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Kleinprovincia wählt – Wahlkampf war vor allem ein Fototermin

In Kleinprovincia ist Wahltag. Ein Tag, an dem plötzlich alle Kandidaten entdecken, wie wichtig Bürgerinnen und Bürger sein können – zumindest bis zum Abend. Bevor diese allerdings an der Wahlurne ankommen, mussten sie sich erst einmal durch einen kleinen Wahlkampf-Dschungel arbeiten: Plakate, Flyer, Anzeigen, Videos und Posts. Wahlkampf findet hier längst nicht mehr nur auf dem Marktplatz statt, sondern überall dort, wo Aufmerksamkeit erzeugt werden kann – im Browser, im Feed, zwischen zwei Nachrichtenmeldungen und einem Katzenvideo. Der moderne Wahlkampf kennt keine Litfaßsäulen mehr. Er kennt vor allem eines: Selbstdarstellung. Und zwar in Vollendung. Jeden Tag ein bisschen mehr. Politik als Dauerpräsentation.

Der Wahlkampf selbst verlief erstaunlich ruhig. Keine großen Skandale, keine offenen Konflikte. Man hatte sich im Grunde ganz gern. In Kleinprovincia streitet man selten öffentlich. Man nickt sich zu, man lächelt, man stimmt zu. Harmonie gehört hier zur politischen Grundausstattung. Gleich nach dem Wahlplakat. Konflikte gelten als unschön, klare Worte als riskant, offene Auseinandersetzungen als etwas, das man besser anderen Städten überlässt. Wer laut wird, fällt auf. Wer widerspricht ebenfalls. Und negativ auffallen möchte im Wahlkampf bekanntlich niemand. In Kleinprovincia funktioniert Politik deshalb gern nach einem einfachen Prinzip: erst lächeln, dann wählen lassen. Möglichst geräuschlos. Demokratischer Streit erzeugt Schlagzeilen. Harmonie erzeugt Wiederwahl. Und Wiederwahl gilt in Kleinprovincia bekanntlich als besonders verlässliche politische Strategie.

Erst gegen Ende gab es einen kurzen Ruckler im Wahlkampf. Die Kleinprovinciagazette berichtete, ein Parteimitglied habe politisch „nach rechts geblinkt“. Für einen Moment entstand etwas Bewegung.

Bei dieser Wahl geht es nicht um das wichtigste Amt von Kleinprovincia. Der Oberbürgermeister wurde bereits im vergangenen Jahr neu gewählt, nachdem der damalige Amtsinhaber das Rathaus vorzeitig Richtung Landeshauptstadt verlassen hatte. Kleinprovincia kennt nun also auch solche Wege. Manche nennen es Karriere, andere Durchgangsstation. Die Stadt produziert nicht nur Wahlplakate, sondern gelegentlich auch politische Sprungbretter.

Wer in diesen Wochen durch die Stadt läuft oder durch seinen Nachrichtenfeed scrollt, begegnet einer besonderen Form politischer Literatur. Man könnte sie Wahlkampflyrik nennen. „Mehr für dich. Besser für Kleinprovincia.“ – „Mit Herz und Verantwortung durch herausfordernde Zeiten.“ – „Zukunft ist jetzt.“ – „Mission Kleinprovincia possible.“ – „Fühl dich hier.“ – „Status: Go.“ Und irgendwo dazwischen der bemerkenswerte Satz: „Unser Ziel: Dass Sie Ihre erreichen können.“ Ein Satz, der alles sagt – und gleichzeitig erstaunlich wenig erklärt. Wahlkampfpoesie funktioniert schließlich auch ohne Inhaltsangabe. Hauptsache, sie reimt sich ungefähr auf Zustimmung.

Früher brauchte man Programme mit Ideen und Lösungen für Probleme. Heute reicht oft ein guter Satz – und ein noch besseres Foto dazu. Mancher Politstratege ist überzeugt, Bilder und Videos könnten Programme ersetzen. Inhalte gelten dabei eher als Zubehör. Hauptsache, das Bild stimmt.

Wahlwerbung kann in Kleinprovincia inzwischen vieles. Sie kann Zukunft versprechen, Verantwortung ausstrahlen – und gelegentlich auch für unerwartete Wortkombinationen sorgen. Ein Beispiel hatte bereits für Aufmerksamkeit gesorgt: eine Anzeige mit dem Hinweis auf „3 Stimmen“ und dem Slogan „Endlich ein Dreier mit gutem Gewissen.“ Das Wahlrecht war damit korrekt erklärt. Den Rest erledigte die Fantasie. Und das Internet erledigte den Rest der Reichweite. In Kleinprovincia genügt manchmal ein einziger Satz, um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen als ein ganzes Wahlprogramm. Vielleicht ist das inzwischen sogar das Programm.

