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Predigten von Politikern sind selten – besonders dann, wenn sie von der Kanzel kommen. Markus Söder (CSU) will am Reformationstag in Ingolstadt über „Christsein im Alltag“ sprechen. Ein offener Brief richtet sich nun gegen den Auftritt und wirft dem Ministerpräsidenten vor, die Kirche für politische Zwecke vereinnahmen zu wollen.
Der Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands (BRSD) hat sich mit einem offenen Schreiben an die Kirchenleitung der evangelischen Kirche in Bayern gewandt. Adressiert ist der Brief an Landesbischof Christian Kopp und Regionalbischof Klaus Stiegler. Die Organisation, die seit über hundert Jahren für eine Verbindung von Glauben und sozialem Engagement steht, warnt vor einer Vereinnahmung der Kirche durch politische Interessen. Bereits in der Weimarer Republik hatte der BRSD gegen die kaum vermittelbaren Staatsleistungen an die Kirchen gekämpft – und knüpft mit seiner Kritik heute bewusst an diese Tradition an.
Kritik am Selbstverständnis
Die Hauptkritik richtet sich gegen Söders Verständnis vom Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Wiederholt hatte der CSU-Vorsitzende betont, Bayern sei das kirchenfreundlichste Bundesland. Als Beleg verwies er auf Kreuze in öffentlichen Gebäuden, den Religionsunterricht, Feiertagsregelungen und staatliche Zahlungen. „Vielleicht als kleinen Merkposten, nicht vergessen, wer am Ende noch an der Seite der Institution Kirche steht. Es sind nämlich wir“, sagte er auf einem Parteitag.
Der BRSD deutet solche Aussagen als implizite Erwartung politischer Loyalität: Wer zahlt, schafft an. Tatsächlich sei das Bild verzerrt. Weder Pfarrergehälter noch die Löhne von Mesnern oder kirchlichen Angestellten würden vom Staat übernommen. Dass die CSU die seit langem geforderte Ablösung historischer Staatsleistungen verhindere, erwähnen die Autoren ebenfalls. Söder, so der Vorwurf, wolle eine „staatsfromme“ Kirche, die Seelsorge leistet, sich auf Lebensschutz konzentriert – und politische Fragen meidet.
Migrationspolitik als Auslöser
Der Konflikt hat eine Vorgeschichte. Im Frühjahr hatten die Kirchen die von CDU und CSU mit AfD-Stimmen durchgesetzte Verschärfung der Migrationspolitik kritisiert. Sie sprachen von mangelnder Menschlichkeit und warnten vor Rechtsverstößen. Söder reagierte prompt: Die Kirchen sollten sich stärker auf „christliche Themen“ konzentrieren – etwa den Lebensschutz und die Debatte um den Paragrafen 218.
Für den BRSD zeigt dieser Vorgang, dass die Kirchen zum Schweigen gebracht werden sollen, sobald ihre Stimme unbequem wird. Der Schutz Geflüchteter sei jedoch ein „urchristliches Thema“. Wer den Kirchen abspreche, dazu Stellung zu nehmen, missachte ihren Auftrag.
Politische Mahnungen an die Kanzel
Die Parallele zur Geschichte ist für die Verfasser schnell gefunden: Schon Kaiser Wilhelm II. habe 1896 gefordert, die Pastoren sollten sich um die Seelen kümmern, nicht um Politik. Dass ein Ministerpräsident heute in ähnlicher Weise mahne, sei bedenklich.
Der BRSD warnt die Kirchenleitung davor, sich vereinnahmen zu lassen. Eine Kirche, die aus Angst vor staatlichen Zuwendungen den politischen Diskurs meidet, verliere ihre Glaubwürdigkeit. Ihr Auftrag sei es, für die Schwachen einzutreten und unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Kirche dürfe sich nicht in die Sakristei zurückziehen, sondern müsse sichtbar für Demokratie und Menschenrechte eintreten.
Demokratie im Blick
Besonders betonen die Autoren die politische Dimension: Eine demokratische Gesellschaft brauche Kirchen, die öffentlich Position beziehen – gerade in einer Zeit, in der die Zahl liberaler Demokratien abnehme. Wer Geflüchtete schütze und sich für Benachteiligte einsetze, engagiere sich zugleich für eine lebendige Demokratie. Schweigen dagegen sei Verrat am eigenen Auftrag.
Zweifel an Söder als Prediger
Vor diesem Hintergrund erscheint es den Unterzeichnern fragwürdig, ausgerechnet Söder über „Christsein im Alltag“ sprechen zu lassen. Seine Reden seien oft populistisch, sein Politikstil trage zur gesellschaftlichen Polarisierung bei. Damit sei er ungeeignet, den kirchlichen Auftrag aus dem Geist des Evangeliums heraus zu verkörpern. „Wer etwas über Christsein im Alltag sagen will, muss Taten voranstellen“, heißt es in dem Brief.
Die Kirchen sollten deshalb nicht stillhalten, sondern im gesellschaftlichen Diskurs ihre Stimme erheben – auch und gerade dort, wo Menschenwürde und Solidarität infrage stehen. Kirche mache keine Parteipolitik, betont der BRSD, aber sie müsse Partei für die Schwachen ergreifen. Eine Kirche, die sich einmischt, lebe ihren Auftrag.
Der Brief endet mit einer klaren Absage an die geplante Kanzelrede. Unterzeichnet ist er von Bundessekretär Andreas Herr, der im Namen des gesamten Vorstands des BRSD spricht.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
