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Stadtrat von Kleinprovincia ringt 45 Minuten um einen Satz

Im Stadtrat von Kleinprovincia, wo selbst die hitzigsten Debatten selten die Temperatur eines lauwarmen Kamillentees überschreiten und politische Konflikte vorzugsweise in wohltemperierten Formulierungen verdunsten, traf sich der Personalausschuss zu einer Sitzung von bemerkenswerter sprachlicher Tragweite.

Weil in Kleinprovincia selbstverständlich niemand lächerlich gemacht werden soll und schon gar nicht der Eindruck entstehen darf, es gehe hier um konkrete Personen, bleibt nur ein konsequenter Schritt: maximale Verfremdung. Deshalb nennen wir die handelnden Personen im Folgenden einfach Tinky-Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po. So können hoffentlich Boykottaufrufe gegen Satire verhindert werden.

Es ging – wie so oft in Kleinprovincia – ums Sparen. Also um alles. Und diesmal um das städtische Personal. Begonnen wurde, wie es sich gehört, nicht mit Maßnahmen, sondern mit einem Satz. Die Personalausgaben seien „als oberste Grenze anzusehen“ und „möglichst zu unterschreiten“. Möglichst. Ein Wort, das in Kleinprovincia traditionell die Aufgabe übernimmt, Verbindlichkeit zu simulieren. Man kennt das.

Wie man Probleme formuliert, bis sie verschwinden

In Kleinprovincia gilt: Probleme werden nicht gelöst. Sie werden formuliert. Was folgte, war weniger eine Debatte über Inhalte als vielmehr ein sprachliches Ringen. Über eine Dreiviertelstunde hinweg widmete sich der Ausschuss im Wesentlichen einer einzigen Frage: Wie formuliert man einen Satz so, dass er verbindlich klingt – und im Zweifel folgenlos bleibt?

„Soll“ oder „ist“. „Durchschnittlich“ oder „mindestens“. Oder vielleicht doch: „durchschnittlich mindestens“. Ein Vorschlag, der alles zugleich versprach – und damit nichts Genaues. Und genau das war der Punkt.

Tinky-Winky bestand auf Verbindlichkeit. Allerdings eine, die sich im Zweifel jederzeit wieder relativieren lässt. Der Personalreferent erklärte, er werde das so nicht beantragen. Nicht, weil es falsch wäre – sondern weil es möglicherweise nicht erreichbar sei. Und weil er dafür bereits Prügel bezogen habe. Ein Satz, der in Kleinprovincia als Erfahrungswert gilt. Ein Prinzip wurde sichtbar: Ein Ziel, das nicht erreichbar ist, wird nicht beantragt. Ein Ziel, das nicht überprüfbar ist, schon.

Dipsy hielt dagegen: Ein Ziel dürfe verfehlt werden – aber es müsse klar formuliert sein. Alles andere sei Interpretationsmasse. Ein Begriff, der in diesem Moment nicht nur den Antrag, sondern die gesamte Sitzung beschrieb. Der Satz veränderte sich. Ständig. Härter, weicher, präziser, dehnbarer. Verbindlicher, erklärbarer. Was in Kleinprovincia als Fortschritt gilt.

Vom Beschlussgegenstand zur Formulierungseinheit

Spätestens hier hatte sich die Diskussion vollständig vom Inhalt gelöst. Man arbeitete nicht mehr am Inhalt. Man arbeitete am Satz. Laa-Laa brachte schließlich Bewegung hinein. Nach intensiver Internetrecherche präsentierte sie: im Schnitt mindestens, durchschnittlich wenigstens, im Mittel mindestens, typischerweise mindestens. Ein Angebot, das die Möglichkeiten erweiterte – und jede Orientierung endgültig überflüssig machte. Der Satz begann, sich von seiner Bedeutung zu lösen. Er wurde nicht mehr formuliert. Er wurde gepflegt.

