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In Ingolstadt wird über mehr entschieden als über Baukosten. Die Debatte um die Sanierung des Technischen Rathauses zeigt, wie schwierig politische Entscheidungen werden, wenn hohe Investitionen, neue Vertragsmodelle und eine angespannte Haushaltslage zusammentreffen. Noch bevor Zahlen verglichen wurden, diskutierten die Ausschussmitglieder über Verfahren, Transparenz und den richtigen Zeitpunkt politischer Entscheidungen. Nicht nur über Baukosten und Vertragsmodelle gehen die Positionen deutlich auseinander, sondern auch über den Weg dorthin.
Absetzen oder Beraten?
Den Auftakt machte gestern Nachmittag Jakob Schäuble (FDP) bereits bei der Beratung zur Tagesordnung. Die Verwaltung habe den Punkt „Sanierung des Technischen Rathauses – alternative Projektabwicklung“ erstmals öffentlich aufgerufen, „ohne Vorgespräche“ und „ohne Vorinformation“. Dabei spielten zahlreiche Aspekte eine Rolle, „die wir im öffentlichen Bereich nicht diskutieren können“. Der Tagesordnungspunkt sei weder beschluss- noch beratungsreif. Schäuble plädierte dafür, ihn im laufenden Sitzungslauf abzusetzen, intern vorzuberaten und erst in einem späteren Durchgang erneut aufzurufen.
Der Oberbürgermeister setzt auf Verfahren
Oberbürgermeister Michael Kern (CSU) widersprach der Forderung nach Absetzung. Gerade wenn zusätzlicher Beratungsbedarf bestehe, komme man nicht weiter, „wenn wir heute nicht einmal anfangen zu beraten“. Öffentliche Beratung sei möglich, sensible Aspekte ließen sich ergänzend nichtöffentlich behandeln. Ziel sei ein geordnetes Verfahren ohne Zeitdruck.
„So können wir nicht arbeiten“
Die Skepsis blieb. Hans Stachel (FW) kritisierte die Vorlage scharf. Es fehlten belastbare Unterlagen zu Varianten, Kosten und Entscheidungsgrundlagen. Stattdessen werde pauschal auf Voruntersuchungen verwiesen. „So können wir nicht arbeiten“, sagte Stachel. Mehrere Wortmeldungen zielten damit in dieselbe Richtung: Ohne Zahlen, Vergleichbarkeit und rechtliche Einordnung fehle die Grundlage für eine politische Abwägung.
Mehrheit für eine Beratung
Andere Ausschussmitglieder wollten das Thema dennoch nicht weiter aufschieben. Christian De Lapuente (SPD) plädierte dafür, die Diskussion zu eröffnen, offene Fragen zu sammeln und anschließend in den Fraktionen weiterzuberaten. Es gehe nicht um einen schnellen Beschluss, sondern um Orientierung. Dieser Ansatz setzte sich durch. Der Ausschuss beschloss mit sieben zu vier Stimmen, den Tagesordnungspunkt öffentlich vorberatend zu behandeln und ergänzend nichtöffentlich fortzuführen.
Sanierung als Ausgangspunkt
Im anschließenden Sachvortrag skizzierte Wolfgang Pröbstle, Leiter des Hochbauamts, die Ausgangslage. Die Sanierungsfähigkeit des Technischen Rathauses sei vor der Übernahme geprüft worden, insbesondere Statik und Gründung. Externe Gutachten hätten bestätigt, dass das Gebäude grundsätzlich ertüchtigt werden könne.
Die Stadt habe daraufhin die Sanierungsplanung bis zur Leistungsphase 2 beauftragt. Inzwischen liege eine vertiefte Kostenschätzung vor. Das Projektvolumen werde auf rund 35 Millionen Euro beziffert. Enthalten seien energetische Maßnahmen, Barrierefreiheit, optionale Ausstattungen sowie eingepreiste Risiken. Einsparungen seien möglich, wenn der Stadtrat bestimmte Standards reduziere. Unabhängig vom Modell rechnet die Verwaltung laut Sitzungsvorlage derzeit mit einer Fertigstellung um das Jahr 2030.
Ein Investor als Alternative
Es liegt ein Angebot eines privaten Investors vor, das Technische Rathaus im Erbbaurecht zu übernehmen, zu sanieren und anschließend langfristig an die Stadt zurückzuvermieten. Angesichts der angespannten Haushaltslage ließ die Verwaltung dieses Modell prüfen. Eine externe Wirtschaftlichkeitsuntersuchung bewertete die Investorenlösung über die Laufzeit betrachtet als wirtschaftlich interessant.
Pröbstle betonte jedoch die rechtlichen Grenzen. Eine Direktvergabe scheide aus, das Projekt müsse europaweit ausgeschrieben werden. Vorgesehen sei, einen gesetzlichen Mindeststandard sowie den für Büronutzungen üblichen städtischen Baustandard auszuschreiben, um Angebote vergleichbar zu machen. Die Ausschreibung diene zunächst der Markterkundung; ob und an wen vergeben werde, wäre eine gesonderte politische Entscheidung.
Kritische Nachfragen und finanzielle Einordnung
Im Ausschuss wurde deutlich, dass viele Details offen sind. Christian Höbusch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) fragte nach den finanziellen und rechtlichen Bindungen, die mit einer Ausschreibung einhergingen. Allein für externe Verfahrensbetreuung und mögliche Bieteraufwendungen veranschlagt die Verwaltung rund 500.000 Euro.
Albert Wittmann (CSU) verlangte belastbare Entscheidungsgrundlagen. Ohne transparente Zahlen lasse sich nicht beurteilen, ob ein Investorenmodell tatsächlich günstiger sei als eine Eigensanierung. Unklar sei zudem, warum eine stadteigene Gesellschaft bei dem Vorhaben bislang keine Rolle spiele.
Der Finanzreferent der Stadt, Franz Fleckinger, verwies auf die rechtlichen Rahmenbedingungen. Ein langfristiges Mieter-Vermieter-Modell mit Untererbbaurecht gelte als kreditähnliches Geschäft und sei genehmigungspflichtig. Maßstab der Rechtsaufsicht sei allein die nachgewiesene Wirtschaftlichkeit. Nur wenn diese belegt werde, könne eine Genehmigung in Aussicht stehen.
Verwaltung für Sanierung
Stadtbaurätin Ulrike Wittmann-Brand erläuterte, warum ein Neubau durch die Verwaltung früh verworfen worden sei. Die Lage im Altstadtensemble, Denkmalschutzauflagen und schwierige Baugrundverhältnisse sprächen gegen einen vollständigen Neubeginn. Aus ihrer Sicht sei die Sanierung die realistischere Option – unabhängig davon, wer sie umsetze.
Gleichwohl blieben Risiken. Mehrere Redner verwiesen auf mögliche Insolvenzen während der Bauphase oder im laufenden Betrieb sowie auf langfristige Bindungen über Jahrzehnte. Diese Risiken müssten vertraglich abgesichert werden.
Offenes Ende
Die endgültige Entscheidung soll der Stadtrat treffen – vorgesehen ist die Sitzung am 11. Februar 2026. Dann soll darüber abgestimmt werden, ob die Eigensanierung nach Leistungsphase 2 beendet und das Investorenmodell weiterverfolgt wird.
Die Debatte zeigte: Die Sanierung des Technischen Rathauses ist längst mehr als ein Bauprojekt. Sie ist zu einer Grundsatzfrage geworden – über Verantwortung, Risiken und den Umgang mit knappen finanziellen Spielräumen.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
