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Mit ihrem Kommunalwahlprogramm zur Stadtratswahl 2026 rückt DIE LINKE soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten und Verdrängungseffekte ins Zentrum ihrer Analyse der Stadtentwicklung. Steigende Mieten, prekäre Arbeitsverhältnisse und wachsende soziale Spannungen werden als zentrale Herausforderungen beschrieben. Die angespannte Haushaltslage der Stadt wird nicht systematisch aufgearbeitet, bildet jedoch den finanziellen Hintergrund vieler Forderungen.
Anspruch: Gemeinwohl vor Marktlogik
Zentraler Anspruch des Programms ist ein grundlegender Kurswechsel in der Stadtpolitik. Wohnen, Boden, Kultur und soziale Infrastruktur sollen konsequent dem Gemeinwohl untergeordnet werden. Kommunale Politik versteht DIE LINKE ausdrücklich als Korrektiv zu Marktmechanismen. Eigentum wird nicht als neutraler Wert betrachtet, sondern als sozial gebundene Ressource. Der programmatische Ton ist normativ und klar positioniert; analytische Abwägungen treten dabei in den Hintergrund. Im Vordergrund steht weniger die Frage kurzfristiger Steuerbarkeit als die der sozialen Gerechtigkeit.
Wohnen: Regulierung und Ankauf ohne Kostenrahmen
Den größten Raum nimmt die Wohnungs- und Bodenpolitik ein. DIE LINKE fordert einen kommunalen Mietendeckel, zunächst bei städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Öffentlicher Grund und Boden soll grundsätzlich nicht mehr verkauft werden. Stattdessen sollen Ankauf, Vorkaufsrechte, Neubau und Vergesellschaftung genutzt werden, um den Anteil gemeinwohlorientierten Wohnraums deutlich zu erhöhen. Langfristig sollen mindestens 50 Prozent neu gebauter Wohnungen durch kommunale, landeseigene oder genossenschaftliche Träger entstehen. Diese Maßnahmen sind weitreichend, finanziell jedoch hoch anspruchsvoll. Angaben zu Kosten, Finanzierungswegen oder zeitlichen Etappen enthält das Programm nicht. Wie hoch der Mittelbedarf wäre und in welchem Zeitraum er aufgebracht werden könnte, bleibt offen.
Einnahmen: Steuererhöhungen als zentrales Instrument
Im Unterschied zu anderen Parteien bekennt sich DIE LINKE ausdrücklich zu Steuererhöhungen. Eine deutliche Anhebung der Grundsteuer B wird ebenso gefordert wie die Reaktivierung der Grundsteuer C zur Eindämmung von Bodenspekulation. Zusätzlich sollen Nichtbebauung und spekulativer Leerstand stärker belastet werden. Diese Instrumente werden sozialpolitisch begründet. Ob die vorgesehenen Steuererhöhungen ausreichen würden, um den Finanzbedarf der umfangreichen Vorhaben zu decken, lässt das Programm offen. Wie sich diese Einnahmen zum bestehenden strukturellen Defizit der Stadt verhalten würden, bleibt unbeantwortet. Auch mögliche soziale Nebenwirkungen höherer Grundsteuern werden nicht thematisiert.
Ausgaben: Ausbau statt Konsolidierung
Auf der Ausgabenseite verfolgt DIE LINKE einen klar expansiven Ansatz. Soziale Infrastruktur, Kultur, Wohnungsbau, Klimaanpassung, Obdachlosenhilfe und Teilhabeangebote sollen ausgebaut und ausdrücklich vor Kürzungen geschützt werden. Sparmaßnahmen oder Konsolidierungsziele werden nicht nur nicht benannt, sondern programmatisch ausgeschlossen. Wie dieser Ausgabenanspruch mit der angespannten Haushaltslage der Stadt in Einklang gebracht werden soll, bleibt offen.
Belastungstest: Hoher Anspruch ohne Priorisierung
Das Programm formuliert eine Vielzahl konkreter Forderungen, verzichtet jedoch auf eine erkennbare Priorisierung. Es bleibt offen, welche Maßnahmen kurzfristig umgesetzt werden sollen und welche langfristige Zielsetzungen darstellen. Auch eine zeitliche Staffelung – was zuerst, was später kommen soll – enthält das Programm nicht. Szenarien für eine weitere Verschlechterung der Haushaltslage oder für den Fall begrenzter finanzieller Spielräume werden nicht behandelt. Aussagen dazu, welche Projekte im Zweifel zurückgestellt würden, fehlen ebenfalls. Damit bleibt unklar, wie DIE LINKE mit Zielkonflikten zwischen Anspruch und Finanzierbarkeit umgehen würde.
Wirtschaft und Arbeit: Sozial-ökologischer Umbau
Wirtschaftspolitisch setzt DIE LINKE auf eine sozial-ökologische Transformation. Die starke Abhängigkeit von der Automobilindustrie wird kritisch benannt. Öffentliche Wirtschaftsförderung soll an Tarifbindung, gute Arbeitsbedingungen und ökologische Standards geknüpft werden. Der Ansatz ist ordnungspolitisch klar, lässt jedoch offen, welche kurzfristigen Effekte auf Beschäftigung, Investitionen und kommunale Einnahmen zu erwarten sind.
Bund und Land: Verantwortung verlagert, Strategie offen
Ein erheblicher Teil der Forderungen richtet sich an Bund und Land, etwa beim Mietrecht, bei der Besteuerung oder bei sozialen Sicherungssystemen. Die kommunale Ebene wird als Teil eines größeren politischen Zusammenhangs verstanden. Damit bleibt ein wesentlicher Teil der Programmatik von politischen Entscheidungen abhängig, die auf kommunaler Ebene nicht beeinflussbar sind. Eine konkrete Strategie für den Fall ausbleibender oder verzögerter Reformen formuliert das Programm nicht.
Deutlicher Anspruch mit offenen Rechnungen
Das Kommunalwahlprogramm der LINKEN zeichnet sich durch eine klare soziale Haltung und weitreichende ordnungspolitische Forderungen aus. Es benennt Probleme deutlich und formuliert einen umfassenden Gestaltungsanspruch. Gleichzeitig bleibt offen, wie die Vielzahl kostenintensiver Maßnahmen unter den gegebenen finanziellen Rahmenbedingungen umgesetzt werden soll.
Konkrete Prioritäten, belastbare Finanzierungsmodelle und Aussagen zu möglichen Zielkonflikten fehlen. Der Entwurf versteht sich weniger als konsolidierungsfähiger Haushaltsansatz, sondern als politisches Gegenmodell zur bisherigen Stadtentwicklung. Ob dieser Anspruch unter kommunalen Rahmenbedingungen realpolitisch durchsetzbar ist, bleibt offen. Das Wahlprogramm ist unter https://www.dielinke-ingolstadt.de/kommunalwahl/ingolstadt/ online.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