Wahlkampf besteht deshalb längst nicht mehr nur aus Worten. Er besteht vor allem aus Bildern. Viele Bilder. Sehr viele Bilder. Vermutlich mehr Bilder als Haushaltsbeschlüsse im ganzen Jahr. Und deutlich mehr Likes. In Kleinprovincia entsteht derzeit eine Art politisches Fotoalbum. Der Wahlkampf als Diashow – nur ohne Pause-Taste.

Kandidaten sitzen auf Treppen unter alten Bäumen und sprechen über Zukunft, sie stehen vor Kirchenportalen und schauen bedeutungsvoll in die Ferne, sie spazieren durch die Altstadt, trinken Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt oder essen Popcorn vor dem Kino. Die Kulissen wechseln. Das Motiv bleibt: Nähe, Vertrautheit, Gemeinsamkeit. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Im Wahlkampf manchmal sogar mehr als tausend Programme.

Bei einem Kandidaten gehört zu dieser Bildwelt auffällig häufig dieselbe Begleitfigur. Auf Fotos und in Videos taucht sie immer wieder auf – mal auf einer Treppe im Grünen, mal vor historischen Mauern, mal bei Veranstaltungen. Die Bildsprache ist eindeutig: Nähe, Vertrauen, Vertrautheit. Eine Frau an seiner Seite. Die Bilder sagen nicht viel. Aber sie lassen viel Raum für Interpretation. Für manche Betrachter entsteht daraus ganz von selbst eine vertraute politische Szene: der Kandidat und eine Wonder-Woman des Alltags – immer an seiner Seite. Wahlkampfbilder erzählen solche Geschichten gern. Fußnoten brauchen sie nicht. Die Fantasie erledigt den Rest. Auch dann, wenn die strahlende Begleiterin selbstverständlich ihr eigenes Leben führt – als Ehefrau, Mutter und Mensch auch außerhalb von Kleinprovincia.

Bilder erzählen ihre eigenen Geschichten – oft schneller als jedes Wahlprogramm. Politik inszeniert Nähe gern auf diese Weise. Eine klassische Wahlkampfchoreografie. Das Publikum ergänzt den Rest der Geschichte meist ganz von selbst.

Andere Kandidaten setzen auf eine andere Form der Sichtbarkeit. Spendenübergaben gehören dazu: ein symbolischer Scheck hier, ein Foto dort, eine Übergabe an Vereine oder Initiativen. Die Bilder wandern zuverlässig durch soziale Netzwerke und gelegentlich auch durch die lokale Berichterstattung. Für Außenstehende wirkt das manchmal wie eine kleine Serie: Spende. Foto. Post. Nächster Termin. Engagement in Kleinprovincia ist schließlich auch eine Frage der Dokumentation geworden. Ohne Foto gilt Engagement inzwischen fast schon als Gerücht. Und Gerüchte verbreiten sich im Wahlkampf bekanntlich schlechter als Bilder. Ob all diese Bilder tatsächlich Stimmen bringen, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Sie bringen Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist im Wahlkampf fast so wichtig wie Zustimmung.

Währenddessen läuft im Hintergrund eine andere Geschichte. Die Haushaltslage der Stadt ist angespannt. Der Finanzreferent sprach bereits vom „Ernstfall“. In der Sprache kommunaler Haushaltsreden bedeutet das meist: Die Zahlen sind schlecht – und die Diskussion darüber wird noch schlechter. Besonders kurz vor Wahlen. Dort haben schlechte Nachrichten traditionell Hausverbot. Doch Prioritäten sind im Wahlkampf selten beliebt. Unpopuläre Entscheidungen besitzen in Kleinprovincia eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie haben eine natürliche Schonfrist. Meist bis nach dem Wahltag. Der Wahlkalender sitzt dabei oft wie ein unsichtbarer Dritter mit am Tisch.

Vor einigen Jahren war Transparenz noch ein großes Wahlkampfthema in Kleinprovincia. Frühzeitige Information, offene Entscheidungen, ehrlicher Dialog – so lauteten die Versprechen. In der Praxis werden wichtige Fragen jedoch häufig zunächst in Arbeitsgruppen oder nicht öffentlichen Runden vorbereitet. Vielleicht spielt Transparenz im Wahlkampf inzwischen einfach keine so große Rolle mehr. Hinter verschlossenen Türen lässt es sich schließlich ungestört diskutieren – gemütlich, konzentriert und ohne öffentliche oder mediale Begleitung.

