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Pflege wird zur Armutsfalle

Immer mehr Bewohner von Pflegeheimen sind auf Sozialhilfe angewiesen. Nach einer neuen Analyse im Auftrag der DAK-Gesundheit benötigen im Jahr 2026 bereits 37 Prozent der Menschen in stationären Einrichtungen Unterstützung vom Sozialamt – ein neuer Höchstwert.

Die Berechnungen stammen von dem Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang. Demnach könnte die Sozialhilfequote ohne weitere Reformen weiter steigen. Für das Jahr 2032 erwarten die Berechnungen einen Anteil von 40,4 Prozent. Bis 2035 könnte der Anteil auf knapp 43 Prozent anwachsen.

Auch die Zahl der Betroffenen würde zunehmen. Nach Hochrechnungen der DAK-Gesundheit könnten in den kommenden neun Jahren rund 356.000 Menschen in Pflegeheimen Sozialhilfe beziehen. Das wäre ein Anstieg um etwa 15 Prozent gegenüber derzeit rund 309.000 Betroffenen.

Hintergrund sind vor allem steigende Eigenanteile in stationären Pflegeeinrichtungen. Immer mehr Pflegebedürftige können die Kosten ihres Heimaufenthalts nicht mehr selbst tragen und müssen ergänzende Sozialhilfe – die sogenannte Hilfe zur Pflege – in Anspruch nehmen. Die soziale Pflegeversicherung war 1994 eingeführt worden, um pflegebedingte Verarmung zu verhindern. Sozialhilfe in Pflegeheimen sollte eigentlich die Ausnahme bleiben.

DAK-Vorstandschef Andreas Storm warnt angesichts der Entwicklung vor einem strukturellen Problem im Pflegesystem. Mit einer Sozialhilfequote von 37 Prozent sei das System an seine Grenzen gekommen. Storm fordert von der Bundesregierung eine umfassende Reform der Pflegefinanzierung und eine neue Lastenverteilung zwischen Beitragszahlern, Pflegebedürftigen und Steuermitteln.

Die Analyse untersucht auch bestehende und vorgeschlagene Reforminstrumente. Dazu gehören unter anderem gestaffelte Leistungszuschläge zu Heimkosten sowie Modelle für eine regelmäßige Anpassung der Pflegeleistungen an Lohn- oder Inflationsentwicklungen. Nach Einschätzung der Studie können solche Dynamisierungen die steigende Sozialhilfequote jedoch kaum begrenzen. Selbst bei einer regelmäßigen Anpassung der Leistungen könnte die Quote bis 2035 bei mehr als 42 Prozent liegen.

Als wirksamer bewertet die Analyse dagegen eine Begrenzung der Eigenanteile für Pflegeheimbewohner. Modelle mit einem monatlichen Höchstbetrag von 1.000 oder 1.200 Euro könnten die Sozialhilfequote deutlich senken. In entsprechenden Szenarien würde sie im Jahr 2035 zwischen 32 und 37 Prozent liegen. Eine solche Begrenzung hätte allerdings finanzielle Folgen für die Pflegeversicherung. Nach Berechnungen der Analyse könnte ein Pflegedeckel von 1.200 Euro bereits im Jahr 2027 zusätzliche Ausgaben von rund 2,2 Milliarden Euro verursachen. Bis 2035 könnten die Kosten auf etwa 8,6 Milliarden Euro steigen.

Transparenzhinweis: Der Artikel basiert auf einer Mitteilung der DAK-Gesundheit; redaktionell bearbeitet.

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