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Oberbürgermeister Kern und die Namenlosen in der Sitzung

Seit Amtsantritt verwandelt Michael Kern den Stadtrat in eine Bühne für Anreden, als hätte Ingolstadt heimlich die Titel-Festspiele erfunden.

So klingt es Sitzung für Sitzung: „Herr Baureferent, bitte“, „Herr Finanzreferent, Sie haben das Wort“, „Herr Wirtschaftsreferent, ganz kurz noch“, „Herr Rechtsreferent, vielleicht Sie?“ oder „Herr Sozialreferent, jetzt sind Sie dran“. Namen sind Nebensache, Rollen sind alles – als säße da nicht ein Gremium vom Stadtrat gewählter Referenten, sondern eine Titeltruppe in einem höfischen Schauspiel.

Besonders feierlich wird es bei den Ehemaligen. Statt schlicht „Stadtrat Hinterhuber“ oder „Stadträtin Vorderhuber“ ertönt ehrfurchtsvoll: „Herr Altoberbürgermeister Hinterhuber“, „Frau Altbürgermeisterin Vorderhuber“. Goldgerahmte Alt-Titel, die fast so wirken, als würden sie direkt neben den Schlüsseln zum Kassenloch verwahrt – dies obwohl im Sitzungssaal die Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker doch alle in der gewählten Funktion als Stadträtin und Stadtrat sitzen.

Noch bunter wird’s bei den Bürgermeisterinnen. Je nach Thema, das gerade behandelt wird, verwandeln sie sich in „Frau Umweltbürgermeisterin“, „Frau Sozialbürgermeisterin“ oder „Frau Sportbürgermeisterin“. Heute Umwelt, morgen Soziales, übermorgen vielleicht „Frau Bürgermeisterin für die Parkplatzordnung“. Dass es diese Titel gar nicht gibt, sie sind schlicht Bürgermeisterinnen – aber was macht das schon? Ein guter Titel schmückt, auch wenn er erfunden ist.

Und Kern selbst? Er versteht sich im Stadtrat lieber als Moderator wie in einer TV-Talkshow. Mit sanfter Stimme mahnt er: „Jetzt bitte keinen Streit, wir waren uns bis hierher fast einig.“ Eigene Impulse? Selbst mit einer Lupe nicht erkennbar. Dafür glänzt er bei Repräsentation: Bilder,zeigen ihn fast täglich in Pose.

Im Wahlkampf hatte der neue CSU-Oberbürgermeister Transparenz versprochen: mehr öffentliche Tagesordnungspunkte im Stadtrat und eine nachvollziehbare Politik. Geblieben ist bisher vor allem ein zeremonieller Anredereigen – und viele schöne Fotos.

In der Realität zählt in Ingolstadt selbstverständlich allein das Mandat, nicht der Titel – und die Politik des Stadtrates ist natürlich jederzeit transparent und öffentlich nachvollziehbar. Besonders dann, wenn es um das Lieblingsthema „Gutachten“ geht: Sie erscheinen, verschwinden und tauchen wieder auf, als wären sie Seifenblasen – erst schillernd, dann zerplatzt, dann vergessen. Oder etwa nicht?

Vielleicht liegt genau darin der Trick: Titel sind schnell verteilt, Inhalte dagegen kosten Zeit – und manchmal auch Mut.

O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.

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