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Klinikum: Hiobsbotschaften – und der Stadtrat schweigt

Das Klinikum Ingolstadt ist an vielen Tagen bis auf das letzte verfügbare Bett belegt. Die Zahl der Behandlungen steigt. Trotzdem gerät das kommunale Großkrankenhaus finanziell immer tiefer in die Krise. Für 2027 ist bereits ein Verlust von rund 24,1 Millionen Euro eingeplant. Nun drohen zusätzlich rund zwölf Millionen Euro Mindereinnahmen.

Jochen Bocklet, Geschäftsführer des Klinikums, machte in der jüngsten Stadtratsitzung keinen Versuch, die Lage schönzureden. „Im Prinzip ist es auch mittlerweile für uns im Krankenhaus wirklich äußerst frustrierend“, sagt er. Es sei „überhaupt nicht erkennbar“, dass die seit Jahren bestehende Unterfinanzierung der Krankenhäuser ernsthaft angegangen werde.

Vom Jahr 2027 an erwartet das Klinikum aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen rund zwölf Millionen Euro weniger Einnahmen. Mehr als sieben Millionen Euro führt Bocklet auf das Beitragsstabilisierungsgesetz zurück. Weitere 4,5 Millionen Euro fehlen, weil ein zeitlich begrenzter Rechnungsaufschlag Ende September 2026 ausläuft. „Das heißt, wir am Klinikum Ingolstadt sehen uns nächstes Jahr damit konfrontiert, dass wir aufgrund dieser gesetzlichen Maßnahmen zwölf Millionen Euro Mindereinnahmen haben werden“, sagt Bocklet.

Diese Belastung kommt zu dem für 2027 bereits geplanten hohen negativen Ergebnis von rund 24,1 Millionen Euro hinzu. Mit der Krankenhausfinanzierung vertraute Insider halten deshalb ein Defizit von bis zu 40 Millionen Euro für möglich.

Schon die bisherige Planung zeigt, welche Dimension die Finanzierung des Klinikums für den städtischen Haushalt erreicht hat. Für 2027 sind eine Betriebsumlage von 19,4 Millionen Euro und eine Investitionsumlage von 16 Millionen Euro vorgesehen. Die planmäßige Belastung der Stadt summiert sich damit auf 35,4 Millionen Euro. Diese Summe ist nicht mit dem Jahresverlust des Klinikums gleichzusetzen. Die Betriebsumlage soll den laufenden Fehlbetrag teilweise ausgleichen. Weitere 4,7 Millionen Euro sollen nach der bisherigen Planung aus Rücklagen oder angesammelten Überschüssen von Tochtergesellschaften gedeckt werden. Die Investitionsumlage fließt dagegen in die Generalsanierung und die Teilersatzneubauten.

Für das Gesamtprojekt werden inzwischen 853 Millionen Euro veranschlagt. Fördermittel in Höhe von 651 Millionen Euro werden angestrebt. Den nicht gedeckten Anteil von 202 Millionen Euro muss die Stadt finanzieren. 47 Millionen Euro wurden bereits geleistet, weitere 155 Millionen Euro sollen bis 2045 folgen.

Kaum noch Spielraum

Die Belastung endet nicht mit dem kommenden Jahr. Die gesetzlichen Festlegungen wirken nach Bocklets Darstellung bis 2030. Die Einnahmen der Krankenhäuser orientieren sich an der Entwicklung der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung. Der dafür maßgebliche Veränderungswert werde zusätzlich abgesenkt. Bei einem Jahresumsatz des Klinikums von ungefähr 200 Millionen Euro entspreche jeder Prozentpunkt rund zwei Millionen Euro. Schon während der Jahre mit hoher Inflation seien die Kosten schneller gestiegen als die Einnahmen. Nun werde diese Lücke noch einmal deutlich größer.

Die Klinikleitung beabsichtigt dem Aufsichtsrat ein Maßnahmenpaket vorzulegen. Es soll zeigen, wo noch gespart werden kann. Bocklet setzt die Erwartungen daran allerdings niedrig. Personalstärken, Qualifikationen und medizinische Strukturen seien in weiten Teilen gesetzlich vorgegeben. „Im Moment sehen wir keine große Möglichkeit, die Kosten in der Klinik runterzubekommen“, sagt er. Einsparungen seien zwar noch denkbar. Sie würden aber „bei Weitem nicht reichen“, um die zusätzliche Finanzierungslücke zu schließen.

