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Maul-Klinik: Zahlen, die im SPD-Kaufvorstoß fehlten

Regelmäßig laufen im OP-Saal an der Östlichen Ringstraße in Ingolstadt die Eingriffe – Leistenbrüche, neue Knie, Krampfadern. Nichts Spektakuläres, aber für viele Ingolstädter wichtig.

Nun ist das Haus insolvent. Und im Kommunalwahlkampf reicht selbst so ein Spezialist für planbare Eingriffe, um große Schlagzeilen zu produzieren. Die SPD fordert, die Stadt solle die Klinik kaufen, am besten gleich mit dem Freistaat Bayern als Partner. Viele halten das für unrealistisch. Christoph Späth, GRÜNEN-Fraktionschef und Aufsichtsrat am Klinikum, warnt: Die Versorgung breche nicht zusammen, wenn die Maul-Klinik wegfalle. Hans Stachel von den FREIEN WÄ’HLER verlangt belastbare Zahlen. Und selbst der Anton Böhm, Arzt, Stadtrat und Klinikum Aufsichtsrat, sagt: „Die Katze will ich nicht im Sack kaufen“ – obwohl seine Fraktion genau das fordert.

Auffällig ist dabei: In der SPD-Mitteilung fehlen konkrete Fakten aus den offiziellen Qualitätsberichten der Klinik. Diese Berichte für das Jahr 2023 – die aktuellsten, die im Internet veröffentlicht sind – zeigen deutlich, welche Rolle das Haus tatsächlich spielte.

Ein Haus mit Tradition

Die Maul-Klinik gibt es seit 1928. Heute stehen dort 38 Betten – zeitweise waren 2023 fast zwei Drittel davon gesperrt, weil schlicht das Personal fehlte. Im ganzen Haus arbeiten sieben festangestellte Ärztinnen und Ärzte, unterstützt von 17 Belegärzten. Zusammen kümmern sie sich mit knapp 140 Beschäftigten um die Versorgung.

Im August 2025 folgte der Insolvenzantrag. Der vorläufige Insolvenzverwalter erklärte, der Betrieb laufe weiter und solle saniert werden. Für die Menschen änderte sich im Alltag wenig: Operationen, Sprechstunden und Behandlungen gehen unverändert weiter.

Chirurgie: Routine im Alltag

Fast neun von zehn stationären Behandlungen entfielen 2023 auf die Chirurgie – 1.655 von insgesamt 1.870 Fällen. Die häufigsten Diagnosen: Leistenbrüche (173), Kniearthrose (143), Hämorrhoiden (über 100), Hüftarthrose (gut 80). Dazu dutzende Knochenbrüche. Die Ärzte behandelten fast täglich Krampfadern mit Laser (174 Eingriffe), reparierten mehr als 160 Leistenbrüche – meist minimalinvasiv, also mit kleinen Schnitten und Kamera – und führten 138 moderne Hämorrhoiden-Operationen durch. Dazu kamen 85 Hüft- und 103 Knieprothesen. Besonders auffällig: Bei den Knieprothesen liegt die Maul-Klinik mit 202 Implantationen im Jahr 2023 weit über der vorgeschriebenen Mindestmenge von 50 Eingriffen. Damit bewegt sie sich auf Augenhöhe mit großen Häusern.

Gynäkologie: Kleine Abteilung, klare Fälle

Die Frauenheilkunde ist kleiner, aber nicht zu unterschätzen: 215 stationäre Fälle im Jahr 2023. Versorgt wurden vor allem Frauen mit gutartigen Knoten an der Gebärmutter (39), frühen Fehlgeburten (18) und Brustkrebs. 27 Frauen konnten brusterhaltend operiert werden. Die Eingriffe reichten von Gebärmutterspiegelungen (36 Fälle) über Ausschabungen bei Blutungen oder nach Fehlgeburten (rund 40 Fälle) bis zu Operationen an Eierstöcken und Eileitern (über 40 Fälle). Auch Gebärmutterentfernungen wurden mehr als 40 Mal durchgeführt. Geburten dagegen spielen seit Jahren keine Rolle mehr – in den Qualitätsberichten tauchen normale Entbindungen nicht mehr auf.

