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In Kleinprovinzia ist der Oberbürgermeister unterwegs. Immer. Morgens beim Verein, mittags auf der Baustelle, nachmittags zu Besuch in einem der vielen Unternehmen, abends beim Empfang. Zwischendurch Ausschüsse und Stadtratssitzungen. Zum Moderieren. Dazu Bürger, Jubilare, Feuerwehren, Schulen, Spaten, Scheren, Urkunden und Hände. Viele Hände.
Irgendwann ist auch für den ersten Bürger Kleinprovinzias Feierabend. Und dann hat er ihn wieder, jenen Traum, den der Oberbürgermeister fast jede Nacht hat. Eine Stimme ruft aus der Ferne: Lauf, OB, lauf. Und er läuft. Nur Kleinprovinzia kommt nicht im selben Tempo voran.
Die Pressestelle läuft hinterher
Das Haushaltsloch ist da. Die Wirtschaft verliert Arbeitsplätze. Im kommunalen Krankenhaus laufen die Defizite. Beim Theater wird gerechnet und weitergerechnet. Die Jugendherberge sollte verschwinden, bis noch einmal jemand genauer hinsah – nun wird wieder geprüft. Anderswo wird gestrichen. Oder teurer.
Der Rathauschef bleibt trotzdem in Bewegung. Besonders hart trifft das die Pressestelle. Sie dürfte längst über der Belastungsgrenze sein. Denn was der Chef der Verwaltung erlebt, muss auf allen Kanälen im Netz verkauft werden: Facebook, Instagram, Internet, Pressemitteilung. Foto. Noch ein Foto. Der Oberbürgermeister besucht, eröffnet, gratuliert, dankt und freut sich.
Sollte Kleinprovinzias erster Bürger eines Tages nur Semmeln holen, könnte die Meldung lauten: „Oberbürgermeister stärkt örtliches Bäckerhandwerk.“ Viel Aktivität ist eben noch kein Ergebnis. Ein Haushaltsloch wird auf Facebook nicht kleiner. Und ein Arbeitsplatz entsteht auch nicht auf Instagram. Lauf, OB, lauf.
Planlos? Ganz im Gegenteil
Wer nun glaubt, der Oberbürgermeister wisse nicht, wohin er läuft, könnte ihn gewaltig unterschätzen. Bei Mehrheiten, Posten und der politischen Ordnung seines Rathauses kennt der Ober seine Strecke erstaunlich genau.
Nach der Wahl wurde verhandelt, ausgeschlossen, wieder gesprochen, demokratisch entschieden und politisch nachbearbeitet. Am Ende saßen ziemlich genau jene Personen auf ziemlich genau jenen Stühlen, mit denen der Rathauschef offenbar gut leben kann. Zufall? Natürlich. In Kleinprovinzia ist fast alles Zufall. Nur erstaunlich gut organisierter.
Kurz vor der Sommerpause verlangte seine eigene Traditionsfraktion wegen der wirtschaftlichen Lage eine große Sondersitzung. Schnell. Grundsätzlich. Mit Wirtschaft, Wissenschaft, Arbeitnehmern und möglichst viel Zukunft. Die Fraktion lief los. Der Oberbürgermeister auch. Nur auf einer anderen Strecke. Am Ende gab es keine Sondersitzung, sondern einen Tagesordnungspunkt. Aus dem Zukunftsdialog wurde eine Aussprache, aus Maßnahmen wurden weitere Aufträge. Die Traditionsfraktion konnte damit leben. Kleinprovinzia hatte den gemeinsamen Zieleinlauf nach Änderung der Strecke erfunden. Nur einer war schon da: der Oberbürgermeister.
Auch drei Ergebnisse kommender Stadtratssitzungen stehen praktisch schon fest: Nach jeweils nur einer Amtsperiode soll Kleinprovinzia zwei neue Altbürgermeisterinnen bekommen. Dazu einen neuen Ehrenbürger aus den Reihen eines Koalitionspartners. Die nötigen Mehrheiten hat der Rathauschef organisiert. Da braucht es weder Taskforce noch Zukunftsdialog noch Prüfauftrag. Ein Ziel, eine Mehrheit, eine Urkunde.
