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Erst sechs Wochen Bürgermeisterchaos. Dann die Rede von Verantwortung, Verlässlichkeit und Konsolidierung. Oberbürgermeister Michael Kern hat zur konstituierenden Sitzung des Ingolstädter Stadtrats den großen Rahmen gesetzt: Die Finanzlage der Stadt ist ernst. Der Haushalt 2026 wurde von der Regierung von Oberbayern nicht genehmigt. Die vorläufige Haushaltsführung gilt weiter.
Damit ist der eigentliche Startpunkt dieser Wahlperiode nicht die Bürgermeisterfrage. Sondern Geld. Oder genauer: fehlendes Geld. Nach Kerns Darstellung sind die Gewerbesteuereinnahmen von durchschnittlich rund 125 Millionen Euro pro Jahr auf etwa 77 Millionen Euro im Ansatz 2026 eingebrochen. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Energie, Bau, Soziales und Personal. Hinzu kommen strukturelle Belastungen wie Defizite im Klinikbetrieb. Kerns Satz dazu: „Kein Wunder, dass der Haushalt nicht mehr auszugleichen ist.“
House of Cards als Vorgeschichte
Diese Rede kommt nicht aus dem Nichts. Sie steht am Ende von sechs Wochen, in denen die Ingolstädter Kommunalpolitik alles andere als handlungsfähig wirkte. Christopher Hofmann wurde als CSU-Kandidat für das Amt des 2. Bürgermeisters aufgebaut und zog wieder zurück. Dorothea Deneke-Stoll verließ CSU und Fraktion und wechselte zur SPD. Christian De Lapuente tauchte in den vergangenen Wochen immer wieder als zentraler Akteur in Gesprächen und Mehrheitsüberlegungen auf. Die Bürgermeisterfrage wurde geschoben, gedreht, neu sortiert.
In politischen Kreisen fiel dafür immer wieder das Bild von „House of Cards“. Gemeint ist eine Politik, in der Machtspiele, Taktik und verdeckte Absprachen wichtiger erscheinen als offene Mehrheitsbildung. Kein Beweis. Aber ein Bild, das nach diesen Wochen für viele naheliegt.
Genau vor diesem Hintergrund bekommt Kerns Rede Gewicht. Der Oberbürgermeister ruft zu Verlässlichkeit auf – nachdem die Verlässlichkeit der politischen Abläufe wochenlang infrage stand. Er spricht von Handlungsfähigkeit – nachdem die erste große Personalfrage erst auf den letzten Metern eingefangen wurde. Er spricht von Konsolidierung – während gleichzeitig ein neues Umweltreferat Teil des politischen Pakets wird.
Breite Mitte unter Druck
Kern sprach von breiten, stabilen und demokratischen Mehrheiten in der Mitte des Stadtrats. Gerade jetzt seien sie wichtig. Genau dort liegt der Prüfstein. CSU, SPD und GRÜNE haben eine Vereinbarung für den Start der Wahlperiode geschlossen. Kern stellte sie als Ergebnis intensiver und nicht immer einfacher Gespräche dar. Formal heißt das: Handlungsfähigkeit.
Politisch heißt es auch: Kern steht nun sichtbar für diese Achse. Denn der Oberbürgermeister verkündet nicht einfach eine Einigung. Er macht sie zur Antwort auf die Finanzkrise. Zur Grundlage der neuen Stadtratsperiode. Zur Achse der sogenannten Mitte. Konkret sieht das Paket so aus: Franz Wöhrl von der CSU soll 2. Bürgermeister werden. Christian De Lapuente von der SPD soll als ehrenamtlicher 3. Bürgermeister folgen. Dafür wurde die Rechtsstellungssatzung vom Stadtrat geändert. Die Wahl von De Lapuente ist für den 13. Mai vorgesehen.
Auch das Umweltreferat soll wieder eingeführt werden. Dort sollen Umweltamt, Nachhaltigkeitsstelle und Forstamt gebündelt werden. Nach Kerns Darstellung soll das mit schlanken Strukturen, Einsparungen an anderer Stelle und Fördermitteln so weit wie möglich kostenneutral geschehen.
Damit wird auch Kerns Rolle in den vergangenen Wochen interessanter. Aus CSU- und Stadtratskreisen war schon länger zu hören, Kern habe eine Zusammenarbeit mit SPD und GRÜNEN bevorzugt. Jetzt steht genau diese Linie öffentlich im Stadtrat. Nicht als Gerücht. Als Vereinbarung.
Mehrheit ist noch kein Haushaltskonzept
Eine Mehrheit, die Personalfragen löst, ist noch keine Mehrheit, die eine Finanzkrise bewältigt. Ein Bürgermeisterpaket ist noch kein Haushaltskonzept. Ein neues Umweltreferat ist noch kein Beweis, dass in einer Stadt ohne genehmigten Haushalt Prioritäten wirklich härter gesetzt werden.
Kern formulierte in seiner Rede einen klaren Auftrag. Ingolstadt müsse wieder voll handlungsfähig werden. Schulen, Kitas, Infrastruktur, soziale Stabilität, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport und Ehrenamt müssten weiter eine Grundlage haben. Gespart werde nicht gegen die Stadt, sondern für ihre Zukunft. Das klingt nach Strategie. Es ist aber auch eine Ansage an den neuen Stadtrat. Denn dieser Stadtrat wird harte Entscheidungen treffen müssen. Engere Spielräume. Unbequeme Prioritäten. Konsolidierungspakete. Haushaltssicherungskonzept. Weniger Wunschliste, mehr Rotstift. Die Frage ist nur, ob die politische Mehrheit, die sich gerade für die Bürgermeisterfrage gefunden hat, auch diese Realität trägt.
Wer führt diesen Prozess?
Auffällig ist, wie stark Kern die Verwaltung in den Mittelpunkt stellte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hielten die Stadt jeden Tag am Laufen. Sie bräuchten Klarheit, Verlässlichkeit und Respekt. Das ist richtig. Aber es hat eine zweite Seite.
Wenn die politische Spitze nach Wochen des Ringens erst auf den letzten Metern eine Einigung findet, wächst die Bedeutung der Verwaltung zwangsläufig. Die berufsmäßigen Stadträte, Referate und Ämter werden in einer finanziell angespannten Lage umso wichtiger. Gerade deshalb braucht es einen Stadtrat, der nicht nur Ämter verteilt, sondern politische Steuerung übernimmt. Die Frage aus der Rede lautet also nicht nur: Wie spart Ingolstadt? Sondern auch: Wer führt diesen Prozess politisch? Jetzt beginnt der schwierige Teil
Kerns Rede war auf Ausgleich bedacht. Sie sprach von Verantwortung, Kompromiss, Respekt und Zukunft. Aber die kommenden Monate werden weniger feierlich. Der Haushalt ist nicht genehmigt. Die Einnahmen sind eingebrochen. Die Ausgaben steigen. Die Stadt braucht ein Haushaltssicherungskonzept. Viele Entscheidungen werden enger, schwieriger, unbequemer. Kern hat den Maßstab selbst gesetzt: sorgsam wirtschaften, Verantwortung übernehmen, Zukunft sichern.
Jetzt muss sich zeigen, ob CSU, SPD und GRÜNE mehr verbindet als ein Startpaket für die Bürgermeisterwahl. Ob aus der viel beschworenen Mitte eine Mehrheit wird, die Kürzungen, Prioritäten und Konflikte aushält. Und ob der neue Stadtrat die Stadt tatsächlich durch diese finanzielle Zäsur führen kann.
Die Rede ist gehalten. Der Deal steht. Die Krise bleibt.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.