Ambulant: viele kleine Fälle

Fast 14.000 Menschen wurden 2023 ambulant behandelt – kleinere Verletzungen, Vor- und Nachgespräche, Sprechstunden der Belegärzte. Offiziell rechnete die Klinik keine ambulanten Operationen ab. Viele kleine Eingriffe liefen als „kurzer stationärer Aufenthalt“. Das könnte die hohe Zahl an stationären Fällen für ein so kleines Haus erklären.

Notfallversorgung: nur begrenzt

Die Maul-Klinik ist kein Unfallkrankenhaus. Sie wird nur für kleinere chirurgische Notfälle vom Rettungsdienst, nach Disposition durch die Integrierte Leitstelle, angefahren. Dies nur zwischen 8.00 und 20.00 Uhr

Schwere Unfälle kann sie nicht versorgen – dafür fehlt eine Intensivstation. Manche Eingriffe darf sie zudem nicht übernehmen, weil sie die vorgeschriebenen Mindestmengen nicht erreicht. Klar ist aber auch: Die Maul-Klinik entlastete die zentrale Notaufnahme des Klinikums, indem sie kleine chirurgische Fälle zuverlässig im Zeitraum der Versorgung übernahm.

Krankenhausreform im Hintergrund

Die Diskussion um die Maul-Klinik fällt in eine Zeit, in der sich die Krankenhauslandschaft ohnehin verändert. Die Reform des Bundes wird die Spielregeln neu schreiben. Vielleicht mit ein Grund, warum die Klinik bis jetzt keinen Käufer fand. Ab 2027 sollen Kliniken einen Teil ihrer Kosten über sogenannte Vorhaltepauschalen erstattet bekommen – eine Art Grundfinanzierung, die es aber nur gibt, wenn Qualitätsstandards erfüllt werden. Für kleine Häuser wie die Maul-Klinik kann das Fluch und Segen zugleich sein: Wer die Anforderungen nicht erfüllt, geht leer aus.

Gleichzeitig wandern immer mehr Eingriffe ins Ambulante. Mit den neuen Hybrid-DRGs wird es für die Kassen egal sein, ob eine Operation stationär oder ambulant erfolgt – bezahlt wird überall gleich. Für die Maul-Klinik heißt das: Eingriffe, die heute noch Erlöse bringen, könnten bald nur noch als ambulante Pauschale vergütet werden.

Hinzu kommen strengere Mindestmengen. Knieprothesen etwa dürfen nur Kliniken anbieten, die mindestens 50 Operationen im Jahr schaffen. Diese Hürde nimmt die Maul-Klinik mit über 200 Eingriffen locker – bei anderen Eingriffen sieht es knapper aus.

Selbst rechtlich verschiebt sich etwas: Bis 2030 sind Zusammenschlüsse von Kliniken von der Kartellprüfung befreit, wenn das Land sie als notwendig für die Versorgung bestätigt. Ein möglicher Kauf durch Stadt oder Klinikum Ingolstadt könnte damit leichter werden – vorausgesetzt, München gibt grünes Licht.

Das Geld für Umbau und Technik ist streng geregelt. Der Bund stellt Milliarden bereit, doch nur wenn das Land mitfinanziert. Insolvente Häuser selbst können diese Mittel nicht beantragen – erst ein neuer Träger mit einem tragfähigen Konzept könnte auf die Fördertöpfe zugreifen.

Und schließlich das Personal: Bei einer Übernahme würden die Beschäftigten zwar automatisch mit ihren Verträgen übergehen. Ob sie dann nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlt werden, wäre aber eine politische Entscheidung – nicht die Folge des Gesetzes.

Die Maul-Klinik hat in Ingolstadt nie die große Notfallversorgung gestellt – schwere Unfälle und Intensivmedizin waren Sache des Klinikums. Aber sie war für planbare Eingriffe wichtig. Wer einen Leistenbruch, Krampfadern oder ein neues Gelenk hatte, konnte hier oft schneller operiert werden als anderswo. Und mit mehr als hundert Prothesen-OPs im Jahr war das Haus auf Augenhöhe mit großen Kliniken.

Transparenzhinweis: Dieser Beitrag beruht auf eigener Auswertung der offiziellen Qualitätsberichte 2019–2023 der Klinik Dr. Maul, auf Angaben aus dem Deutschen Krankenhausverzeichnis, eigener Recherche und eingegangenen Pressemitteilungen.

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