Kleinprovincia hat sich übrigens auch Regeln für Wahlplakate gegeben. Maximal 500 Standorte pro Partei. Beschlossen vom Stadtrat selbst. Gezählt wird allerdings nicht, kontrolliert wird stichprobenartig. Verstöße werden festgestellt, Folgen entstehen selten. In Kleinprovincia nennt man das Ordnung mit großzügigem Vertrauensvorschuss.

Nach Schließung der Wahllokale verändert sich in Kleinprovincia mehr als nur die Sitzverteilung. Für manche beginnt dann eine neue politische Biografie, für andere endet eine – gelegentlich sehr überraschend. Einige hoffen darauf, überhaupt erst in den Stadtrat zu kommen. Andere arbeiten verbissen darauf hin. Und diejenigen, die bereits dort sitzen und erneut antreten, möchten selbstverständlich wieder zu den Auserwählten gehören.

Ein Mandat hat in Kleinprovincia seinen eigenen Zauber. Man spricht mit dem Oberbürgermeister, mit Referenten, mit der Verwaltung. Man sitzt mit am Tisch. Man wird gefragt. Man wird begrüßt. Man ist jemand. Zumindest für die Dauer der Legislaturperiode. Auch die Aufwandsentschädigung erinnert daran, dass Kommunalpolitik nicht nur Idealismus ist. Für manche wird das Mandat im Laufe der Zeit mehr als eine Aufgabe. Es wird zur Rolle. Einige definieren sich darüber. Andere tragen den Stolz darüber jeden Tag wie einen Pokal vor sich her.

Mit dem Mandat verschwinden auch Selbstverständlichkeiten – selbst dann, wenn man jahrzehntelang im Stadtrat saß. Früher quoll der Briefkasten über: Geburtstagskarten, Weihnachtsgrüße, Einladungen zu Empfängen, Veranstaltungen, Gesprächen. Neujahrsempfang, Sommerempfang, Jubiläen – irgendetwas war immer. Nach der Wahl wird es plötzlich ganz ruhig.

Der Tisch, an dem man so oft saß, existiert weiterhin. Die Gespräche finden weiterhin statt. Die gleichen Menschen treffen sich. Die gleichen Themen werden besprochen. Nur eines hat sich verändert: Man selbst ist nicht mehr eingeladen. Außer vielleicht, man wird irgendwann einmal Ehrenbürger. Das wiederum wird ein Teil der Verhandlungsmasse nach der Wahl.

Wer genügend Selbstreflexion besaß, wusste das. Wer sie nicht besaß, wird nach der Wahl böse erwischt. Die Aufmerksamkeit galt gar nicht der Person. Sie galt dem Mandat. Dem Stadtratssitz. Den Ausschüssen. Den Aufsichtsräten. Solange diese Rolle existiert, existiert auch die Einladung. Verschwindet sie, verschwindet oft auch der Platz am Tisch.

Am Wahltag entscheidet auch in Kleinprovincia nicht das beste Foto, nicht das schönste Video und nicht der meistgeklickte Post. Es entscheidet der Stimmzettel. Der Stimmzettel ist schließlich das einzige Bild das wirklich zählt.

Und noch etwas gehört dazu: Wer nicht wählen geht, sollte später nicht kritisieren und schimpfen. Wer am Wahltag zu Hause bleibt, hat auf Mitgestaltung verzichtet. Und auf späteres Schimpfen eigentlich auch.

Deshalb gilt für Kleinprovincia etwas ganz Einfaches: Bürgerinnen und Bürger – geht zur Urne und stärkt die Demokratie sowie die demokratischen Bewerberinnen und Bewerber für ein Stadtratsmandat.

Nach dem Wahlsonntag beginnt in Kleinprovincia wieder das politische Fotoalbum. Neue Bilder. Alte Versprechen. Gleiche Filter. Nur die Gesichter am Tisch können sich geändert haben. Das politische Fotoalbum kennt schließlich kein Archiv.

Fortsetzung folgt …

O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.

Hinweis: Alle dargestellten Personen, Parteien und Ereignisse sind erfunden oder satirisch verfremdet. Sollte sich dennoch jemand wiedererkennen, ist das entweder Zufall – oder gesellschaftliche Trefferquote. Satire ist eine Form der Darstellung, die überzeichnet, zuspitzt und vereinfacht, um Zusammenhänge sichtbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Figuren, Dialoge und Situationen sind dabei bewusst verdichtet und stellen keine wörtliche Wiedergabe realer Gespräche oder tatsächlicher Abläufe dar.

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