Tinky-Winky zeigte sich großzügig. Er sei stolz auf Laa-Laa – und sie möge sich eine Formulierung aussuchen. Ein Moment, in dem sich Anspruch und Ergebnis endgültig voneinander verabschiedeten.

Produziert wurden Worte. Viele Worte. Verantwortung ebenfalls – allerdings nicht für Ergebnisse. Parallel dazu wurde erklärt, dass selbstverständlich der Grundsatz der Wahrheit und Klarheit im Haushaltsrecht gelte. Zeitgleich sprach man über eine „Blackbox“. Also etwas, das man beschließt, ohne es zu verstehen – aber mit großer Überzeugung. Und entsprechendem Abstimmungsverhalten.

Auch die Realität meldete sich kurz: Kitas, Gesundheit, Sicherheit. Der Hinweis wurde zur Kenntnis genommen – und anschließend in eine Formulierung überführt, die zuverlässig verhindert, dass daraus eine Konsequenz entsteht.

Überlastungsanzeigen? Ja, ein Thema – aber vorzugsweise im nichtöffentlichen Teil.

Verantwortung vorhanden – Ergebnis optional

Ein Paradigmenwechsel wurde verkündet: Künftig entscheiden die Referate selbst, was sie besetzen, was sie freilassen und was sie noch leisten können. Mit anderen Worten: Die Verantwortung wandert dorthin, wo sie später erklärt werden kann. Zuständigkeit war vorhanden. Ergebnisse blieben offen.

Auch das „Fluktuationspotenzial“ wurde gewürdigt. Po erklärte den Begriff für positiv. Laa-Laa stellte fest, sie habe sich bisher eher gefreut, wenn Menschen bleiben. Ein kurzer Moment Realität – dann wieder Sprache. Es ging nie um den Satz. Es ging darum, ihn so zu formulieren, dass niemand später dafür verantwortlich ist.

Dann trat der Beauftragte für die Herstellung von Einigkeit auf. Man müsse sparen, man brauche das Personal, man habe viel geleistet, man werde weiter konsolidieren. Und alles dafür tun, dass es nicht zu Kündigungen komme – soweit man das sagen könne. Ein Satz, der alles umfasst und nichts festlegt. Und damit exakt den Zustand beschreibt.

Beschlossen wurde ein Ziel. Erreicht wurde ein Satz. Irgendwann stand der Satz. Oder etwas, das dafür gehalten wurde. Nicht zu hart. Nicht zu weich. Nicht zu klar. Nicht zu verbindlich. Aber jederzeit erklärbar. „Durchschnittlich mindestens.“

Und nach rund 45 Minuten sprachlicher Akrobatik auf olympischem Niveau kam der entscheidende Moment: Gegenstimmen? Keine.

Die Bürgerschaft am Audiostream dürfte sich bereits auf die nächste Sitzung freuen. Nicht wegen der Inhalte. Sondern wegen der Frage, wie weit sich diese Form der sprachlichen Spitzennakrobatik noch treiben lässt. Wetten werden bereits entgegengenommen, ob Tinky-Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po ihr Niveau noch steigern können. Erfahrungsgemäß nicht mehr. Aber sicher ist man sich in Kleinprovincia bekanntlich nie. Und auch das wird sich – wie alles an in dieser Sitzung – sprachlich lösen lassen.

Fortsetzung folgt …

O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.

Hinweis: Diese Satire spielt in der fiktiven Stadt Kleinprovincia. Alle dargestellten Personen, Parteien und Ereignisse sind erfunden oder satirisch verfremdet. Sollte sich dennoch jemand wiedererkennen, ist das entweder Zufall – oder gesellschaftliche Trefferquote. Satire ist eine Form der Darstellung, die überzeichnet, zuspitzt und vereinfacht, um Zusammenhänge sichtbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Figuren, Dialoge und Situationen sind dabei bewusst verdichtet und stellen keine wörtliche Wiedergabe realer Gespräche oder tatsächlicher Abläufe dar.

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