Anzeige

Oktoberfest, Stadtrat, Haushalt im Keller, Krüge in der Luft

Die Timeline war schneller als jeder Pressesprecher – und deutlich bissiger. Kaum rauschten die ersten Bilder strahlender Stadtratmitglieder mit Maßkrug und Brezn durch Facebook, da folgte auch schon die kontroverse Diskussion – und zwar nicht nur online, sondern auch im realen Leben. Die Timeline wurde damit zum Ersatz-Rathaus – schneller, direkter und für viele Bürger wirkungsmächtiger als jede Stadtratssitzung. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wobei offensichtlich nicht alle Mandatsträger wissen, welche Botschaft sie mit so manchem Bild in die Welt senden.

Willkommen in Kleinprovincia – der Stadt, die es schafft, fast gleichzeitig die finanzielle Pleite zu verkünden und Stadtratsmitglieder sowie der derzeit amtierende Oberbürgermeister und eine Bürgermeisterin einer Einladung aufs Oktoberfest folgen. Finanzkoma trifft Bierzelt: ein Balanceakt, den selbst Zirkusartisten ehrfürchtig bestaunen würden.

Und mittendrin der ehemalige Kurzzeitoberbürgermeister, unter dessen Amtsführung die städtischen Finanzrücklagen abgeschmolzen sind wie die Eisberge in der Antarktis durch den Klimawandel: Er hatte eingeladen – offiziell zur „politischen Weiterbildung“. In Wahrheit wirkte es eher wie der Versuch, die Kunst des Aussitzens der Finanzkrise mit der Kunst des Anstoßens zu verbinden.

Notaufnahme am Limit, Stadträte am Maßkrug

Während die Rechtsaufsicht bereits die Rote Karte zur Finanzlage der Stadt gezückt hat, das Klinikum von Kleinprovincia mit anhaltenden Abmeldungen bei der Rettungsleitstelle zur traurigen Realität gehört und die Notaufnahme des Großkrankenhauses regelmäßig überquillt wie ein Maßkrug nach zu hastigem Einschenken, sorgt die geplante Fusion mit den Landkreiskliniken für zusätzliche Turbulenzen.

Eigentlich hätte die am Nachmittag stattfindende konzentrierte Sitzung der gesundheitspolitischen Sprecher der Fraktionen und Gruppierungen allen Stadtratsmitgliedern zur persönlichen Weiterbildung und Entscheidungsfindung dienen können. Doch statt im Sitzungssaal die Entwicklung hautnah mitzuverfolgen, saßen manche Stadtratsmitglieder lieber im Festzelt. Politiker, die versuchen, den Klinik-Alarm mit Polka zu übertönen.

SCHWOAM MAS OWE!

Die Sitzung der Gesundheitspolitiker fand derweil „natürlich“ nicht-öffentlich statt – wie in Kleinprovincia üblich, wenn es wirklich brenzlig wird. Wichtige Sitzungen hinter verschlossenen Türen, Bürger außen vor, und egal wer Oberbürgermeister ist und welche Partei ihn stellt – das Muster bleibt gleich. Auf dem Oktoberfest hieß es in dieser Zeit politisch: SCHWOAM MAS OWE! Spülen wir es herunter.

Zwischen Brezn und Rechtsaufsicht

Die Bürgerinnen und Bürger, denen man kurz zuvor noch erklärt hatte, warum Zuschüsse gestrichen, Gebühren erhöht und Projekte gestoppt werden müssen, fragten sich: Ist eine solche Fahrt nach München ins Bierzelt überhaupt das richtige Signal – während die Rechtsaufsicht längst mit dem Rotstift am Spielfeldrand wartet.

Aber keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser: Kleinprovincia ist selbstverständlich nur ein Fantasieprodukt. Alles ist satirisch überhöht – die Realität ist nüchterner, rationaler und ganz bestimmt frei von grotesken Festzelt-Inszenierungen. Oder etwa nicht?

Fortsetzung folgt …

O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.

Diesen Beitrag teilen
Anzeige