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Die Bühne bröckelt, die Kassen auch. Während das Stadttheater auf Sanierung wartet, rutschen die Steuereinnahmen ab – und das Klinikum droht, den städtischen Haushalt zu verschlingen. Die Stadt Ingolstadt hält an der Kultur fest – nicht trotzig, sondern überzeugt. Mit Bühne, Büchern, Bildung, Beton. Nicht, weil man es sich leisten kann. Sondern aus Überzeugung.
Ingolstadt steht exemplarisch für einen Befund, der bundesweit Gültigkeit hat: Kommunen müssen immer mehr leisten – mit immer weniger Geld. Gekürzt wird und wurde auch in Ingolstadt. Die Stadtverwaltung schlägt dem Stadtrat einen Weg vor, der Sparzwänge anerkennt – aber die Kultur dennoch nicht zur Disposition stellt.
Das Theater als Prüfstein
Das Stadttheater zeigt, wie sich das kulturelle Dilemma konkretisiert. Es ist sanierungsbedürftig. Doch ob die Stadt in den kommenden Jahren tatsächlich saniert – oder das Haus vorerst schließen muss, da Auflagen nicht mehr einzuhalten sind, bis wieder Geld da ist –, das entscheidet der Stadtrat. Klar ist: Die Planung läuft. Der Freistaat Bayern hat signalisiert, 75 Prozent der förderfähigen Kosten zu übernehmen. Ob auch Foyer, Gastronomie oder Festsaal gefördert werden – offen. Ob Bayern zahlt, was es verspricht – ebenso.
Denn auch Bayern spart – und auch Landesmittel sind Steuergelder. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die geplante Kürzung beim Landespflegegeld ab 2026: Pflegebedürftige erhalten dann nicht mehr 1.000 Euro, sondern nur noch 500 Euro im Jahr. Gespart wird längst bei den Schwächsten – und trotzdem hoffen Städte wie Ingolstadt auf die zugesagten Mittel für Theater und Museen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Die Stadt kann sich dabei nicht einfach nach Lust und Laune verschulden, da die Rechtsaufsicht über den städtischen Haushalt der Regierung von Oberbayern obliegt. Diese hat klare Vorgaben gemacht. Bereits der Haushalt für 2025 war eine Mammutaufgabe für Ingolstadts Finanzreferenten. Angesichts dramatisch eingebrochener Gewerbesteuereinnahmen war es schwer genug, überhaupt ein genehmigungsfähiges Zahlenwerk aufzustellen. Die Rechtsaufsicht hat deutlich gemacht, wo gespart werden muss: nicht bei den Pflichtaufgaben, sondern bei den sogenannten „Freiwilligen Leistungen“. Dazu zählt auch der gesamte Kulturbereich – vom Theater bis zur Musikschule.
Noch fehlt eine verbindliche Lösung für die Zeit der Sanierung des Stadttheaters – insbesondere für den Festsaal, der auch von Schulen, Vereinen und anderen Gruppen genutzt wird. Hier wird die Stadt kreative Übergangslösungen brauchen.
Beton statt Rückzieher
Egal wie diese Entscheidung im Juli ausfällt: Ingolstadt zeigt schon heute, dass es Kultur nicht aufgibt. Selbst bei laufender Debatte um das Theater wird investiert, geplant, gefördert. Das neue Museum für Konkrete Kunst und Design wird gebaut. Trotz Kostensteigerungen zu rund 60 Millionen Euro. Trotz Kritik. Trotz Widerstand.
Kultur zählt – auch wenn Kassen leer sind
Und die Stadt hält an vielem anderen fest: an den Jazztagen, den Kabaretttagen, am Bürgerfest, den Kulturtagen, den Kulturpreisen. An der Sing- und Musikschule, den Museen, dem Stadtarchiv, den Büchereien. Auch am Bücherbus. Wer da von „Kulturabbau“ spricht, redet an der Realität vorbei. Wer da sogar von „Kulturfeindlichkeit“ spricht, verkennt bewusst das Engagement, das trotz Finanznot möglich gemacht wird.
Ein Blick in den Haushalt 2025 zeigt, was Kultur kostet – und was sie der Stadt wert ist: Das Stadttheater verursacht einen Zuschussbedarf von über 13,6 Millionen Euro. Das Stadtmuseum kostet die Stadt jährlich 2,4 Millionen Euro. Das Deutsche Medizinhistorische Museum schlägt mit rund 1,6 Millionen Euro zu Buche. Das neue Museum für Konkrete Kunst schlägt in diesem Jahr mit rund 1,9 Millionen Euro zu Buche – bei derzeit geplanten Gesamtkosten für den Neubau von rund 60 Millionen Euro.
