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Die FREIEN WÄHLER haben mit einer Fotomontage eine Debatte ausgelöst: das Ingolstädter Rathaus im Hintergrund, davor eine Mülltonne voller Stimmzettel zur Kommunalwahl. Eine Hand wirft weitere Wahlzettel hinein. Dazu die Sätze: „Wenn der Wählerwille in die Tonne wandert…“ und „Will Ingolstadt eine Stadtführung aus CSU und SPD – mit Schützenhilfe von den GRÜNEN?“
Der Hintergrund: Seit der Kommunalwahl Anfang März ringt Ingolstadt um die neue Machtverteilung. Hofmann zog als CSU-Kandidat für das Amt des Zweiten Bürgermeisters zurück, Wöhrl rückte nach, Deneke-Stoll wechselte von der CSU- zur SPD‑Fraktion. Am Ende entstand das Paket aus CSU, SPD und GRÜNEN: Wöhrl als Zweiter Bürgermeister, De Lapuente als geplanter weiterer Bürgermeister, Umweltreferat für die GRÜNEN.
Das Bild stand nicht allein
Begleitet wurde die Fotomontage in Facebookgruppen von einem Text der FREIEN WÄHLER. Darin heißt es, Rot-Grün sei abgewählt worden, die CSU habe ihr schwaches Ergebnis von 2020 nur mühsam gehalten, trotzdem solle alles weitergehen wie bisher. Genannt werden „alter Wein in neuen Schläuchen“, Personalfragen statt Neuausrichtung und ein Zweckbündnis aus Kalkül.
Damit richtet sich die Mülltonne nicht zwingend gegen einzelne Wählerstimmen, sondern gegen das, was aus Sicht der FREIEN WÄHLER nach der Wahl politisch daraus gemacht wurde. Auch umgangssprachlich steht „in die Tonne treten“ für etwas, das so nicht gewollt war. Die Botschaft: Das kann aus Sicht der FREIEN WÄHLER nicht der Wählerwille gewesen sein. Angreifbar bleibt die Bildsprache trotzdem.
Aufmerksamkeit und Angriffsfläche
Die Fotomontage verschaffte den FREIEN WÄHLERN Aufmerksamkeit. Ohne sie wäre der Rathausdeal in der Öffentlichkeit und der Medienberichterstattung wohl stärker unter Verantwortung, Stabilität und demokratischer Mehrheit einsortiert worden. Nun stehen wieder Wöhrl, De Lapuente, Umweltreferat und neue Rathausachse im Raum.
Zugleich eröffnete die Bildsprache eine Angriffsfläche. Stimmzettel in einer Mülltonne können als Abwertung von Wählerstimmen gelesen werden. Diese Lesart verschiebt die Debatte von der Entstehung des Rathauspakets hin zu Stil, Symbolik und Demokratieverständnis. Das ist für Kern, De Lapuente und die CSU politisch relevant: Sie können auf formale Mehrheiten verweisen, das Bild kritisieren und müssen weniger erklären, warum CSU-Wähler nun ein Paket mit SPD-Bürgermeister und grünem Umweltreferat bekommen. Wer genau diese Kombination wollte, hätte vermutlich eher SPD oder GRÜNE gewählt. Undemokratisch ist die Mehrheit dadurch nicht. Erklärungsbedürftig bleibt sie.
Welche Lesart setzt sich durch?
Berichterstattung ist veröffentlichte Information und wirkt meinungsbildend. Auswahl, Überschriften, Fragen, Zitate und Einordnung setzen Rahmen. Gerade bei zugespitzten Bildern können einzelne Fragen in der Berichterstattung eine Leserichtung öffnen – etwa wenn aus Stimmzetteln in einer Mülltonne die Frage nach demokratischer Willensbildung wird. So stehen zwei Lesarten nebeneinander: Angriff auf die Demokratie oder Kritik daran, was politisch aus dem Wahlergebnis gemacht wurde. Der Begleittext spricht für die zweite Lesart, die Bildsprache ermöglicht auch die erste. Die Fotomontage ist berichtenswert. Die Gewichtung entscheidet aber, ob vor allem über die Provokation gesprochen wird oder über die Entwicklung, aus der sie entstand. In einer Stadt mit mehr als 140.000 Einwohnern hat die einzige täglich erscheinende Lokalzeitung besonderes Gewicht: Sie berichtet nicht nur, sie setzt auch Themen.
Kommentar und Gewichtung
Ein Kommentar darf werten, auch scharf. Das gilt auch für Kommentare auf diesem Nachrichtenportal. Wenn die Fotomontage als Verunglimpfung der Demokratie, Maßlosigkeit oder Vulgärsymbolik eingeordnet wird, ist das die Meinung des Kommentators. Zugleich stellt sich die Frage: Was schadet dem Vertrauen stärker – eine zugespitzte Fotomontage oder der Eindruck, dass seit der Kommunalwahl vor allem über Ämter, Posten, Mehrheiten und Machtoptionen gerungen wurde? Und worüber wird mit welcher Gewichtung berichtet?
Die politische Kulisse
Zur Kulisse gehört auch: Wöhrl wurde nicht von der CSU vorgeschlagen, sondern von De Lapuente. Jenem SPD-Fraktionschef, der im vergangenen Jahr in der Stichwahl gegen Kern unterlag und nun selbst weiterer Bürgermeister werden soll. Wöhrl heute, De Lapuente nächste Woche, Umwelt für die GRÜNEN. Auch der Verweis auf die Kammerspiele-Kampagne der FREIEN WÄHLER von 2022 ist Teil der Debatte. Ein Kommentar darf das. Weniger im Mittelpunkt steht dabei die heutige Finanzlage: Ingolstadt steht unter Konsolidierungsdruck, der Haushalt ist nicht genehmigt. Die sachliche Frage bleibt, wie die Debatte aussähe, wenn der Bau der Kammerspiele in dieser Finanzkrise noch laufen würde und dazu die Generalsanierung des Stadttheaters.
Die eigentliche Frage
Die Fotomontage ist zugespitzt und angreifbar. Sie hat aber die Debatte über Wöhrl, De Lapuente, Umweltreferat, CSU-Wählererwartungen und die neue Rathausachse erneut sichtbar gemacht. Kern, De Lapuente und die CSU können über Stil und Symbolik sprechen. Die FREIEN WÄHLER machen den Rathausdeal sichtbar. Beides wirkt.
Diese Debatte findet in einer Zeit statt, in der die AfD in Umfragen stark ist. Im gestrigen ARD-DeutschlandTrend lag sie zuletzt erstmals vor der Union; in Sachsen-Anhalt kommt sie laut aktuellem Sachsen-AnhaltTREND vier Monate vor der Landtagswahl auf 41 Prozent. Das sind keine Ingolstädter Ergebnisse. Aber sie zeigen den Hintergrund, vor dem lokale Demokratie wahrgenommen wird: Wenn der Eindruck entsteht, demokratische Parteien ringen vor allem um Ämter, Posten und Deutungshoheit, profitieren jene, die sich als Gegenbild dazu inszenieren.
Die Mülltonne steht im Bild. Die politische Frage dahinter bleibt: Was wurde aus den Erwartungen nach der Wahl gemacht?
Diese Fotomontage der FREIEN WÄHLER steht im Mittelpunkt der aktuellen Debatte.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.