Werden Sie Unterstützer:in von O-T(h)öne
Machen Sie mit bei „Die Berichterstattung von O-T(h)öne ist mir etwas wert“. Ihre Mithilfe trägt dazu bei, dieses Angebot fortzuführen.


Haushaltssperre, Kürzungslisten, Gebührenerhöhungen, wachsender Frust in der Bürgerschaft – und mittendrin ein Projekt, das 242 Millionen Euro kosten soll: die Sanierung des Ingolstädter Stadttheaters. Zwar ist das Klinikum mit rund einer Milliarde Euro Sanierungskosten langfristig das deutlich größere Vorhaben – doch das Theaterprojekt steht derzeit stärker im Fokus der öffentlichen Debatte.
Lange war von der Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik dazu wenig öffentlich zu hören, die letzten Sitzungsunterlagen des Stadtrates wurden zeitlich sehr knapp vor der Sitzung öffentlich zugänglich gemacht. Jetzt geht die Stadt in die Offensive – mit einer eigenen Website, die informieren, einordnen und Vertrauen zurückgewinnen soll.
Unter ingolstadt.de/sanierung finden sich technische Hintergründe, geplante Abläufe und politische Beschlüsse. Die Veröffentlichung fällt in eine Phase wachsender Unsicherheit – finanziell wie politisch. Denn während in der Stadt an sozialen Projekten gespart wird, wächst die Kritik am Zeitpunkt der Sanierung.
Die Kritik bezieht sich nicht allein auf die Höhe der Kosten, sondern zunehmend auf das Verfahren selbst. In der Stadtgesellschaft wächst der Eindruck, dass gespart wird, wo es sichtbar weh tut, während Großprojekte weiterlaufen – und Entscheidungen im Rathaus zu oft ohne breiten Dialog getroffen werden.
Tatsächlich hatte der Stadtrat Anfang Juni massive Kürzungen bei freiwilligen Leistungen beschlossen. Der Verwaltungshaushalt soll dauerhaft um 30 Millionen Euro entlastet werden, 1,5 Millionen davon durch Einschnitte bei Kultur-, Sozial- und Jugendprojekten. Betroffen sind unter anderem das Jugendparlament, der Bürgerhaushalt und der Klimafonds. Auch Fördermittel für Vereine, Sportanlagen und Stadtteilbibliotheken wurden gekürzt.
Gleichzeitig fließen Planungsmittel in das Theaterprojekt. In der öffentlichen Wahrnehmung entsteht ein Spannungsverhältnis: Während an der Basis gestrichen wird, bleibt ein Kostenblock von 242 Millionen Euro auf der Agenda – inklusive Vorbereitungen für den Umbau.
Auch andere Maßnahmen sorgen für Unmut – etwa die Bereitstellung von 446.000 Euro für Infrastruktur rund um eine Außenskulptur vor dem entstehenden Museum für Konkrete Kunst und Design. Das Projekt war bereits wegen explodierender Baukosten von mittlerweile rund 60 Millionen Euro im Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes kritisiert worden. Die Sorge: Dass sich ein solches Szenario bei der Theatersanierung wiederholt.
Die neue Website soll laut Stadtverwaltung häufig gestellte Fragen aufgreifen und die Planungsgrundlagen nachvollziehbarer machen. Ein Redaktionsteam im Kulturreferat soll die Seite laufend pflegen und aktualisieren.
Der weitere Fahrplan: Im Juli entscheidet der Stadtrat über die Fortführung der vertieften Planung. Der eigentliche Sanierungsbeschluss soll Mitte 2026 folgen – auf Basis aktualisierter Bau- und Förderkosten. Der Freistaat Bayern stellt grundsätzlich eine Förderung von bis zu 75 Prozent für förderfähige Ausgaben in Aussicht. Eine konkrete Förderzusage liegt bislang nicht vor. Die Stadt verweist darauf, dass eine spätere Antragstellung risikobehaftet sei – auch im Hinblick auf verfallende Mittel und steigende Baukosten.
In der Stadtgesellschaft wird der Ruf nach direkter Beteiligung lauter. Ein Bürgerbegehren zur Sanierungsfrage ist derzeit noch hypothetisch, wird aber öffentlich diskutiert – nicht als Angriff auf die Kultur, sondern als Reaktion auf fehlende Mitsprache bei einer der größten Investitionsentscheidungen der kommenden Jahre.
Auch ein sogenanntes Ratsbegehren – ein Bürgerentscheid auf Initiative des Stadtrates – wäre rechtlich möglich. Dafür müsste eine Zweidrittelmehrheit im Gremium zustimmen. In Ingolstadt wurde ein solcher Schritt bislang nicht öffentlich diskutiert. Dabei könnte ein Ratsbegehren eine verbindliche Klärung herbeiführen, welche Haltung die Bürgerschaft zur Theatersanierung vertritt – vorausgesetzt, der Stadtrat wäre bereit, die Entscheidung über Zeitpunkt und Umfang des Projekts an die Bevölkerung zu übergeben.
Ein Bürgerentscheid ist in Ingolstadt nicht ohne Vorbild: 2022 stoppte ein solcher das Projekt Kammerspiele. Damals war es ein Neubau, heute geht es um den Bestand – aber die Fragen sind ähnlich geblieben. Schon damals ging es nicht nur um Architektur und Kosten, sondern um die Frage, wie weitreichende Kulturentscheidungen demokratisch legitimiert sein müssen – und wer sie trifft: der Stadtrat im Rahmen seiner Zuständigkeit – oder basisdemokratisch die Bürgerschaft. Wer entscheidet – und auf welcher Grundlage?
Die Informationsseite schafft erstmals eine zentrale Übersicht zum Projektstand. Ob sie auch politisch zur Entlastung beiträgt, bleibt offen. Denn am Grundkonflikt hat sich nichts geändert: Die Sanierung ist erklärungsbedürftig – und die Geduld in Teilen der Bürgerschaft begrenzt. Entscheidend wird sein, ob die Stadtverwaltung das Informationsangebot mit echter Beteiligung verknüpft – oder es bei einseitiger Kommunikation belässt.
Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.
