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Klinikum Notaufnahme: Beherrschbar – und dann?

Es ist einer dieser Tagesordnungspunkte, die harmlos klingen und doch das ganze kommunale Nervensystem berühren: „Sachstand Notaufnahme“. Und es sind genau jene Punkte, an denen sich zeigt, wie belastbar politische Gewissheiten wirklich sind. Im Stadtrat von Ingolstadt ging in der zurückliegenden Woche um nichts weniger als die Frage, ob das städtische Gesundheitssystem noch trägt, wenn an anderer Stelle Angebote wegfallen.

Ausgangspunkt der Debatte war eine schriftliche Anfrage der AfD-Stadtratsfraktion. Sie wollte wissen, welche Auswirkungen die nächtliche Schließung der Notfallversorgung der Klinik Dr. Maul sowie perspektivisch Einschränkungen in Kösching auf die Notaufnahme des Klinikums Ingolstadt haben: mehr Patienten, längere Wartezeiten, zusätzliche Belastungen für Rettungsdienste?

Sachlich bleiben, Erwartungen dämpfen

Als Andreas Tiete, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Klinikums, das Wort ergriff, war er im Ton ruhig, kontrolliert, nüchtern. Die Anfrage der AfD, sagte er, nehme er „wirklich gerne“ auf – soweit man die Fragen aus Sicht des Klinikums beantworten könne. Schon dieser Zusatz markierte die Grenze zwischen politischer Erwartung und medizinischer Perspektive.

„Beherrschbar“ war eines der Worte, das Tiete an diesem Abend mehrfach verwendete.

Mehr Patienten – aber kein Ansturm

Zur Schließung der Notfallversorgung der Klinik Dr. Maul machte Tiete zunächst klar, dass belastbare Aussagen noch kaum möglich seien. „Das wissen wir noch nicht genau“, sagte er. Die Maßnahme laufe erst seit dem 1. November, die Patientenbewegungen seien noch nicht eingependelt.

Was sich bis dahin abzeichnete, blieb überschaubar: Im direkten Vergleich habe man 170 unfallchirurgische ambulante Patienten mehr gesehen. Das entspreche „fünf bis sechs Patienten pro Tag“. Verglichen mit dem Oktober seien es sogar nur 36 zusätzliche Fälle gewesen. Sein Fazit fiel deutlich aus: „Das ist aus unserer Sicht beherrschbar. Das kriegen wir auch wirklich hin.“

Verschiebungen im System

Fast beiläufig wies Tiete auf eine Verschiebung innerhalb der Versorgung hin: „Wir sehen im Klinikum eher die kleinen unfallchirurgischen Fälle, die wenig attraktiv sind.“ Die „attraktiveren Fälle“ verblieben andernorts. Eine Bewertung, wo und warum, nahm er nicht vor – der Satz stand für sich.

Gleichzeitig verwies er auf einen entlastenden Effekt: „Wir erfahren eine zunehmende Entlastung durch die Praxis von Dr. Böhm bei uns im Klinikum.“ Ein Teil der internistischen Patienten werde dort ambulant versorgt, was sich spürbar in der Notaufnahme niederschlage. Wie sich der Nettoeffekt der Schließung tatsächlich entwickle, lasse sich seriös erst im ersten Quartal des kommenden Jahres beurteilen.

Kösching und der Rettungsdienst

Noch unsicherer war der Blick nach Kösching. Ab Januar soll dort die Notaufnahme nachts schließen. „Was dort passiert, das wissen wir nicht“, sagte Tiete offen. Man rechne in der Nacht mit „vielleicht fünf bis sechs stationären Aufnahmen mehr“. Auch das sei eine Größenordnung, „die sich möglicherweise wirklich beherrschen lässt“.

Zu Auswirkungen auf den Rettungsdienst gebe es keine eigenen Erkenntnisse des Klinikums. Die entsprechenden Einschätzungen stammten vom Geschäftsführer des Zweckverbandes für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung der Region 10. Nach dessen Berechnungen sei mit einer durchschnittlichen Fahrzeitverlängerung von rund sieben Minuten zu rechnen. Das zugrunde liegende Gutachten sei bislang nicht veröffentlicht.

