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Rassistische Entgleisungen in Ingolstadt – niemand zuständig?

O-T(h)öne gibt Fraktionen und Gruppierungen im Ingolstädter Stadtrat, sowie ausgewählten Personen des gesellschaftlichen Lebens und aus dem journalistischen Bereich, in der Rubrik „Aus fremder Feder“, die Möglichkeit eines Gastkommentars zur Ingolstädter Kommunalpolitik. Das Thema ist durch den Gastkommentator frei wählbar, ebenso die Länge des Textes. Die Veröffentlichung erfolgt nicht redigiert und ungekürzt. Die Verantwortung für den Inhalt trägt allein der Verfasser des Gastkommentars.

Gastkommentar von Michael Krüper

Es sind inzwischen mehrere Tage vergangen, seit beim Firantentreffen zum Ingolstädter Christkindlmarkt Aussagen gefallen sind, die – wie das Online-Portal O-Thöne berichtet – eindeutig rassistische und menschenverachtende Dimensionen hatten. Tage, in denen man erwarten durfte, dass Verantwortliche handeln, Stellung beziehen, Konsequenzen ziehen.
Doch was ist passiert?

Nichts.

Und genau dieses Nichts ist lauter als jeder empörte Kommentar.

Es drängt sich eine unbequeme Frage auf: Wie kann es sein, dass in einer Stadt wie Ingolstadt rassistische Entgleisungen öffentlich werden – und sich dennoch niemand zuständig fühlt? Keine sofortige Distanzierung, keine interne Klärung, keine sichtbaren Schritte, die zeigen würden: Wir haben verstanden.

Stattdessen Schweigen. Aussitzen. Hoffen, dass der Sturm vorbeizieht.

Doch dieser „Sturm“ ist kein lokales Missgeschick. Er fügt sich ein in ein globales Muster. Weltweit erleben wir, wohin Rassismus führt – ob in Form von Gewalt, struktureller Benachteiligung oder gesellschaftlicher Spaltung. Wir sehen täglich die Folgen. Und trotzdem, wieder und wieder, tun Menschen so, als sei Rassismus ein Randthema, eine Überempfindlichkeit, ein lästiges Detail.

Warum lernen wir nichts? Warum werden Warnsignale ignoriert, bis es zu spät ist? Warum glaubt man immer noch, wegsehen wäre eine Option?

Es ist beschämend, dass selbst an einem Ort, an dem Gemeinschaft und kulturelle Offenheit eigentlich selbstverständlich sein sollten, rassistische Worte fallen – und danach alles weiterläuft wie vorher.

Noch beschämender ist die Frage, die viele Bürgerinnen und Bürger stellen:
Warum ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht? Eine berechtigte Frage. Wenn öffentlich abwertende, menschenfeindliche Aussagen dokumentiert werden, darf man erwarten, dass zumindest geprüft wird, ob strafrechtliche Relevanz besteht. Niemand verlangt Vorverurteilungen – aber Untätigkeit sendet ein fatales Signal. Ein Signal, das lautet: „So schlimm ist es wohl nicht.“

Doch es ist schlimm. Es ist schlimm, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft verbal herabgewürdigt werden. Es ist schlimm, wenn Organisationsverantwortliche lauthals schweigen und sich so zu moralischen Mittätern machen. Es ist schlimm, wenn ausgerechnet diejenigen, die es besser wissen müssten, nicht den Mut haben, aufzustehen. Rassismus ist kein Betriebsunfall. Er ist ein Gift, das sich ausbreitet, wenn man es ungestört wirken lässt. Und genau das passiert gerade.

Ingolstadt steht an einem Punkt, an dem Worte nicht mehr reichen. Es braucht Aufklärung. Konsequenzen. Haltung. Und es braucht endlich den Mut, deutlich zu sagen: Rassismus – in welcher Form auch immer – ist nicht hinnehmbar. Nicht in dieser Stadt. Nicht in diesem Land. Nicht auf dieser Welt. Alles andere wäre ein weiteres Kapitel in einer Geschichte des Wegsehens, aus der wir schon viel zu lange nichts gelernt haben.

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