Selbst kleinere Einrichtungen wie das Bauerngerätemuseum (444.200 €), das Lechner Museum (223.300 €), das Fleißerhaus (204.200 €) oder der Festsaal außerhalb des Theaters (479.300 € Verlust) sind öffentlich finanziert. Der Bereich Urbankultur verursacht 1,4 Millionen Euro Verlust, Feste und Märkte rund 1,1 Millionen. Die Sing- und Musikschule wird mit über 2,1 Millionen Euro jährlich bezuschusst, das Bibliothekssystem mit fast 2,4 Millionen. Das ist kein Symbolhaushalt – das ist gelebte Kulturpolitik.
Zu prüfen, was finanziell machbar ist, ist keine Kulturfeindlichkeit
Weniger Geld ist nicht gleich Kulturfeindlichkeit – und schon gar kein Kahlschlag. „Wer da sogar von ‚Kulturfeindlichkeit‘ spricht, verkennt bewusst das Engagement, das trotz Finanznot möglich gemacht wird.“
Ingolstadt streicht Kultur nicht – es priorisiert, verteilt, hält fest. Wer trotz Einbrüchen bei der Gewerbesteuer, einem Klinikdefizit in Millionenhöhe und einer drohenden Aufsicht durch die Bezirksregierung weiter Millionen in Museen, Theater, Musikschule und Stadtbücherei steckt, handelt nicht kulturfeindlich – sondern verantwortungsvoll.
Der Begriff „Kulturfeindlichkeit“ klingt hart. Wer ihn benutzt, sollte präzise sagen, was gemeint ist: Dass die Stadt nicht alles finanzieren kann? Dass nicht jeder Wunsch erfüllt wird? Oder dass Kulturpolitik unter Bedingungen stattfindet – und nicht im Vakuum?
Schwache Strukturen – starke Verantwortung
Und doch erreicht diese Haltung nicht alle – vor allem nicht jene, die seit Jahren in der freien Szene für Sichtbarkeit, Räume und Unterstützung kämpfen. Viele Kulturschaffende erleben die Situation als frustrierend. Das ernst zu nehmen, ist Teil jeder ehrlichen Kulturpolitik.
Aber es gibt Brüche. Vor allem im Bereich der Kinder- und Jugendkultur. Einrichtungen wie die Kunst- und Kulturbastei stehen unter Druck. Fördermittel wurden gekürzt, Honorare gestrichen, Kurse fallen aus. Das ist schmerzhaft – gerade dort, wo Teilhabe und kreative Bildung beginnen. Doch auch Kultur kann sich dem Spardruck nicht vollständig entziehen. Bei den Freiwilligen Leistungen muss eben, laut Vorgabe der Aufsichtsbehörde, zuerst gespart werden – und dazu zählt auch der gesamte Kulturbereich. Jedes Streichen tut weh, weil es Liebgewonnenes betrifft – und oft auch Notwendiges.
Wenn Audi Schnupfen hat
Dabei ist das kulturelle Engagement der Stadt kein Zufallsprodukt. Über Jahre hinweg wurde es getragen von einer politisch breiten Kulturlobby im Stadtrat – fraktionsübergreifend. Und begleitet von einer lokalen Presse, die sich seit Langem als kulturaffin – ja, sogar kulturbegeistert – zeigt. Diese Koalition aus Politik und Öffentlichkeit hat Ingolstadt zu einer Stadt gemacht, die mehr auf die Bühne bringt als Automodelle.
Nicht vergessen: Auch das Nein zur Kammerspiel-Neubau-Variante war demokratisch legitimiert. Der Bürgerentscheid war schmerzhaft, aber klar. Die Stadt hat nicht beleidigt reagiert – sondern pragmatisch. Sie hat den Spielbetrieb verlagert, Alternativen geprüft, neue Pläne gemacht. Das nennt man politische Realität – nicht Kulturverweigerung.
Doch nun wackelt dieses Modell. Das Klinikum braucht jährlich Millionenbeträge zur Stabilisierung. Die gesamte Sanierung könnte bis zu einer Milliarde Euro kosten – wobei es Zuschüsse des Freistaats gibt. Dennoch bleibt der Eigenanteil der Stadt Ingolstadt beträchtlich. Und das in finanziell schwierigen Zeiten. Gleichzeitig warnt das ifo-Institut vor düsteren Jahren für die Autoindustrie. Und alle in Ingolstadt wissen: Wenn Audi Schnupfen hat, liegt der städtische Haushalt mit Fieber im Bett. Und aktuell ist es nicht bei Schnupfen geblieben – Audi hustet kräftig. Und das trifft die Gewerbesteuer mitten ins Herz.
Noch ist unklar, ob das Stadttheater saniert werden kann – aus rein finanziellen Gründen. Aber klar ist: Ingolstadt hat sich der Kultur nie verweigert – nicht einmal jetzt. Und vielleicht ist das der eigentliche Befund.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
