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Klinikum: Die Politik muss handeln – jetzt

Von Thomas Thöne

Ingolstadt war einmal eine wohlhabende Stadt. Jetzt steckt sie in der größten Finanzkrise ihrer Geschichte. In der Zeit des Wohlstands hätte mehr in die Strukturen der Notfall- und Gesundheitsversorgung des örtlichen Klinikums investiert werden müssen – hätte.

Die jüngste Stadtratssitzung zur Notfallversorgung am Klinikum war überfällig. Nicht erst seit gestern. Seit Jahren. Sie war richtig. Sie war notwendig. Das Ergebnis war: dünn. Zu dünn.

Denn stellen wir die Frage, die im Sitzungssaal niemand gestellt hat: Warum meldet sich das Klinikum überhaupt immer wieder bei der Leitstelle ab?

Das hätte man fragen können. Das hätte man fragen müssen. Wurde aber nicht gefragt. Keine Nachfrage, welche Bereiche im Klinikum konkret überlastet sind. Keine Nachfrage, wo Strukturen klemmen. Keine Nachfrage, wo Strukturen verändert werden müssen. Keine Nachfrage, ob mehr Personal – ja, teuer, ja, defiziterhöhend – die Abmeldungen reduzieren könnte. Kurz: Keine strukturelle Analyse.

Und vor allem – und das ist der blinde Fleck, der im Raum stand wie ein grauer Elefant:
Es wurde nicht nachgefragt, welche Maßnahmen in den letzten Jahren im Klinikum bereits beschlossen, versucht, umgesetzt, verworfen oder im Aufsichtsrat abgeblockt wurden. Keine Wirkungskontrolle. Keine Erfolgsbilanz. Keine Rückschau, aus der man lernen könnte. Die Vergangenheit blieb eine Blackbox. Sie hätte in genau dieser Sitzung geöffnet werden können. Wurde sie aber nicht.

Und vielleicht ist das nicht überraschend. Denn das Klinikum ist seit Jahren nicht gerade für Transparenz bekannt. Weder nach außen. Noch intern. Das hört man aus dem Haus immer wieder. Aus Beschäftigtenkreisen ist zu hören, dass Entscheidungen im Klinikum häufig von oben getroffen werden – und nicht dort, wo das fachliche Wissen sitzt. Das Wissen wäre verfügbar. Es wäre nutzbar.
Beteiligung wäre möglich. Kritik hätte in dieser Organisation einen Wert. Nicht als Störung, sondern als Ressource. Kritik ist kein Problem. Kritik ist Information. Und ohne Information produziert man nicht Lösungen – sondern Kreisläufe.

Während öffentlich über die Notaufnahme gesprochen wird, liegt das Problem dahinter. Das Nadelöhr ist nicht der Eingang. Das Nadelöhr ist der Abfluss. Wer nicht auf eine Station weiterverlegt werden kann, bleibt in der Notaufnahme liegen. Wer liegen bleibt, blockiert.
Wenn blockiert ist, wird abgemeldet. Und dann fährt der Rettungswagen nicht ins Klinikum. Nicht, weil niemand helfen will. Sondern weil das System nicht fließt. Das ist kein Notfall. Das ist der Regelzustand unter Mangelverwaltung.

Dann die Finanzkrise der Stadt. Auch sie war im Sitzungssaal des Stadtrates. Aber nur als Kulisse. Dabei gilt genau das, was Hans Stachel (FREIE WÄHLER) und Anton Böhm (SPD), Hausarzt und Aufsichtsrat, seit Monaten sagen: Der Stadtrat muss Prioritäten setzen. Bei den Ausgaben. Und zwar sofort. Nicht alles, was schön wäre, ist notwendig. Und nicht alles, was notwendig ist, ist bequem.

Die Platzgestaltung vor einem neuen Museum für rund 600.000 Euro ist wünschenswert. Die Vermeidung von Abmeldungen des Klinikums ist notwendig. Die Reduzierung von Wartezeiten in der Notaufnahme ist überfällig.

Das ist keine Haushaltsfrage. Das ist eine Werteentscheidung. Die Gesundheitsversorgung einer Stadt zeigt, wie ernst Politik es mit den Menschen meint. Nicht in Wahlprogrammen. Nicht in Erklärungen. Sondern dort, wo der Rettungswagen abbiegt, nicht zum Klinikum, sondern in ein anderes Krankenhaus. Wer Versorgung sichern will, handelt. Jetzt. Nicht später. Wer weiter nur verwaltet, entscheidet nicht über Zahlen. Er entscheidet über die medizinische Versorgung von Menschen vor Ort.

Es bleibt zu hoffen, dass sich der Stadtrat künftig regelmäßig und sichtbar mit dem Klinikum beschäftigt. Nicht reden. Nicht vertagen. Handeln. Und beschließen.

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