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Mehr arbeiten, mehr leisten – diese Rechnung gilt als naheliegend. Eine Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) widerspricht und warnt vor den Folgen eines solchen Kurses am Beispiel der Schweiz.
Dort liegt die übliche Wochenarbeitszeit in Vollzeit bei 41,7 Stunden und damit über dem Niveau in Deutschland. In politischen Debatten wird dies häufig als Argument für längere Arbeitszeiten angeführt. Laut WSI greift dieser Vergleich jedoch zu kurz.
Denn die hohe Vollzeitnorm geht mit auffälligen Nebenwirkungen einher. So ist die Teilzeitquote in der Schweiz besonders hoch: 2024 arbeiteten 58,4 Prozent der Frauen und 21,1 Prozent der Männer in Teilzeit. In Deutschland liegen die Werte mit 49 Prozent bei Frauen und 12 Prozent bei Männern deutlich darunter.
Nach Einschätzung der Autorinnen ist das kein Zufall. Lange Vollzeitarbeitszeiten erhöhten den Druck, Erwerbsarbeit zu reduzieren – vor allem für Frauen, die weiterhin einen größeren Anteil an unbezahlter Arbeit wie Kinderbetreuung oder Pflege übernehmen. Trotz Teilzeit fallen die Arbeitszeiten insgesamt hoch aus: Frauen kommen in der Schweiz im Schnitt auf rund 31 Wochenstunden im Job, in Deutschland sind es etwa 27 bis 28 Stunden.
Rechnet man Erwerbs- und Sorgearbeit zusammen, arbeiten Frauen in der Schweiz im Durchschnitt 57,2 Stunden pro Woche, Männer 54,3 Stunden. In Deutschland liegen die Werte bei 54 Stunden für Frauen und 53 Stunden für Männer. Die Zahlen gelten als Hinweis auf eine insgesamt höhere Belastung.
Hinzu kommen gesundheitliche Risiken. Laut europäischer Erhebung arbeiten 29 Prozent der Beschäftigten in der Schweiz mehrmals im Monat in ihrer Freizeit, in Deutschland sind es 19 Prozent. Auch Ruhezeiten werden häufiger unterschritten. Zudem arbeiten 15 Prozent der Beschäftigten in der Schweiz 48 Stunden oder mehr pro Woche – mehr als doppelt so viele wie in Deutschland.
Studien zeigen, dass lange Arbeitszeiten mit Stress, gesundheitlichen Beschwerden und einem erhöhten Unfallrisiko verbunden sind. Auch die Produktivität leidet: Mit zunehmender Arbeitsdauer steigen Fehlerquoten, Abläufe verlangsamen sich.
Daten aus der Schweiz deuten zudem auf wachsende Belastungen hin. Der Anteil gestresster Beschäftigter stieg zwischen 2014 und 2022 von 24,8 auf 28,2 Prozent, der Anteil emotional Erschöpfter von 24,0 auf 30,3 Prozent. Arbeitsbedingter Stress verursachte zuletzt Kosten von rund 6,5 Milliarden Franken jährlich.
Die WSI-Analyse kommt zu dem Schluss, dass längere Arbeitszeiten kein geeigneter Weg sind, um das Arbeitsvolumen zu erhöhen. Stattdessen empfehlen die Autorinnen, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu verbessern, Sorgearbeit gerechter zu verteilen und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Beschäftigte langfristig gesund bleiben.
Transparenzhinweis: Der Artikel basiert auf einer Mitteilung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung; redaktionell bearbeitet.