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In der beschaulichen Stadt Kleinprovincia, wo politische Erschütterungen gewöhnlich ungefähr die Stärke eines leicht verrückten Gartenstuhls erreichen – und manchmal genauso schnell wieder zurückgestellt werden –, sind die Stadtratswahlen nun vorüber. Einige Plakate hängen noch an den Laternen. Der Wahlkampf war ausgesprochen harmonisch. Konflikte gelten in Kleinprovincia schließlich als unschön.
Der unsichtbare Gegner und die anderen
Manche Parteien mussten sich in den vergangenen Wochen allerdings nicht nur mit politischen Mitbewerbern auseinandersetzen, sondern auch mit etwas weniger Sichtbarem – der veröffentlichten Meinung der örtlichen Kleinprovinciagazette. In Kleinprovincia kann ein Wahlkampf mitunter zwei Gegner haben: die politischen Konkurrenten – und gelegentlich einen unsichtbaren.
Die Bürgerinnen und Bürger gehen mit Informationen inzwischen recht pragmatisch um. Manche verfolgen Politik selbst. Andere vergleichen mehrere Quellen. Und wieder andere schauen gelegentlich auf ein kleines, unbedeutendes lokales Nachrichtenportal, das die Kleinprovinciagazette „Plattform“ nennt – während sein Betreiber dort liebevoll schlicht „der Blogger“ heißt. Dort wird nach Einschätzung der Titanen der Kleinprovinciagazette politisches PR-Material ungefiltert ins Netz entlassen. Eine interessante Erkenntnis in einer Stadt, in der Pressemitteilungen auch andernorts erstaunlich zuverlässig ihren Weg in die Öffentlichkeit finden – dort allerdings unter der Würdebezeichnung Lokalredaktion.
Die Überraschung über die sogenannte Überraschung
Nach jeder Wahl wird von Parteien erklärt, man werde das Ergebnis gründlich analysieren. In Kleinprovincia ist das selten besonders dringend. Denn nach Wahlen gibt es hier bekanntlich vor allem nur Gewinner. Die Analyse folgt einem bewährten Muster: Man nimmt das Ergebnis zur Kenntnis, äußert einige nachdenkliche Sätze – und widmet sich anschließend den wichtigeren Themen. Den politischen Personalfragen.
Verwunderung über die Verwunderung
Besonders erstaunlich war nach dieser Wahl die verbreitete Verwunderung vieler demokratischer Parteien über das Abschneiden der sogenannten Alternativen Kleinprovinzianer. Die Überraschung über die sogenannte Überraschung fiel bemerkenswert groß aus. Dabei hätte ein kurzer Blick in die Stimmung der Bürgerschaft möglicherweise Hinweise liefern können. Aber Zuhören gehört nicht mehr zu den klassischen Kernkompetenzen der Politik. Auch nicht in Kleinprovincia.
Die demokratischen Parteien hatten offenbar kein politisches Rezept gefunden, den sogenannten Alternativen Kleinprovinzianern zu begegnen oder sie politisch zu entzaubern. Möglicherweise hielt man das auch gar nicht für erforderlich. Warnungen hatte es allerdings gegeben: über mangelnde Transparenz, über Entscheidungen hinter verschlossenen Türen und über eine wachsende Distanz zwischen Politik und Bürgerschaft. Doch Warnungen sind in der Kommunalpolitik häufig das, was man später gern als „Hinweise im Vorfeld“ bezeichnet.
Geschacher: Wer wird was? Wer bekommt was?
Während sich die Kandidaten langsam vom Wahlkampf erholen, beginnt in Kleinprovincia traditionell die eigentliche Phase der Politik. Wahlergebnisse sind hier meist nur der Auftakt. Jetzt beginnt das Postengeschacher: Wer wird was – und wer bekommt was?
Nach außen spricht man von Gesprächen, Verantwortung und Sondierungen. Tatsächlich geht es um organisatorische Fragen: Ausschüsse, Stellvertretungen und die nicht ganz unwichtige Frage, wer künftig bei Stadtratssitzungen etwas näher am Mikrofon sitzt – sowie darum, wer die beiden Bürgermeisterposten bekommt. Vielleicht auch einen Referentenposten oder ein anderes wichtiges Amt. Vielleicht auch einen zusätzlichen Aufsichtsratssitz oder eine Altersabsicherung.
