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Ingolstadts Krise ist auch eine Führungskrise

Die erste Nachricht war Rang 231 im Dynamikvergleich des IW-Regionalrankings. Die zweite ist unangenehmer: Ingolstadt kann schwarz auf weiß nachlesen, wie schwach sich die Stadt im Vergleich zu vielen anderen Regionen entwickelt. Neu ist das nicht. Neu ist, wie klar es belegt ist. Offen bleibt, wie die Kommunalpolitik bisher gegengesteuert hat – und wie sie es künftig tun will.

Der Befund stammt, wie berichtet, aus dem Regionalranking des Instituts der deutschen Wirtschaft, kurz IW. Im Niveauranking steht Ingolstadt auf Platz 32; in zehn Jahren ging es 24 Ränge nach unten. Härter ist der Dynamikvergleich: Platz 231 unter 400 Regionen. Frühere Stärke hilft gegen diese Zahl nicht.

Der Blick geht damit vom Ranking ins Rathaus. Das IW beschreibt erfolgreiche Regionen als Orte, die eigene Stärken weiterentwickeln und Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Infrastruktur, Stadtentwicklung und Lebensqualität zu einer Linie verbinden. Genau diese Linie fehlt Ingolstadt.

Die Stadt hat Unternehmen, Hochschulen, Industrieerfahrung, Fachkräfte und eine gute Lage. Doch daraus entsteht kein sichtbarer wirtschaftspolitischer Aufbruch. Neuansiedlungen bleiben eher Erwartung als Konzept. Standortpolitik wirkt im Stadtrat selten wie ein Schwerpunkt.

Dabei gab es diesen Anspruch schon einmal. Unter dem umtriebigen Oberbürgermeister Christian Lösel (CSU) wurden zwischen 2014 und 2020 Standortfragen aktiver gestellt: Wie wird Ingolstadt breiter? Welche Impulse braucht die Stadt? Welche Felder wachsen neben der Industrie? Nicht alles davon muss heute überzeugen. Auffällig ist aber, dass der Gestaltungsanspruch danach nicht sichtbar fortgeführt wurde.

Heute verlässt sich die Kommunalpolitik stark auf Verwaltung und bestehende Strukturen. Doch Strukturen ersetzen keine Führung. Die Industrieförderungsgesellschaft soll Impulse setzen, kann aber nur so wirksam sein, wie Stadtrat und Rathaus sie ausstatten. In der Finanzkrise wurden ihre Spielräume eher kleiner. Wer Wirtschaftsförderung nicht nach vorn stellt, sollte sich über fehlende Bewegung nicht wundern.

Die Finanzlage verschärft alles. Wie berichtet, ist der Haushalt für 2026 nicht genehmigungsfähig; die Stadt steht unter strenger Kontrolle der Rechtsaufsicht der Regierung von Oberbayern. Jede Priorität wird damit zur Entscheidung. Gerade jetzt müsste klar sein, was für Ingolstadts wirtschaftliche Zukunft unverzichtbar ist. Stattdessen war die Kommunalpolitik seit der Kommunalwahl Anfang März lange mit Mehrheiten, Zuständigkeiten und der neuen Rathausordnung beschäftigt – sichtbar nach außen, zur Unzeit als Postengeschacher.

Auch an der Rathausspitze ist Wirtschaftspolitik bislang kaum als Führungsaufgabe erkennbar. Oberbürgermeister Michael Kern von der CSU ist seit gut einem Jahr im Amt; deutliche Akzente in der Standortpolitik sind schwer auszumachen. Die neu gewählten Bürgermeister Franz Wöhrl von der CSU und Christian De Lapuente von der SPD sind erst kurz im Amt; sichtbar stehen sie eher für Kultur und Sport. Beides ist wichtig. Nur wirkt Wirtschaftsförderung in dieser Aufstellung nicht wie Chefsache.

Das ist der Kern der Führungskrise: nicht fehlende einfache Antworten, sondern fehlende Ordnung schwieriger Fragen. Welche Branchen sollen wachsen? Wie kommen Forschung, Industrie und Gründungen zusammen? Welche Investitionen haben trotz knapper Kassen Vorrang? Genau das bleibt offen.

Das IW liefert keine fertige Lösung. Es macht aber klar: Erfolgreiche Regionen bauen aus eigenen Stärken ein Gesamtmodell. Für Ingolstadt hieße das, die industrielle Basis nicht nur zu schützen, sondern zu erneuern. Automobilwirtschaft, Zulieferer, Digitalisierung, Energie, Forschung und neue Technologien gehören zusammen gedacht. Wer nur spart, hält vielleicht einen Haushalt zusammen. Einen Standort erneuert man so nicht.

Auch Lebensqualität gehört dazu. Fachkräfte kommen oder bleiben nicht wegen Tradition allein. Sie brauchen bezahlbares Wohnen, gute Mobilität, Bildung, medizinische Versorgung, sichere Räume, Grünflächen und eine funktionierende Verwaltung. Das sind harte Standortbedingungen.

Förderprogramme können helfen. Aber Geld schafft keine Richtung. Richtung muss politisch entstehen.

Platz 231 ist deshalb kein Schlusspunkt, sondern der Anfang der Debatte. Ingolstadt hat seine wirtschaftliche Zukunft zu lange als gegeben behandelt. Andere Regionen arbeiten an Profil, Ansiedlungen, Forschung, Lebensqualität und neuen Feldern. Wer hier weiter Zuständigkeiten und Posten verhandelt, während anderswo Standortpolitik betrieben wird, verkleinert den Abstand nicht.

Das IW beschreibt keinen Sonderweg für Ingolstadt, aber einen Maßstab: eigene Stärken weiterentwickeln, Akteure zusammenbringen, Kurs setzen. Für Ingolstadt ist das keine freundliche Empfehlung. Es ist ein Arbeitsauftrag. Und er richtet sich nicht nur an die Verwaltung, sondern an eine Kommunalpolitik, die die wirtschaftliche Lage endlich ernster nehmen muss.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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