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Mit ihrem Wahlprogramm zur Kommunalwahl 2026 legt die ÖDP Ingolstadt ein außergewöhnlich umfangreiches und detailliertes Programm vor. Auf vielen Seiten formuliert die Partei einen umfassenden politischen Gestaltungsanspruch, der nahezu alle kommunalen Politikfelder abdeckt. Die thematische Breite ist groß, der Anspruch hoch – zugleich wirft der Umfang zentrale Fragen nach Priorisierung, Finanzierung und praktischer Umsetzbarkeit auf.
Ausgangslage: Finanzielle Realität klar benannt
Bereits im Vorwort stellt die ÖDP die angespannte Haushaltslage der Stadt offen dar. Der Rückgang der Gewerbesteuereinnahmen, steigende Kosten und eingeschränkte finanzielle Spielräume werden als strukturelle Herausforderung beschrieben. Die Partei macht deutlich, dass Investitionen künftig überprüft, gestreckt oder gestrichen werden müssen und auch die Einnahmenseite in den Blick zu nehmen ist. Damit verzichtet die ÖDP auf eine Beschönigung der Lage und erkennt an, dass kommunale Politik in den kommenden Jahren unter deutlich verschärften Rahmenbedingungen stattfinden wird.
Klima- und Umweltschutz: Leitmotiv mit ambitioniertem Anspruch
Zentrales Leitmotiv des Programms ist der Klima- und Umweltschutz. Die ÖDP hält an den städtischen Klimazielen für 2030 und 2035 fest und fordert eine klimaneutrale Energieversorgung spätestens bis 2035. Der Schutz des Glacis, des zweiten Grünrings, der Auwälder und alter Baumbestände wird ebenso betont wie die Reduzierung des Flächenverbrauchs. Stadtwerke sollen zu aktiven Treibern der Energiewende werden, fossile Investitionen konsequent beendet werden.
Der programmatische Anspruch ist ambitioniert und in vielen Punkten detailliert ausgearbeitet. Offen bleibt jedoch, welche Maßnahmen unter den aktuellen finanziellen Rahmenbedingungen Priorität haben sollen und wie Zielkonflikte – etwa zwischen Klimaschutz, Wohnraumbedarf und Haushaltskonsolidierung – konkret aufgelöst werden sollen.
Verkehr und Mobilität: Ausführlich, aber ohne klare Reihenfolge
Besonders umfangreich fällt das Programm im Bereich Verkehr und Mobilität aus. Die ÖDP fordert eine deutliche Stärkung von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr, eine verkehrsberuhigte Innenstadt, ein 200-Euro-Jahresticket, autonome Busangebote sowie langfristig eine Stadt- und Regionalbahn auf bestehenden Gleisen. Der motorisierte Individualverkehr soll zurückgedrängt, öffentlicher Raum neu verteilt werden.
Gerade hier zeigt sich die Stärke des Programms in seiner Detailtiefe – zugleich aber auch eine Schwäche: Aus der Vielzahl der vorgeschlagenen Maßnahmen wird nicht klar, welche Projekte kurz-, mittel- oder langfristig priorisiert werden sollen und welche unter Haushaltsdruck gegebenenfalls zurückgestellt würden.
Stadtentwicklung und Innenstadt: Lebensqualität vor Wachstum
In der Stadtplanung setzt die ÖDP auf qualitative statt quantitative Entwicklung. Neue Gewerbegebiete lehnt sie weitgehend ab, stattdessen sollen Bestandsflächen besser genutzt und Stadtteile durch ein sogenanntes Piazzakonzept gestärkt werden. Die Innenstadt soll verkehrsberuhigt, die Schlosslände autofrei und kulturell belebt werden. Denkmalschutz und Stadtidentität spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch hier formuliert das Programm klare Zielbilder, bleibt jedoch bei der Frage der finanziellen, organisatorischen und zeitlichen Umsetzung vielfach abstrakt.
Soziales, Bildung und Jugend: Breiter Anspruch ohne Rangfolge
In den Bereichen Familie, Bildung, Jugend und Soziales fordert die ÖDP bessere Betreuungsschlüssel, stärkere Jugendbeteiligung, bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende und Studierende sowie den Erhalt kultureller und sozialer Infrastruktur. Schulen sollen als Lebensräume verstanden werden, nicht als architektonische Prestigeprojekte. Der soziale Anspruch ist umfassend. Eine klare Rangfolge der Maßnahmen oder Aussagen dazu, welche Vorhaben im Konfliktfall Vorrang hätten, enthält das Programm jedoch nicht.
Wirtschaftspolitik: Gemeinwohlorientierung statt Wachstumslogik
Wirtschaftspolitisch setzt die ÖDP auf Diversifizierung, regionale Wertschöpfung und die Förderung nachhaltiger Branchen. Die Abhängigkeit von der Automobilindustrie soll reduziert, mittelständische Betriebe gestärkt werden. Wachstum wird nicht grundsätzlich abgelehnt, aber klar dem Gemeinwohl untergeordnet.
Finanzen und Haushaltskonsolidierung: Bereitschaft signalisiert, Wirkung begrenzt
Wie andere Parteien auch schließt die ÖDP eine Erhöhung der Grundsteuer B ab 2026 nicht aus. Sie signalisiert damit Bereitschaft, die Haushaltskonsolidierung nicht allein über Ausgabenkürzungen zu lösen. Selbst bei einer spürbaren Anpassung würde die Grundsteuer im Verhältnis zur Gesamtgröße des Haushalts jedoch nur einen begrenzten Beitrag leisten, während das strukturelle Defizit deutlich größer ausfällt. Die Maßnahme hätte damit eher begrenzte als strukturell durchgreifende Wirkung. Ebenso bleibt offen, mit welchen konkreten Einsparungen, Priorisierungen oder zeitlichen Streckungen die Vielzahl der vorgeschlagenen Investitionen finanziert werden soll.
Viele Ziele, offene Umsetzung
Das Wahlprogramm der ÖDP ist außergewöhnlich umfangreich und detailreich angelegt; die zentrale Herausforderung liegt jedoch weniger im Mangel an Ideen als in der Auswahl, Priorisierung, Finanzierung und Umsetzung der zahlreichen vorgeschlagenen Maßnahmen.
Das Programm formuliert zahlreiche Wünsche und Zielvorstellungen, bleibt jedoch konkrete Vorschläge oder realistische Ansätze schuldig, wie diese unter den aktuellen finanziellen Rahmenbedingungen der Stadt tatsächlich priorisiert, finanziert und umgesetzt werden sollen.
Wie bei anderen Parteien auch zeigt sich damit eine klare politische Haltung, jedoch nur begrenzt nachvollziehbar, welche Entscheidungen die ÖDP im Stadtrat im Konfliktfall wirklich priorisieren würde – und welche Vorhaben zurückgestellt würden. Das Wahlprogramm ist unter https://www.oedp-ingolstadt.de/programm/kommunalwahlprogramm-2026/programm-herunterladen online.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
