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VW-Krise und Stadthaushalt: Was Ingolstadts Stadträte erwarten

Lange galt Ingolstadt als Stadt, in der finanziell sprichwörtlich Milch und Honig flossen. Hohe Gewerbesteuereinnahmen aus der Automobilindustrie sorgten über Jahre für volle Kassen. Größere Sparprogramme waren im Stadtrat selten ein Thema. Doch diese finanzielle Komfortzone wankt seit geraumer Zeit. Der Ingolstädter Stadtrat musste bereits erste Konsolidierungsprogramme auf den Weg bringen.

Der deutliche Gewinneinbruch beim Volkswagen-Konzern hat nun in der Kommunalpolitik eine neue Debatte ausgelöst: Wie stark wird die Krise der Autoindustrie den Stadthaushalt treffen? Ein erheblicher Teil der kommunalen Einnahmen hängt direkt oder indirekt vom wirtschaftlichen Erfolg der Automobilbranche ab.

Für viele Stadträte steht deshalb eine zentrale Frage im Raum: Wie stark wird der Gewinneinbruch des VW-Konzerns – des größten Gewerbesteuerzahlers in Ingolstadt – auf die Gewerbesteuer durchschlagen? Das Nachrichtenportal O-T(h)öne hat dazu bei Stadtratsmitgliedern nachgefragt.

CSU-Stadtrat Christian Lösel geht davon aus, dass die Zahlungen aus dem Volkswagen-Umfeld deutlich zurückgehen könnten – möglicherweise um etwa 50 Prozent. Ganz ausfallen dürften sie jedoch nicht, sofern keine steuerlichen Sondereffekte eintreten. Zusammen mit den Gewerbesteuereinnahmen des Mittelstands sieht er darin einen kleinen Hoffnungsschimmer. Gleichzeitig fordert Lösel ein internes Kostensenkungsprogramm für die Stadt.

Der frühere Finanzbürgermeister Albert Wittmann (CSU) zeigt sich skeptischer. Die aktuellen Zahlen aus dem Volkswagen-Konzern reihten sich in eine Serie wirtschaftlicher Warnsignale ein. Eine kurzfristige Entlastung für den Stadthaushalt erwartet er nicht. Mit Blick auf internationale Unsicherheiten – etwa die Zollpolitik der USA oder geopolitische Konflikte im Nahen Osten – sieht Wittmann zusätzliche Risiken für den Welthandel und damit auch für die exportorientierte Automobilindustrie. Für die Stadt Ingolstadt bedeute das, den eingeschlagenen Konsolidierungskurs konsequent fortzusetzen und substanzielle Einsparungen zu beschließen. Bisher habe man vor allem steigende Ausgaben ausgeglichen.

Auch FDP-Stadtrat Jakob Schäuble geht davon aus, dass Ingolstadt vorerst mit niedrigeren Gewerbesteuereinnahmen planen muss. In den kommenden Wochen werde der Stadtrat beraten müssen, welche weiteren Maßnahmen notwendig sind. „Einfach wird das nicht“. Vergleiche mit der früheren Krise der US-Autostadt Detroit weist Schäuble jedoch zurück. Detroit gilt bis heute als warnendes Beispiel für den wirtschaftlichen Absturz einer stark von der Autoindustrie abhängigen Stadt.

Hans Stachel, Fraktionsvorsitzender der FREIEN WÄHLER, geht ebenfalls davon aus, dass weiterhin Gewerbesteuer fließen wird. Wie hoch diese ausfällt, lasse sich jedoch erst beurteilen, wenn der Steuerbescheid vorliegt. Steuerliche Sondereffekte könnten die tatsächlichen Einnahmen noch deutlich verändern. Welche Folgen das für die Haushaltsentscheidungen des Stadtrats haben wird, sei derzeit schwer abzuschätzen. Dass notwendige Sparmaßnahmen im Stadtrat keine Mehrheit finden könnten, hält Stachel allerdings für kaum vorstellbar.

SPD-Stadtrat Quirin Witty erwartet, dass die Herausforderungen für die Stadt größer werden. Der gesamte Stadtrat müsse sich stärker mit der Prioritätensetzung im Haushalt befassen. Witty hält es zudem für sinnvoll, dass Vertreter der Regierung von Oberbayern als kommunale Rechtsaufsichtsbehörde in einer Stadtratssitzung erläutern, welche Anforderungen aus Sicht der Aufsicht an mögliche Sparmaßnahmen bestehen. Gleichzeitig wünscht er sich mehr Unterstützung durch den Freistaat.

Auslöser der Diskussion sind die aktuellen Zahlen des Volkswagen-Konzerns. Der Gewinn nach Steuern sank 2025 von 12,4 Milliarden auf 6,9 Milliarden Euro – ein Rückgang um rund 44 Prozent. Besonders stark traf es die Konzerntochter Porsche: Der operative Gewinn brach von 5,3 Milliarden auf rund 90 Millionen Euro ein. Gleichzeitig hält der Konzern an seinem Sparkurs fest. Bis 2030 sollen in Deutschland rund 50.000 Stellen wegfallen, darunter auch mehrere Tausend bei Audi.

Für Ingolstadt trifft diese Entwicklung auf eine ohnehin angespannte Haushaltslage. Finanzreferent Franz Fleckinger warnte bereits im Februar bei der Einbringung des Haushalts 2026 im Stadtrat: „Der Ernstfall ist da.“ Der Etat weist ein Defizit von rund 66 Millionen Euro aus.

Die Stadt steht bereits unter der Rechtsaufsicht der Regierung von Oberbayern. Der Stadtrat konnte keinen genehmigungsfähigen Haushalt beschließen. Die Aufsichtsbehörde überwacht daher die Finanzplanung der Kommune und kann weitere Konsolidierungsmaßnahmen verlangen sowie beabsichtigte Maßnahmen ablehnen.

Schon seit Längerem zeichnet sich die Entwicklung ab. Sinkende Gewerbesteuereinnahmen, steigende Sozial- und Personalausgaben sowie hohe Investitionen belasten den Haushalt zunehmend. Nach aktuellen Planungen könnte der Schuldenstand der Stadt bis 2028 auf über 520 Millionen Euro steigen.

Bereits im vergangenen Sommer hatte Fleckinger die Situation mit einem literarischen Verweis beschrieben. Er zitierte aus Goethes „Faust II“: „Die Goldespforten sind verrammelt, denn jeder kratzt und scharrt und sammelt – und unsere Kassen bleiben leer“.

Seit Jahresbeginn befindet sich Ingolstadt faktisch in einer haushaltslosen Zeit. Mit einem Grundsatzbeschluss vom Dezember 2025 hat der Stadtrat deshalb eine umfassende Überprüfung der städtischen Aufgaben eingeleitet – auch bei den Beteiligungsunternehmen. Neben freiwilligen Leistungen stehen zunehmend auch bestehende Angebote auf dem Prüfstand.

Für den neu gewählten Stadtrat, der im Mai sein Amt antritt, bedeutet das vor allem eines: Er übernimmt eine bereits laufende Konsolidierung. Die Jahre üppiger Gewerbesteuereinnahmen sind vorerst vorbei. Der Sparkurs dürfte Ingolstadt noch länger beschäftigen.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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