaltslage dramatisch ist. Solche Episoden werden zu Ventilen. Sie zeigen, wie tief das Misstrauen sitzt. Man muss sie ernst nehmen, wenn man die Stimmung verstehen will.
Was die Forschung sagt
Wissenschaftler wie Tarik Abou Chadi (2025) und Lea Salomo (WZB, 2025) zeigen: Empfundene Verluste und Kürzungen sind der ideale Nährboden für extreme Parteien. Weitere Studien aus 2025 warnen, dass ignorierte Kritik radikalisiert – im Netz sogar im Zeitraffer.
Lokale Lektionen aus Eichstätt
Besonders deutlich wird das in einer Untersuchung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Kommunikationswissenschaftler Fabian Virchow belegt darin, wie die AfD Social Media gezielt mit emotionalen, anti-immigrantischen Botschaften füttert – und die Algorithmen für ihre Zwecke nutzt. Solche Strategien treffen auf eine Politik, die sich taub stellt.
Die Sorgen sind real
Dabei sind die Ursachen mehr als real. In der Ingolstädter Fußgängerzone dominieren Absperrgitter, Händler klagen über ausbleibende Kundschaft. Im Werk von Audi bangen tausende Familien um ihre Jobs. Und im Rathaus klafft ein Haushaltsloch, das die Stadtspitze zu drastischen Sparmaßnahmen zwingt. Diese Sorgen werden im Netz verdichtet und zugespitzt, aber sie kommen aus der Wirklichkeit. Politiker, die abwinken, überlassen das Feld den Lautesten – und die sitzen längst am rechten Rand.
Handeln statt abwinken
Es wäre einfach gegenzusteuern: Beschwerden wie Eingaben behandeln, Kosten und Risiken von Großprojekten offenlegen, analoge und digitale Diskussionsräume schaffen, Kritik beantworten – und Hass konsequent anzeigen. Doch solange örtliche Kommunalpolitiker, aber auch Medienvertreter, nur über „Blasen“ sprechen, wachsen am Rand die Parteien, die daraus Profit schlagen.
Ignoranz als Brandbeschleuniger
Das eigentliche Problem sind also nicht die Kommentarspalten – sondern eine Politik und Teile der Stadtgesellschaft, die Kritik für Folklore halten und sie ignorieren.
Ignoranz macht blind. Und Blindheit hat im Jahr 2025 einen klaren Parteikollegen.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