Nur wenige Krankenhäuser könnten überhaupt noch leicht positive Ergebnisse erzielen, erklärt Bocklet. Dabei handele es sich vor allem um hoch spezialisierte Fachkliniken, die einzelne, gut vergütete Leistungen in großer Zahl anbieten. Das Klinikum Ingolstadt kann sich seine Patienten und Behandlungen dagegen nicht nach ihrer Wirtschaftlichkeit aussuchen. „Wir sind ein ganz klassischer Versorger“, sagt Bocklet. Zwischen 60 und 65 Prozent der stationären Patienten kämen über die Notaufnahme. „Wir haben im Moment keine Möglichkeit, dieses Defizit, das auch in dieser Höhe enorm ist, entsprechend auszugleichen.“

Welche Leistungen kann das Klinikum noch aufrechterhalten?

Sollte sich der Fehlbetrag tatsächlich in Richtung 40 Millionen Euro bewegen, dürfte der finanzielle Druck auf das gesamte Haus weiter wachsen. Kürzungen bei Personal, Abteilungen oder medizinischen Angeboten sind bislang weder beschlossen noch angekündigt. Doch wenn die Klinikleitung kaum noch Einsparmöglichkeiten sieht, geht es auf Dauer nicht mehr nur um Zahlen in einem Wirtschaftsplan. Dann geht es um die Frage, welche medizinischen Leistungen das Klinikum in seiner heutigen Breite noch aufrechterhalten kann.

Mehr Patienten, höhere Kosten

Dabei fehlt es dem Klinikum nicht an Patienten. Andreas Tiete, Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor des Klinikums, beschreibt ein Haus, das an vielen Tagen seine Kapazitätsgrenze erreicht. „An vielen Tagen ist das Haus komplett auf das letzte Bett belegt“, sagt Tiete. Bei den tatsächlich betreibbaren Betten liege die Auslastung dann bei nahezu 100 Prozent. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnet das Klinikum rund 3700 zusätzliche Fälle und Kontakte: etwa 1000 stationäre Patienten und 2700 ambulante Kontakte mehr. Mit der höheren Zahl der Behandlungen versucht das Haus, zumindest einen Teil der stark steigenden Kosten aufzufangen. Aus der finanziellen Schieflage führt das nicht.

In der Notaufnahme blieb die Gesamtzahl der Kontakte annähernd gleich. Hinter dieser Zahl verbirgt sich jedoch eine erhebliche Verschiebung. Seit der Übertragung der Psychiatrie auf den Bezirk Oberbayern werden die psychiatrischen Patienten von der KBO versorgt und nicht mehr dem Klinikum zugerechnet. Die dadurch entstandene Lücke wurde durch zusätzliche unfallchirurgische und andere somatische Patienten praktisch wieder aufgefüllt. Allein in der Unfallchirurgie zählt die Notaufnahme rund 1400 Kontakte mehr.

Erstmals werden damit auch Folgen der Schließung der Klinik Dr. Maul sichtbar. In früheren Sitzungen habe man einen solchen Effekt noch nicht feststellen können, sagt Tiete. „Aber wir sehen ihn jetzt.“ Er falle zwar geringer aus als teilweise vorhergesagt. Gerade in den Sommermonaten mit vielen Freizeitunfällen werde jedoch deutlich, dass die Klinik Dr. Maul einen Teil der ambulanten Notfallversorgung übernommen habe. Diese Patienten kämen nun ins Klinikum.

Eine Erweiterung der Notaufnahme soll Entlastung bringen. Das Konzept wird derzeit auf seine Genehmigungsfähigkeit geprüft. Kann es wie vorgesehen umgesetzt werden, ließe sich die Behandlungskapazität nahezu verdoppeln. Zugleich sollen die Abläufe verbessert und die bislang teilweise unübersichtliche Versorgungssituation entzerrt werden. Offen sind noch Fragen des Brandschutzes und ein erforderliches Schadstoffgutachten.

Das Schweigen der Stadtratsmitglieder

Dann ist der Bericht der Geschäftsführer beendet. Die Hiobsbotschaften aus dem Klinikum lösen keine einzige Nachfrage aus. Kein Mitglied des Stadtrats meldet sich zu Wort. Niemand fragt nach, wie die Stadt die sich weiter verschärfende finanzielle Krise des Klinikums bewältigen will. Auch die Gefahr, dass der wachsende Kostendruck irgendwann Personal, Abteilungen oder medizinische Angebote erreichen könnte, wird nicht angesprochen. Der Sachstandsbericht wird zur Kenntnis genommen. Die Sitzung geht weiter. Dabei hatte die Klinikleitung gerade nicht nur eine Hiobsbotschaft überbracht.

Offen bleibt deshalb nicht nur, ob der Stadtrat angesichts dieser Dimension ratlos ist, ihm ein Konzept fehlt oder er sich mit der Lage bereits abgefunden hat. Unbeantwortet bleibt vor allem die entscheidende Frage: Wie soll die Stadt das alles in der aktuellen Finanzkrise bezahlen, wenn keineswegs sicher ist, dass die Rechtsaufsicht bei der Regierung von Oberbayern weitere Kredite genehmigt?

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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