Tiete zählte dann auf, welche Maßnahmen bereits ergriffen worden seien. „Wir haben die Chest Pain Unit auf die ehemalige IMC verlegt und haben dort Platz geschaffen.“ Zusätzlich sollten Ärzte in der Unfallchirurgie eingestellt werden, ebenso sogenannte Physician Assistants, um Patienten „strukturierter abarbeiten“ zu können – insbesondere jene, „die eigentlich sehr, sehr wenig, wenn überhaupt ärztliche Hilfe benötigen“.

Lange Wartezeiten bleiben

Erst gegen Ende der Debatte kam aus dem Stadtrat eine konkrete Nachfrage zu den Wartezeiten. Hatten sie sich verändert?

Tiete verneinte. Man liege weiterhin „im bundesweiten Durchschnitt“, daran werde sich auch nichts ändern. Zur Begründung sagte er: „Wir versorgen eine hohe Zahl von Patienten, die wir eigentlich nicht versorgen müssten, weil es keine andere Anlaufstelle für diese Patienten gibt in Ingolstadt.“

Welche Patienten er damit meinte, führte Tiete nicht aus. Eine Nachfrage aus dem Stadtrat blieb aus. Die Aussage stand im Raum – pauschal, nicht erläutert und damit nicht überprüfbar. Entsprechend blieb offen, welche politischen Konsequenzen sich daraus überhaupt ableiten ließen.

Ein irritierter Moment

Als die Wortmeldungen waren, ergriff Oberbürgermeister Michael Kern (CSU) das Wort – „der Ordnung halber“, wie er sagte. Kern sagte, man verfolge gespannt, wie das Klinikum mit den „Erschwernissen“ durch die Schließungen umgehe, und bat Tiete, die Essenz seiner Einschätzung noch einmal klar fürs Protokoll zusammenzufassen.

Die Antwort kam prompt: „Welche Erschwernisse?“ Die Frage wirkte weniger wie ein rhetorischer Konter als wie ehrliches Erstaunen. Tiete wiederholte, was er aus seiner Sicht bereits ausgeführt hatte: Die Patientenzunahme sei überschaubar, es gebe Ausgleichseffekte, die Situation sei „derzeit gut beherrschbar“.

Die nicht gestellten Kernfragen

Auffällig blieb am Ende dieses Tagesordnungspunktes, welche Kernfragen im Stadtrat nicht gestellt wurden: wie oft das Klinikum selbst zeitweise aus der Notfallversorgung herausgenommen wird – etwa durch Abmeldungen bei der Integrierte Leitstelle.

Nach Angaben der Leitstelle war das Klinikum Ingolstadt allein im Juli 42-mal abgemeldet – nicht als Ausreißer, sondern als wiederkehrender Zustand. Die von Tiete genannte Fahrzeitverlängerung von rund sieben Minuten bezog sich auf geschlossene Notaufnahmen in Kösching, nicht jedoch auf Fälle, in denen das Klinikum Ingolstadt selbst abgemeldet war und Rettungsdienste weiter entfernte Kliniken anfahren mussten.

Ungefragt blieb zudem, welche Maßnahmen das Klinikum bereits ergriffen hatte, um die Zahl dieser Abmeldungen zu reduzieren – und mit welchem Erfolg. Ebenso wenig wurde thematisiert, ob weitere Maßnahmen geplant sind, ab wann sie greifen sollen und ob das Ziel verfolgt wird, Abmeldungen künftig zumindest zu minimieren oder ganz zu vermeiden.

Welche Folgen die bisherigen Abmeldungen für Patienten, Wartezeiten und die regionale Versorgung hatten, blieb damit ebenso offen wie die Frage nach einer strategischen Perspektive. Die Belastbarkeit einer Notaufnahme, die regelmäßig aus dem System genommen wird, wurde an diesem Abend nicht besprochen.

Zur Kenntnis genommen

Zum Abschluss bedankte sich OB Kern bei der Klinikleitung, richtete ausdrücklich den Dank an die Beschäftigten des Klinikums, die „24/7 einen hervorragenden Job machen“, und stellte fest, dass die Ausführungen damit zur Kenntnis genommen seien.

Zurück bleibt das Bild eines Systems im Dauerbetrieb – stabil genug, um weiterzulaufen, aber ohne politische Antwort auf seine Sollbruchstellen. Oder, wie Andreas Tiete es formulierte: beherrschbar. Mit Fassung. Für Patienten und Klinikmitarbeiter.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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