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Von Thomas Thöne
Achim Werner fühlt sich diskriminiert. Altersdiskriminierung nennt der 72-Jährige es, wenn Kritiker fragen, warum er mit 73 noch einmal für den Stadtrat kandidiert. Erfahrung kann niemand bestreiten. Aber Altersweisheit sieht anders aus. Bei Werner klingt es eher nach Angst vor dem Abpfiff. Freiwillig ginge er nicht, mangels Wählerstimmen zwangsweise schon.
Werner kennt das Spiel seit Jahrzehnten. 1984 erstmals in den Stadtrat gewählt, 1990 blieb er draußen. Ausgerechnet, weil er sich selbst auf einen hinteren Listenplatz setzte, überzeugt davon, im Wahlkampf weit genug nach vorn gewählt zu werden. Gereicht hat es nicht. Die Genossen sprachen schon damals von Selbstüberschätzung. Danach bestand er parteiintern nur noch auf sichere Positionen auf der Stadtratsliste, auch mit dem Hinweis auf sein Amt als Kreisvorsitzender, mit dem er die SPD-Liste selbst mitstrickte. 1996 zog er so wieder ein – und sitzt seither ununterbrochen im Stadtrat. Von Mai 2009 bis Frühjahr 2020 war er Fraktionsvorsitzender. (Anmerkung: In den Jahreszahlen in diesem Absatz hatten sich Fehler eingeschlichen, die beim Redigieren leider übersehen wurden. Diese wurde behoben. Bitte entschuldigen Sie die zuvor falschen Jahreszahlen).
In der Fraktion war Werner selten still – wenn es um Posten, Pöstchen und gut dotierte Mandate ging, war er stets vorn dabei. Dazu könnten die früheren SPD-Stadträte Franz Götz, ein noch brillianterer politischer Strippenzieher, auch im Hinblick auf den Nutzen eines Stadtartsmandates, und Robert Bechstädt, als Zeitzeugen viele Geschichten erzählen. Etwa über das Ringen um Aufsichts- und Verwaltungsratsposten. Meistens gewann Werner diese Kämpfe, selten verlor er sie. Als er nach einer internen Abstimmung seinen Verwaltungsratssitz in der örtlichen Sparkasse abgeben musste, war das für manche schon das erste Zeichen, dass seine Macht bröckelte. Werner selbst reagierte intern gekränkt, gab sich nach außen gelassen – und zog intern die Zügel fester.
Wenn es um parteiinterne Machtspielchen ging, kannte Werner jede Variante – und scharte damit lange ein Lager um sich. Doch bei der Wahl zum Fraktionsvorsitz 2020 begann dieses Gefüge zu bröckeln: Werner unterlag seinem parteiinternen Rivalen Christian De Lapuente – der als Neuling erstmals in den Stadtrat einzog und seither nicht nur die Stadtratsfraktion, sondern auch die SPD in Ingolstadt führt. Spätestens da zeigte sich, dass Werners Rückhalt nicht mehr so groß war, wie er selbst es einschätzte. Endgültig offenbarte sich das bei der aktuellen Listenaufstellung für die Kommunalwahl 2026: Platz 5 wollte er, Platz 7 bekam er – zu wenig. Als Reaktion verließ er die SPD und deren Stadtatsfraktion und ließ sich von den Linken am Sonntag auf Platz 16 setzen. Zum Zeitpunkt dieser Aufstellung noch stellvertretender Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion.
Am besagten Tag verließ er die Sozialdemokratie – ohne Brief, ohne Mail, ohne ein Wort an die Ingolstädter SPD-Spitze. Diese entnahm Werners Schritt den Medien. Jahrzehntelang Vorsitzender oder Stellvertreter der Fraktion, doch beim Abgang nicht mal ein offizielles Wort: eine Stilfrage, die viele Genossen irritierte.
Hier wird der Zeitpunkt seines Wechsels zu den Linken und seine Erklärung dazu heikel. Werner verweist heute auf die Bundespolitik – Grenzkontrollen, Bürgergeld-Debatte – als Gründe für seinen Bruch. Doch die Entfremdung zwischen SPD und linker Stammklientel begann nicht gestern. Spätestens mit der Agenda 2010, die Gerhard Schröder am 14. März 2003 im Bundestag ausrief, setzte die Partei auf den Umbau des Sozialstaats. Kernstück waren die Hartz-Reformen – also knallharter Sozialabbau, von Gewerkschaften sowie linken politischen Kräften in und außerhalb der SPD massiv kritisiert.
Gegen diese Politik gab es 2004 landesweite Montagsdemos. Aus dem Protest entstand die WASG, die 2007 mit der PDS zu Die Linke fusionierte. Wenn eine solche Politik für Werner untragbar gewesen wäre, hätte der Zeitpunkt für einen Bruch mit der SPD damals nähergelegen. Nicht erst 2025, pünktlich nach einem verlorenen Machtkampf um Listenplätze. Heute heißt Hartz IV zwar „Bürgergeld“, doch die Konfliktlinie besteht seit zwei Jahrzehnten. Damit wirkt Werners Argumentation wenig glaubwürdig.
Man kann Werners schriftlicher Darstellung folgen – so wie man dem abtrünnigen SPD-Oberbürgermeister glauben konnte, er habe nur deshalb in Ingolstadt das Handtuch geworfen, um näher bei seinen Kindern in München sein zu können, statt an seiner Karriere als künftiger SPD-Oberbürgermeisterkandidat in der Landeshauptstadt München zu feilen. Man kann aber auch die Ansicht vertreten, Werner tue das alles nur, um „noch einmal“ in den Stadtrat einzuziehen.
Werner nennt die Debatte um sein Alter Diskriminierung – als ginge es um einen Justizskandal und nicht um eine Kandidatur mit 73. Geht es nicht eine Nummer kleiner? Bei Werner nie. Erfahrung hin oder her – es wirkt wie ein Mann, der nicht loslassen kann. Der Abpfiff rückt näher, aber Werner läuft weiter übers Feld, als würde er das Spiel alleine entscheiden.
Während die SPD in Bayern bei mageren Werten dümpelt und in Ingolstadt womöglich nur vier bis fünf Sitze holt, sichert sich Werner seinen Einfluss über die Hintertür. Wie sagte ein SPD-Fraktionsmitglied süffisant: „Ich wünsche Werner viel Spaß mit den Linken – und den Linken viel Spaß mit Achim Werner.“
Am Ende entscheidet die Wählerschaft, ob sie Werner mit dann 73 Jahren noch ein Stadtratsmandat zutraut, ihn so wichtig erachtet wie er sich selbst – und auch seinen Wechsel zur Linken honoriert. Also heißt es für alle Seiten bis dahin: politische Gelassenheit. Der Souverän entscheidet.
