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Pflegebudget mit Nebenwirkungen

Mehr Pflegekräfte, weniger Patienten – und deutlich höhere Kosten: Das 2020 eingeführte Pflegebudget für Krankenhäuser hat die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen spürbar steigen lassen. Zugleich sind neue Fehlanreize entstanden. Das geht aus einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervor.

Demnach wuchs das Finanzvolumen des Pflegebudgets von 19,4 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 26,1 Milliarden Euro im Jahr 2024. Nach Zuwächsen von jeweils rund sechs Prozent in den Jahren 2021 und 2022 beschleunigte sich der Anstieg zuletzt: 2023 lagen die Mehrausgaben bei 8,4 Prozent, 2024 bei 10,5 Prozent. Für 2025 ist ein weiteres Plus von acht Prozent vereinbart. Für 2026 liegen Forderungen der Krankenhäuser vor, die zwölf Prozent über dem für 2025 vereinbarten Wert liegen.

Grundlage des Budgets ist das Prinzip der Selbstkostendeckung. Kliniken können ihre tatsächlichen Pflegepersonalkosten vollständig mit den Krankenkassen abrechnen. Allein 2024 stiegen die entsprechenden Ausgaben der gesetzlichen Kassen um 2,4 Milliarden Euro. Das entspricht 0,13 Beitragssatzpunkten.

Deutlicher Personalzuwachs

Parallel zu den steigenden Ausgaben nahm die Zahl der Pflegekräfte in den Krankenhäusern deutlich zu. Zwischen 2019 und 2024 wuchs die Zahl der festangestellten Vollzeitkräfte im Pflegedienst um mehr als 50.000 auf rund 350.600. Während das durchschnittliche jährliche Personalwachstum zwischen 2011 und 2018 bei 0,7 Prozent lag, betrug es nach Einführung des Pflegebudgets zwischen 2019 und 2024 im Schnitt 3,4 Prozent.

Gleichzeitig sind die Fallzahlen seit 2020 gesunken. Rechnerisch stehen damit mehr Pflegekräfte für weniger Patientinnen und Patienten zur Verfügung.

Unterschiede zeigen sich bei der Qualifikation: Die Zahl der Pflegefachkräfte in somatischen Krankenhäusern stieg zwischen 2019 und 2024 um zehn Prozent. Die Zahl der Pflegehilfskräfte nahm im gleichen Zeitraum um 75 Prozent zu. Zudem hat sich die Zahl der in Kliniken beschäftigten Altenpflegekräfte seit 2019 auf das 2,5-Fache erhöht.

Verschiebungen zwischen den Sektoren

Nach Einschätzung des WIdO verschiebt sich das Pflegepersonal zunehmend in Richtung Krankenhaus. In Pflegeheimen und ambulanten Diensten verlangsamte sich das Wachstum deutlich. Zwischen 2009 und 2019 war die Zahl der Vollkräfte in Pflegeheimen im Jahresdurchschnitt um 2,6 Prozent gestiegen, in der ambulanten Pflege um 5,4 Prozent. Von 2019 bis 2023 lag der jährliche Zuwachs nur noch bei 0,8 beziehungsweise 2,0 Prozent.

Auch bei den Fachkräften zeigt sich eine Divergenz: In Krankenhäusern nahm ihre Zahl zwischen 2019 und 2023 um 6,7 Prozent zu, in Pflegeheimen ging sie zurück, in der ambulanten Pflege lag das Plus bei 1,7 Prozent. Anders als in den Kliniken sank in der Langzeitpflege jedoch nicht die Zahl der zu versorgenden Menschen.

Untergrenzen weiter verletzt

Trotz des Personalaufbaus verbesserte sich die Einhaltung der Pflegepersonaluntergrenzen nicht. 2021 wurden die Vorgaben in 13,4 Prozent der Schichten unterschritten. In den Jahren 2022 und 2023 lag der Anteil bei jeweils über 15 Prozent, 2024 bei 14,3 Prozent.

Zudem haben die neuen Regelungen die Budgetverhandlungen zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern verlangsamt. Ende Oktober 2025 lagen erst für 41 Prozent der Kliniken Vereinbarungen für das Jahr 2025 vor. Selbst für 2023 war bei 14 Prozent der Häuser noch keine Einigung erzielt. In den Jahren 2021 bis 2023 wurden zudem Bereinigungen zwischen Fallpauschalensystem und Pflegebudget in Höhe von 775 Millionen Euro notwendig, um Doppelfinanzierungen zu vermeiden.

Das WIdO sieht im Prinzip der Selbstkostendeckung einen strukturellen Fehlanreiz. Krankenhäuser hätten wenig finanziellen Anreiz, Personal im Zuge von Strukturveränderungen abzugeben oder Leistungen stärker ambulant zu erbringen. Angesichts des Fachkräftemangels sei ein effizienterer und sektorenübergreifend abgestimmter Einsatz des Pflegepersonals notwendig.

Transparenzhinweis: Der Artikel basiert auf einer Mitteilung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO); redaktionell bearbeitet

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