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Die Stadt Ingolstadt will das Stadttheater sanieren – und gerät dabei in ein Spannungsfeld aus Geldnot, Denkmalschutz und Kulturanspruch. Der Spielbetrieb soll 2026 enden, 240 Millionen Euro an Sanierungskosten werden laut einer Sitzungsvorlage, die erst heute am späten Nachmittag im Ratsinformationssystem der Kommunale freigeschaltet wurde, veranschlagt. Der Stadtrat soll am 29. Juli abschließend entscheiden, schon morgen berät der Ausschuss für Kultur und Bildung die Verwaltungsvorlage.
Was auf den ersten Blick wie ein Verwaltungsakt wirkt, betrifft weit mehr: Es geht um die Frage, wie eine Stadt mit kulturellem Erbe umgeht, wenn diese in höchster Finanznot ist.
Technisch am Ende
Das Stadttheater – eröffnet 1965, entworfen vom Architektenehepaar Hämer – ist ein denkmalgeschützter Theaterkomplex mit zentraler Bedeutung für die Stadt. Doch nach fast 60 Jahren Betrieb ist das Gebäude technisch überaltert. Lüftung, Stromversorgung, Brandschutz und Bühnentechnik stammen teils noch aus der Entstehungszeit. Die Technik entspricht weder Sicherheits- noch Energiestandards.
Der Spielbetrieb läuft nur noch auf Zeit. Die Aufsichtsbehörden haben signalisiert: Viel Aufschub wird es nicht mehr geben. Bereits jetzt fließen jährlich rund eine Million Euro in Notreparaturen. Ein Weiterbetrieb über das Jahr 2027 hinaus sei laut Vorlage „wenn überhaupt, nur mit enormen und verlorenen Aufwendungen“ denkbar.
Die Stadtverwaltung empfiehlt deshalb einen geordneten Rückzug: Theaterbetrieb bis zum Ende der Spielzeit 2025/2026, Nutzung des Festsaals noch bis Juli 2027 – sofern die technische Sicherheit gewährleistet werden kann.
Erhalten statt ersetzen
Ziel ist keine völlige Umgestaltung, sondern eine denkmalgerechte Ertüchtigung. Die architektonische Qualität des Gebäudes aus der Nachkriegsmoderne – mit Sichtbeton, Bleiverkleidung, polygonalen Grundrissen – soll erhalten bleiben. Gleichzeitig ist eine umfassende technische Erneuerung geplant: von der Haustechnik über die Bühnentechnik bis zur energetischen Sanierung und barrierefreien Erschließung. Auch neue Gastronomiebereiche, eine multifunktionale Halle und der Umbau des Foyers sind vorgesehen. Die Planungen erfolgen auf Grundlage eines digitalen Gebäudemodells. Bauteilöffnungen und Musterfassaden sind für Sommer 2025 angesetzt.
Millionen gegen die Zeit
Im politischen Raum war zuletzt von Sanierungskosten zwischen 200 und 300 Millionen Euro die Rede. Die nun erstmals bezifferte Kalkulation der Stadt beläuft sich auf rund 180 Millionen Euro brutto. Hinzu kommen rund 21 Millionen Euro an voraussichtlichen Preissteigerungen bis zur Fertigstellung sowie ein Risikopuffer von 40 Millionen Euro, der unvorhergesehene technische oder denkmalpflegerische Aufwände abdecken soll. Insgesamt ergibt sich ein möglicher Finanzbedarf von knapp 242 Millionen Euro.
Ein gestreckter Bauablauf – mit parallelem Weiterbetrieb – wurde verworfen: zu teuer, zu störanfällig. Nach Einschätzung der Verwaltung würde er Mehrkosten von mehr als 55 Millionen Euro verursachen, etwa durch doppelte technische Vorhaltungen oder zusätzliche Anpassungen an neue Normen. Auch eine Teilsanierung während des laufenden Betriebs gilt inzwischen als nicht durchführbar.
Dass Kostenschätzungen dieser Größenordnung nicht zwangsläufig ausreichen müssen, hat die Stadt jüngst selbst erfahren. Mit dem Museum für Konkrete Kunst und Design ist Ingolstadt in der aktuellen Ausgabe des Schwarzbuchs des Bundes der Steuerzahler vertreten. Dort wird das Vorhaben – ursprünglich mit 33 Millionen Euro kalkuliert – als Beispiel für ausufernde und mangelhaft abgesicherte Kulturprojekte genannt. Inzwischen liegt der Kostenrahmen bei fast 60 Millionen Euro. Archäologische Funde, geologische Komplikationen und planerische Defizite führten zu jahrelangen Verzögerungen und massiven Mehrkosten. Die Folgen sind bekannt – und sollen sich im Fall des Theaters nicht wiederholen.
Lehren aus dem Museum
Im Fall des Theaters soll sich dieses Szenario nicht wiederholen. Die Vorlage verweist auf zerstörungsfreie Bauteilanalysen, digitale Modelle und frühzeitige Auflagen – und betont: Diesmal sei man vorbereitet.
Skizzen ohne Finanzierung
Allein für die nächsten Planungsschritte werden 11 Millionen Euro gebraucht: 6 Millionen im Jahr 2025, 5 Millionen im Jahr 2026. Doch im Haushalt sind für 2026 nur zwei Millionen eingeplant. Für die fehlenden drei Millionen gibt es keinen Deckungsvorschlag.
Zur Gegenfinanzierung will die Verwaltung 5 Millionen Euro aus anderen Hochbauprojekten umschichten: 4,2 Millionen aus dem Modulbau der Mittelschule Nordost, 0,8 Millionen aus der Sanierung der Grundschule Unsernherrn. Die Umschichtung betrifft Mittel aus dem Bildungsbereich – ein politisch sensibler Vorgang.
Förderungshöhe ungewiss
Der Freistaat Bayern kann unter bestimmten Bedingungen bis zu 75 Prozent der zuweisungsfähigen Kosten übernehmen. Voraussetzung: Theater und Festsaal müssen als funktionale Einheit gewertet werden. Ein Gutachten der Kulturberatung actori bestätigt die Plausibilität dieser Argumentation.
Eine organisatorische Verbindung mit der Kammerphilharmonie – etwa durch Umzug und gemeinsame Nutzung – wird geprüft. Auch zusätzliche Förderungen aus Denkmal- oder Nachhaltigkeitsprogrammen sind möglich. Konkrete Zusagen gibt es bisher nicht.
Entscheidung auf Zeit
Der Stadtrat stimmt Ende Juli nicht über die Sanierung selbst ab, sondern über die Fortführung der Planung. Ohne Freigabe: keine Anträge, keine Planung. Ein Nein würde das Projekt auf unbestimmte Zeit stoppen.
Richtungswahl
Der Sanierungsvorschlag zählt zu den freiwilligen Aufgaben der Stadt. Die Stadt ist nicht gesetzlich verpflichtet, das Theater zu erhalten. Bürgerbeteiligung ist nicht vorgesehen. Die Entscheidung fällt unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen. Die Haushaltslage ist angespannt, Investitionen in Schulen und soziale Infrastruktur wurden bereits zurückgestellt.
Das Theater schließt – geplant. Für wie lange, bleibt offen. Der Stadtrat entscheidet – und mit ihm, wie viel Kultur sich die Stadt noch leisten kann.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
