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Theatersanierung: Realität schlägt Rhetorik

In manchen Erzählungen gibt es nur Schwarz und Weiß. Auf der einen Seite die wahren Verteidiger der Kultur. Auf der anderen eine angeblich dumpfe, kulturferne Masse, der man nur noch mit Pathos und Polemik begegnen kann. Doch wer Kultur wirklich will, braucht mehr als das: Er braucht Augenmaß. Und einen realistischen Blick auf das, was möglich ist.

Wer in Zeiten knapper Kassen öffentlich über die noch vorhandenen Möglichkeiten der Kulturfinanzierung spricht, oder gar über Kürzungen, braucht ein dickes Fell. Schnell fällt das Wort „Kulturfeindlichkeit“, als wäre schon die bloße Debatte ein Angriff auf die Freiheit der Kunst. Dabei ist das Gegenteil oft der Fall – auch in Ingolstadt.

Die Stadt versucht unter schwierigsten Bedingungen an ihrer Kulturpolitik festzuhalten. Mit Einschränkungen, ja – aber nicht mit Absage. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn in Bayern – wie überall – sind es die sogenannten „freiwilligen Leistungen“, bei denen die kommunale Rechtsaufsicht zuerst den Rotstift ansetzt. Auch das Stadttheater gehört dazu.

Wenn die Haushaltslage auf Haltung trifft

Das Stadttheater soll nicht aus Jux und Tollerei saniert werden, sondern weil es langfristig notwendig ist. Und doch gibt es kein endgültiges „Go“. Der Stadtrat wird in Kürze darüber entscheiden, ob und wie es weitergeht – denn das Geld liegt nicht auf der Straße. Der Eigenanteil der Stadt an der geplanten Theatersanierung könnte Millionen kosten – zusätzlich zu all dem, was das Klinikum und die Infrastruktur verschlingen.

Wer dabei ernsthaft vorgibt, es gebe keine Alternativen zur Sanierung, ignoriert die Realität: Der politische Spielraum ist eng. Auch deshalb steht die Stadt vor der Frage, ob ein kompletter Umbau sofort leistbar ist – oder ob das Haus vorerst geschlossen werden muss, bis wieder Spielräume entstehen.

Worum es wirklich geht

Worum es in Ingolstadt geht, ist nicht der kulturelle Rückzug. Es geht um den Versuch, Kultur unter haushaltspolitischem Druck zu erhalten. Das ist weder feige noch heldenhaft. Sondern schlicht verantwortungsvoll. Ein Theatersanierungsstopp ist nicht ausgeschlossen. Aber auch kein Kulturverzicht. Und genau das wird in manchen Diskussionen unterschlagen.


„Kulturelite“ – Begriff mit Wirkung

Wenn das Wort „Kulturelite“ fällt, schrillen die Alarmglocken. Klar, oft ist es ein Kampfbegriff. Doch man muss sich auch nicht wundern, wenn solche Zuschreibungen auftauchen – gerade dann, wenn Andersdenkende, auch kommunalpolitische Akteure, öffentlich diskreditiert und Bürgerinnen und Bürgern ihre Urteilsfähigkeit abgesprochen wird.

Dass Menschen beim Bürgerentscheid 2022 anders entschieden haben, war Ausdruck demokratischer Teilhabe – kein Populismus. Es war ein Votum, das den damaligen Kammerspiele-Bau verhinderte. Wer daraus eine kulturfeindliche Gesinnung ableitet, betreibt selbst Ausgrenzung. Der entmündigt die Bürgerschaft, die anders abgestimmt hat, als man es sich selbst gewünscht hätte.

Realität schlägt Rhetorik

Kultur kostet – immer. Doch wer glaubt, dass alles wie bisher weiterlaufen kann, muss auch sagen, woher das Geld kommen soll. Oder anders gefragt: Was soll gestrichen werden? Schulen? Feuerwehr? Oder – Ironie erlaubt – das Klinikum für einen symbolischen Euro verkaufen, um die Theatersanierung in Gold zu gießen?

Nein, so läuft es nicht. Und genau deshalb braucht es nüchterne Debatten. Nicht Alarmismus. Nicht Selbstverklärung. Sondern Klarheit darüber, was Kultur leisten kann – und was sich eine Stadt in schwierigen Zeiten leisten muss.

Zwischen Appell und Abwägung

Es gibt viele stichhaltige Gründe, Kultur zu schützen – und noch mehr, sie nicht voreilig aufs Spiel zu setzen. Aber wer bei jeder Kürzung von „Kulturfeindlichkeit“ spricht, verkennt die finanzielle Realität der Stadt Ingolstadt.

Kultur ist kein Tabu. Sondern ein Teil der kommunalen Verantwortung. Sie braucht keinen moralischen Schutzschild. Sondern politische Klugheit, Engagement – und den Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen und Lösungen hinzunehmen.

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