Mehrheiten müssen schließlich organisiert werden. In einer Demokratie geschieht das über Kompromisse. Mal gute. Mal faule. Und manche heißen später einfach Verantwortung für die Stadt.
Karriereplanung
Auffallend entspannt wirken nach der Wahl die Sozialen Kleinprovinzianer. Dabei hat ihre Partei zwei Sitze verloren. Ein Blick auf die Wahlergebnisse seit den siebziger Jahren zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung: Damals lagen die Sozialen Kleinprovinzianer noch bei 43 Prozent und 19 Sitzen. Heute sind es 14,8 Prozent und sieben Sitze. Zahlen können erstaunlich deutlich sprechen. Doch auch hier gilt eine bewährte Regel der Politik: Niederlagen sind Interpretationssache. Der Chef der Sozialen Kleinprovinzianer verweist gern darauf, dass das Ergebnis immerhin über dem Landesdurchschnitt liege. Das ist Analyse genug.
Böse Stimmen aus der eigenen Partei behaupten allerdings, er habe das Bürgermeisterbüro im Rathaus bereits ausgemessen. Rein vorsorglich. Man weiß ja nie. Sein nächster gewünschter Karriereschritt scheint jedenfalls in diese Richtung zu gehen. Politische Verantwortung für schlechte Wahlergebnisse zu übernehmen – etwa durch Rücktritt vom Partei- oder Fraktionsvorsitz – gehört dagegen traditionell nicht zu den bevorzugten Reaktionsmustern der Partei. Man denke dabei auch an das Ergebnis der Oberbürgermeisterwahl im vergangenen Jahr. Diese Tradition reicht weit zurück.
Satire wirkt
Nicht jeder Stadtratskandidat verstand im Wahlkampf den satirischen Blick auf Kleinprovincia. Ein Kandidat der Unabhängigen Wählergemeinschaft Kleinprovincia (UWK) empfahl öffentlich, künftig auf Werbung bei zuvor erwähnten „Plattform“ zu verzichten. Seine Feststellung dazu war ebenso schlicht wie aufschlussreich: Wer dort Werbung schalte, könne anschließend Gegenstand einer Satire werden. Man könnte auch sagen: Satire wirkt.
Und draußen wartet die Wirklichkeit
Während einige noch über Satire diskutieren und andere bereits über Posten verhandeln, läuft der politische Betrieb in Kleinprovincia weiter. Analysen werden angekündigt, Posten verteilt. Doch außerhalb der Fraktionszimmer beschäftigt viele Bürgerinnen und Bürger derzeit eine andere Frage. Sie interessiert deutlich weniger, wer nach der Wahl welchen Titel erhält – und welche Aufwandsentschädigung damit verbunden ist.
Die Sorgen liegen anderswo. Die Entwicklung der Automobilindustrie wirft lange Schatten auf Kleinprovincia – und auf viele Arbeitsplätze. Gleichzeitig steckt die Stadt in der größten Finanzkrise ihrer Geschichte.
Die Erwartungen an die Politik sind erstaunlich schlicht: Lösungen finden. Verantwortung übernehmen. Entscheidungen transparent machen, erklären und die Bürgerinnen und Bürger daran teilhaben lassen. Oder, um es anders zu sagen: „Suchet der Stadt und ihrer Bewohner Bestes.“
Transparenz würde dabei helfen. Nachvollziehbare Entscheidungen ebenfalls. Und sie würden nebenbei auch die demokratische Mitte stärken.
Denn am Ende wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger von Kleinprovincia keine neuen Sitzordnungen. Sie warten auf Antworten. Die Posten sind dagegen meist schneller vergeben.
Fortsetzung folgt …
O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.
Hinweis: Diese Satire spielt in der fiktiven Stadt Kleinprovincia. Alle dargestellten Personen, Parteien und Ereignisse sind erfunden oder satirisch verfremdet. Sollte sich dennoch jemand wiedererkennen, ist das entweder Zufall – oder gesellschaftliche Trefferquote. Satire ist eine Form der Darstellung, die überzeichnet, zuspitzt und vereinfacht, um Zusammenhänge sichtbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Figuren, Dialoge und Situationen sind dabei bewusst verdichtet und stellen keine wörtliche Wiedergabe realer Gespräche oder tatsächlicher Abläufe dar.