Vielleicht sollte Kleinprovinzia auch den Haushalt ehren. Möglicherweise würde er dann genehmigungsfähig.
Die Rechnung kommt danach
Während im Rathaus Ehrungen vorbereitet werden, ist die nächste Sparrunde längst in der Pipeline. Weitere Streichungen stehen an. Leistungen und Standards kommen auf den Prüfstand, ebenso Gebühren und Steuern. Selbst der Hund soll stärker zur Sanierung Kleinprovinzias beitragen. Er hat weder die Automobilkrise verursacht noch Millionenprojekte beschlossen. Aber vier Beine. Damit läuft er doppelt so gut wie der Oberbürgermeister. Das dürfte für eine höhere Hundesteuer reichen.
Auch im kommunalen Krankenhaus werden die Bürger das Sparen spüren: Leistungen sollen eingeschränkt werden. Kurz vor der Sommerpause lag dort bereits ein Millionendefizit auf dem Tisch. Medizinische Leistungen blieben hinter den Planungen, Investitionen und Instandhaltungen wurden verschoben. Der Stadtrat fand eine schnelle Form der politischen Aufarbeitung: Er schwieg. Keine Wortmeldung. Keine Aussprache. Beschluss. Manchmal läuft selbst dem Oberbürgermeister der Stadtrat voraus.
Nun ist Sommerpause. Das Haushaltsloch macht keine. Das Krankenhaus auch nicht. Die Wirtschaft liegt nicht am Baggersee. Arbeitsplätze warten nicht auf den Sitzungskalender. Der Rathauschef auch nicht. Er läuft durch August, September und hinein in den Oktober. Der Terminkalender wird voll sein. Die Pressestelle auch. Gespräche, Besuche, Empfänge, Eröffnungen. Dazu Austausch, Dialog, Gemeinsamkeit und Zusammenhalt. Schöne Wörter. Die Kämmerei nimmt sie trotzdem nicht als Zahlungsmittel. Nachts kommt die Stimme wieder: Lauf, OB, lauf.
Dann kommt der Herbst
Mit der ersten Stadtratssitzung nach der Sommerpause beginnt der zweite politische Teil des Jahres. Dann wird aus Sparlisten Alltag. Die Kleinprovinzianer werden merken, was verschwindet, was teurer wird und was nur noch eingeschränkt angeboten wird. Im Geldbeutel. Im Krankenhaus. Im Alltag. So wird Kleinprovinzia Stück für Stück weniger lebens- und liebenswert.
Im eigenen Rathaus kennt der Oberbürgermeister den Weg. Nun beginnt die Strecke, auf der keine Urkunden verteilt werden. Sondern Rechnungen. Der Oberbürgermeister läuft. Und läuft. Und läuft.
Und in der Nacht vor der ersten Stadtratssitzung nach der Sommerpause hat der erste Bürger Kleinprovinzias vielleicht wieder jenen Traum, den er fast jede Nacht hat. Eine Stimme ruft aus der Ferne: Lauf, OB, lauf.
Vielleicht wacht diesmal auch Kleinprovinzia auf. Und fragt nicht, wie viele Termine der Rathauschef absolviert, wie viele Hände er geschüttelt oder wie oft die Pressestelle darüber berichtet hat. Sondern nur: Wohin eigentlich?
Realität? Nein. Doch nicht hier. Das ist Kleinprovinzia.
Fortsetzung folgt …
O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.
Hinweis: Diese Satire spielt in der fiktiven Stadt Kleinprovinzia. Alle dargestellten Personen, Parteien und Ereignisse sind erfunden oder satirisch verfremdet. Sollte sich dennoch jemand wiedererkennen, ist das entweder Zufall – oder gesellschaftliche Trefferquote. Satire überzeichnet, verdichtet und vereinfacht, um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Figuren, Dialoge und Situationen stellen keine wörtliche Wiedergabe tatsächlicher Abläufe dar.