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Nach dem CSD: Wie Intoleranz sichtbar wird

Von Thomas Thöne

Mehr als 600 Menschen machten beim Ingolstädter CSD queeres Leben sichtbar. Die Reaktionen danach zeigen, wie hartnäckig Vorurteile, Abwertungen und Schubladendenken auch 2026 noch sind.

Am Samstag zogen mehr als 600 Menschen beim Christopher Street Day durch Ingolstadt. Friedlich, bunt und unter dem Motto „Kein Schritt zurück“. Auf einem Schild stand: „Viele Farben, kein Hass“. Nach Veröffentlichung des O-T(h)öne-Berichts begann im Netz die Debatte. Neben Zustimmung fanden sich Spott und Vorurteile. Queeres Leben wurde auf Sexualität reduziert, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität mit Vorlieben oder Fetischen vermischt. Manche wollten das ins Private verweisen. Andere fragten, was queere Menschen noch forderten – gleiche Rechte hätten sie doch.

Ein Meme setzte Regenbogen-Symbolik sinngemäß mit Verstandesverlust gleich. Ein Kommentar, der queere Sichtbarkeit als ständiges Aufdrängen beschrieb, stieß in der Facebook-Gruppe auf auffällig viel Zustimmung. Die Debatte wurde auch auf Moscheen verschoben; an anderer Stelle hieß es, die queere Community sei selbst intolerant. Das ist keine repräsentative Umfrage über Ingolstadt. Sie macht aber sichtbar, welchen Vorstellungen queere Menschen 2026 begegnen: Akzeptanz wird zugesichert, zugleich soll queeres Leben möglichst wenig auffallen. Sichtbarkeit erscheint als Bevorzugung, rechtliche Gleichstellung als Beleg dafür, dass Diskriminierung erledigt sei.

Darin liegt der Kontrast zum CSD. Für die Veranstalter bedeutet Sichtbarkeit mehr als Fahnen einmal im Jahr: Es geht um einen Platz in der Stadtgesellschaft ohne Ausgrenzung. Wer dafür auf die Straße ging, konnte wenig später lesen, diese Sichtbarkeit sei störend, penetrant oder überflüssig.

Auch die Zahlen widersprechen der Vorstellung, gleiche Rechte hätten Diskriminierung beseitigt. Der LSVD+ nennt für 2025 auf Grundlage der PMK-Fallzahlen 2.377 queerfeindliche Straftaten. Im BKA-Unterthemenfeld „sexuelle Orientierung“ waren es 2.070 Fälle, darunter 284 Gewaltdelikte.

Eine Kommentarspalte bildet queeren Alltag nur ausschnittweise ab. Sie lässt allenfalls erahnen, mit welchen Vorbehalten, Schubladen, Abwertungen und Anfeindungen Betroffene konfrontiert sein können. Zugleich zeigt sich Aufklärungsbedarf: Noch immer werden sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität und sexuelle Praktiken vermischt, Sichtbarkeit mit Sonderbehandlung verwechselt. Das betrifft Schulen und Familien, Vereine, Religionsgemeinschaften und Arbeitsplätze.

„Kein Schritt zurück“ stand über dem CSD. Die Reaktionen stehen nicht für ganz Ingolstadt. Sie zeigen aber, warum ein CSD für viele mehr als eine bunte Veranstaltung ist: Es geht darum, selbstverständlich sichtbar zu sein – ohne dafür verspottet, abgewertet oder ins Private verwiesen zu werden.

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