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„Beherrschbar“ ist ein schönes Wort. Es klingt nach Kontrolle, nach Übersicht, nach ruhiger Hand am Steuer. Und es ist das Wort, das in der jüngsten Stadtratssitzung immer wieder fiel, wenn Andreas Tiete, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Klinikums, im Stadtrat über die Lage in der Notaufnahme sprach. Beherrschbar sei die zusätzliche Belastung. Beherrschbar die Schließung anderer Standorte. Beherrschbar sogar die Aussicht auf weitere Einschnitte – also auf zusätzliche Einschränkungen in der regionalen Notfallversorgung. Ein Wort, das beruhigen soll – und genau so wirkt.
Auffällig ist dabei nicht nur, was gesagt wird, sondern wie. Tiete trägt rasend schnell vor, routiniert, ohne hörbare Zäsuren. Fachbegriffe und Abkürzungen jagen einander, bleiben stehen – nicht erklärt, nicht übersetzt. Wer nicht ohnehin im System zu Hause ist, muss mithalten – oder bleibt zurück. Verständnis entsteht hier nicht durch Einordnung, sondern wird durch Tempo ersetzt.
Genau hier liegt das Problem: Beherrschbar ist kein politisches Ziel. Es ist ein Zustand, bestenfalls ein Provisorium. Und vor allem ist es eines: eine Beruhigungsformel.
Denn wer „beherrschbar“ sagt, sagt auch: Es läuft noch. Irgendwie. Gerade so. Und genau damit gibt sich die Politik zufrieden. Nicht mit einer Idee, nicht mit einer Strategie, sondern mit der stillschweigenden Gewissheit, dass es fürs Erste weitergeht.
Brisant wird es dort, wo Andeutungen im Raum stehen bleiben. Wenn davon die Rede ist, dass Menschen versorgt werden, für die das System eigentlich nicht gedacht ist, dann wäre das der Moment für Politik gewesen. Für Nachfrage. Für Klärung. Für Verantwortung. Stattdessen bleibt der Satz stehen – und mit ihm eine Leerstelle, die niemand füllt.
Diese Leerstelle ist kein Randphänomen, sie ist systemisch. Denn sie verweist auf ein System, das an seinen Rändern ausfranst, ohne dass jemand fragt, wer diese Ränder eigentlich definiert – und warum. Nicht die Überlastung ist das eigentliche Thema, sondern der Umgang mit ihr: das stille Akzeptieren, das routinierte Abnicken, das beruhigte Weiter-so.
Auch dort, wo es um Belastbarkeit geht, bleibt die Debatte folgenlos. Ein System kann funktionieren und dennoch falsch aufgestellt sein. Es kann laufen – und dabei permanent an seine Grenzen stoßen. Politisch relevant wäre nicht die Frage, ob es noch geht, sondern wie lange und zu welchem Preis.
Der Stadtrat entscheidet sich stattdessen für den kleinsten gemeinsamen Nenner: zur Kenntnis nehmen. Das ist kein Skandal. Es ist schlimmer. Es ist die Verwaltung des Mangels.
Natürlich leisten die Beschäftigten im Klinikum Enormes. Natürlich ist es richtig, das zu würdigen. Aber Dank ist kein Ersatz für Steuerung. Wer dauerhaft auf Einsatzbereitschaft statt auf Struktur setzt, laugt die Belegschaft aus, verschiebt Verantwortung nach unten – und nennt das dann Stabilität. Die Folge ist ein System am Limit: am Ende der Geduld bei denen, die es am Laufen halten – und zunehmend auch bei den Menschen, die im Klinikum medizinische Hilfe suchen, warum auch immer.
Die Notaufnahme funktioniert. Aber sie funktioniert, weil sie sich permanent überdehnt. Weil Menschen mehr tragen, als eigentlich vorgesehen ist. Mit Fassung. Viel Fassung. Auf allen Seiten. Doch Fassung ist kein Konzept für die Zukunft. Sie ist ein Zustand des Aushaltens. Und Aushalten ist das Gegenteil von Gestalten.
Der Stadtrat hätte die Möglichkeit gehabt, aus der Beruhigung auszubrechen und Verantwortung einzufordern. Er hat sie nicht genutzt. Beherrschbar, sagt das Klinikum. Zur Kenntnis genommen, sagt die Politik. Das mag fürs Erste reichen. Für Patientinnen, Patienten und Beschäftigte reicht es nicht.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung. Lesen Sie auch den Kommentar zum Artikel.
